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Gräfin Mariza

Von Pinnacle 29.03.2020, 10:31

Gräfin Mariza
Joa Bosch ©BJS

Gräfin Mariza ist ja eigentlich eine deutsche Operette von Emmerich Kalmann aus dem Jahre 1924, die 1958 verfilmt wurde.
Die nun folgende wahre Geschichte handelt von der Nachkriegszeit in den Jahren 1945 bis 1953. Diese Jahre standen im Zeichen des Neubeginns und sind ein bleibendes Zeitzeugnis, wie es damals meine Familie erzählte und viele Menschen das so empfanden.

Auch wir hatten in unserer Familie eine Gräfin Mariza!

So nannten wir unsere eigenartige Tante Krischa. Sie war keine Adelige, aber benahm sich wie eine. Sie war halt immer etwas Besseres und ihr Name, der aus dem Russischen stammt, bestimmte ihr selbstsicheres Benehmen. Krischa war während der Kriegswirren aus Böhmen zu meinen Eltern und deren Geschwistern nach Frankfurt am Main geflüchtet. Sie hatte bald die Zeichen der Nachkriegszeit erkannt und es mit dem Gewinn aus dem ergiebigen Schwarzmarkthandel rasch zu Wohlstand gebracht. Krischa kannte alle Tricks und Schummeleien des profitablen Geschäfts. Die meisten Ganoven hatten genauso gehö¬rigen Respekt vor ihr, wie meine Familie. Denn sie unterstütze uns, wo sie nur konnte.
Tante Krischa residierte in einer großbürgerlichen Altstadtvilla, die sich in einem vornehmen und unbeschädigten Stadtteil befand. Ihre Festivitäten mit namhaften Größen aus der Frankfurter Obrigkeit und amerikanischen Besatzungsoffizieren waren Legende. Mit ihrem Charme verstand sie es, mit allen ins Geschäft zu kommen.

So gelangten Güter aus Armeebeständen der Besatzungsmacht wie Brot, Speck, Zucker, Milchpulver, Schokolade und „Butterfinger“ aber auch Zigaretten auf den Schwarzmarkt. Dort wurden diese Schätze zu horrenden Reichsmarkbeträgen oder auch gegen Kameras, goldene Uhren, Schmuck oder Schnaps eingetauscht. Gerade mit Zigaretten hatte sie so ein kleines Vermögen gemacht. Eine Stange „Lucky Strike“ (10 Packungen oder 200 Stück) kostete damals 5 Dollar. Bei einem Preis von 5 Reichsmark pro Zigarette bekam man auf dieser Weise für eine Zigarettenstange leicht 1000 Reichsmark!
Oder man konnte für die GI`s, zum späteren Tausch, echte „Trophäen“ wie militärische Orden und Dolche mit Hakenkreuzen einhandeln. Zwar war das alles streng verboten, aber die meisten setzten sich unter dem Motto: „Man darf alles – man darf sich nur nicht erwischen lassen“ über alle Vorschriften hinweg.

Mit der Währungsreform am 20. Juni 1948, bei dem jeder Westdeutsche 400 Reichsmark in ein „Kopfgeld“ von 40 Deutsche Mark eintauschen konnte, war dann der Spuk vorbei und die Menschen mussten sich ihren Lebensunterhalt redlich beschaffen. Das Wirtschaftswunder nahm ab 1950 seinen Lauf.

Nach der berühmten „Fresswelle“ begannen die Leute ihren beginnenden Wohlstand mit Kühlschrank, Musiktruhe, Fernseher oder sogar einem Auto zu zeigen. Gräfin Krischa legte aber auf solch profane Dinge keinen großen Wert. Sie investierte ihren Profit aus dem vergangenen Schwarzhandel in einen exquisiten Frisiersalon. Auch auf Mode, Schönheit und Eleganz legte sie großen Wert. Tante Krischa war in der Gesellschaft angekommen. Ihr Markenzeichen waren dramatische Auftritte in eleganten Kostümen, mit großen Hüten, Krokodilleder-Taschen, hochhackigen Schuhen – die auch „Stilettos“ oder „Pumps“ genannt wurden, Nylonstrümpfen mit Naht, blumigen Rüschenschirmchen und langen Handschuhen die bis zum Ellenbogen reichten. Diese zog sie aber nicht über, sondern setzte sich bei Unterhaltungen kerzengerade, mit schräg gestellten Beinen, damenhaft in Positur, hielt das Handschuhpaar in der rechten Hand und schlug damit wie im Takt in die linke hohle Hand, um mit dieser Geste ihre snobistischen Argumente zu unterstreichen. Dabei blickte sie ihre Gegenüber mit erhobener Augenbraue an und sprach vornehm mit ihnen, meist in Dritter Person. Bald sprachen viele mit Bewunderung, andere eher aus Verachtung, nur noch von der „Gräfin Mariza“!

Ein Erlebnis, das ich 1953 als neunjähriger Bub mit der „Gräfin“ hatte, blieb mir bis heute in Erinnerung. An einem kalten Wintertag, lud mich Tante Krischa in das Cafè Wipra ein. Diese Instution war zu dieser Zeit die Attraktion in Frankfurt. Im Wipra, das sich auch „Cafè der Tierfreunde“ nannte war man über zwei lichtdurchfluteten Stockwerken umgeben von exotischen Pflanzen, wie Kakteen bis zu Orchideen, und Tieren wie Papageien, Affen, Fischen, die in Käfigen und Aquari¬en an der Wand und rund um die Tische gehalten wurden. Zwischen schrillen Tier-Geräuschen, dem Lärm der Gäste und all dem Zigarettenqualm sollte an diesem Tag von der Firma Maggi eine Werbe- und Verkaufsrevue veranstaltet werden. Und das Kind, das in einem Malwettbewerb das schönste Suppenhuhn auf eine große Schiefertafel zeichnete, sollte den Hauptpreis, bestehend aus den Produkten aus dem Hause Maggi, als Sieger erhalten. Tante Krischa waren meine Zeichenkünste und die Freude am Malen bekannt und bestimme meine Eltern, dass ich an diesem Wettbewerb teilnehmen müsse.

Wir fuhren also mit der Straßenbahn zur Hauptwache, stiegen dort aus und auf dem Weg zu dem gegenübergelegenen Cafè geschah das Unglück.
Bei dem Überqueren der Straßenbahngleise blieb einer von Krischas Stilettos in einer Weiche stecken und ließ sich auch nicht unter Zuhilfenahme des spitzen Absatzes von dem zweiten Schuh daraus entfernen. Und wie sich die Gräfin fluchend so bemühte, nahte die Linie 11 auf dem Gegengleis und klingelte schon von weitem, bis sie kurz vor uns mit Dauerklingeln und quietschenden Tönen zum Stehen kam.

Von der feinen Gräfin war nun nichts mehr übrig. Mit der einen Hand hielt sie den breitrandigen Hut, der sich über das halbe und rotwütige Gesicht geschoben hatte, mit der anderen Hand den heilen Pumps haltend, stürmte sie auf den Führerstand zu, hämmerte wie verrückt gegen die Frontscheibe der Strassenbahn bis diese in tausend Scherben zersplitterte. Dabei schrie sie: „Du verfluchter Nazi, siehst Du denn nicht, dass da einer meiner Kroko-Stilettos in Deiner verdammten Scheißweiche steckt?“. Ich habe das Gesicht von dem geschockten und splitterübersäten Tramführer nie vergessen.

Ein Polizist, der in einem weißen Gummimantel und großen Handschuhen den Verkehr an der Kreuzung regelte, hielt uns so lange fest, bis die „Grüne Minna“, ein Mannschafts- und Gefangenentransportwagen, eintraf. Währenddessen hatte ein Schaffner mit einem Stecheisen die Weiche geöffnet und der Gräfin ihren lädierten Pump, allerdings ohne den hochhackigen Absatz, übergeben.

Auf dem Polizeirevier warf Krischa gekonnt ihren Hut lässig über den Polizeimützenständer, humpelte auf einem Absatz zu dem Revierleitertisch, zückte ihr goldfarbenes Notizbüchlein, nahm Ungefragt und ohne Widerworte der Anwesenden das Diensttelefon, wählte eine Nummer und schilderte dem Zuhörer kurz und damenhaft ruhig den Hergang mit der Weiche an der Hauptwache. Urplötzlich fauchte sie zum Schluss giftig in die Sprechmuschel: „Und jetzt mein Lieber, hör mal genau zu, pfeif sofort deine Kettenhunde zurück, ich muss mit dem Kind in zehn Minuten bei Maggi sein. Also, deine Glanzhosen fahren uns sofort zum Wipra zurück, aber zack zack, mit vollem Blaulicht, Sirene und so, also das ganze Programm -verstanden? – sonst setzt es was – denk an deine Morphium-Nächte mit deiner Schwuchtel Rosa Paulinchen“.
Dann reichte sie, ohne ihn anzusehen, den Hörer dem Revierleiter, steckte gelangweilt eine Lucky Strike in eine ausziehbare lange Elfenbein-Zigarettenspitze und ließ sich, ohne einen Blick zuzuwerfen, von ihm Feuer geben.

Dabei schlug dieser nach diensteifrigen Zuhören die Hacken zusammen und stotterte untergeben in den Telefonhörer: „Jawoll, wird sofort ausgeführt, sie können sich darauf verlassen, jawoll ich fahr die Herr¬schaften höchstpersönlich zum Cafè Wipra und rechtzeitig zu der Maggi-Revue, jawoll Herr Polizeipräsident, jawoll“, und legte zitternd auf.

Dank Gräfin Marizas Verbindungen aus Schwarzmarktzeiten und dem Wissen über menschliche Schwächen kamen wir gerade noch rechtzeitig in das Cafe` Wipra. Glücklich malte ich, während Tante Krischa sich nebenan bei „Salamander“ neue Stilettos kaufte, für Maggi das allerschönste Suppenhuhn der Welt und erhielt, zunächst einmal symbolisch, den 1. Preis. Dieser Hauptpreis, eine riesige Holzkiste, wurde einen Tag später werbewirksam mit einem Maggi-Lastwagen und Lautsprecherdurchsagen in unsere Straße geliefert. Darin, gefüllt bis zum Rande, befanden sich Fähnchen, Schürzen und Kochmützen in gelber Farbe, die mit dem schwarzen Maggi-Logo versehen waren – UND - Hunderteaberhunderte Brüh- und Suppenwürfel, Bratensoßen, Erbswürsten und Tütensuppen aller Art.

Wir mussten der neugierigen Nachbarschaft alles haargenau erzählen und, unser Essen bestand wochenlang nur aus Suppen, Suppen und nochmals Suppen. Gräfin Mariza wollte aber von all dem nichts abhaben, Maggi-Suppen waren für sie dann doch zu banal.

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