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GOCKELEI

Von egalis Dienstag 07.05.2019, 20:44

Immer, wenn es notwendig wurde, bestellte mein Schwager für seine Schlangen, die er in diversen Terrarien hielt, Eintagsküken. Die wurden als Tiefkühlware angeliefert und nach Bedarf aufgetaut verfüttert. Irgendetwas war bei einer der letzten Bestellungen schiefgegangen: Es kamen etliche lebende Küken bei ihm an, Kampfhühnernachwuchs. Was tun? Selber die Tierchen vom Leben zum Tode befördern, das konnte er nicht. Wie gut, dass seine Schwägerin, nämlich ich, mit ihrem/meinem Mann einen kleinen Bauernhof bewirtschaftete. Da war doch sicher noch Platz?

Kampfhühner kannten wir noch nicht und willigten ein, diesem Federvieh Asyl zu gewähren. Wir waren allerdings unsicher, wie unsere Italiener mit denen umgehen würden und schufen einen Extra-Verschlag. Die Küken sahen aus wie Minifasanen und ausgewachsen sind sie noch kleiner als Zwerghühner. Auch ihr Gehirn muss ziemlich winzig sein.

Es dauerte lange, bis sie begriffen hatten, wer auf dem Hof das Sagen hatte. In der Zwischenzeit sahen sie uns wohl als Kampfhähne an – schließlich liefen wir auch auf zwei Beinen – und da unsere Beine wesentlich länger waren als die ihrer Artgenossen, boten sie auch mehr Angriffsfläche. Sie besannen sich dann aber doch auf ihre eigene Art und eins der weiblichen, inzwischen ausgewachsenen Küken stolzierte eines Tages sehr wachsam mit nur einem Küken in der Wiese herum.

Dann kam mal wieder Besuch mit einer Überraschung: Meine Schwester lud einen Kasten aus dem Auto. Darin waren: na, man ahnt es wohl schon, Kampfhühner. Ein Bekannter konnte sie nicht mehr in seiner Zucht gebrauchen und schließlich hatten wir ja Platz genug.
Ein Kampfhahn, der nur abgebrochen krähen konnte (Kiiik-kärrr), zwei Kampfhennen und eine Kampfhennenglucke kamen in den Kampfhuhn-Hühnerstall. Die Glucke versuchte zu brüten. Das wurde aber nichts, weil sie sich dauernd neben die Eier setzte und die nicht unter ihr Federkleid nahm.

Ich hatte mir eine Auszeit verordnet und verreiste ein paar Tage mit meiner Schwester. Als ich wieder zu Hause war, teilte man mir mit, dass die Kampfhühner nicht mehr in ihrem Stall waren, unsere Tochter hatte sie “befreit“. Wir wollten die Tiere einfangen, zuletzt seien sie unter der Hecke gesehen worden, aber sie taten keinen Pieps und waren somit auch nicht zu finden. Schließlich sahen wir im Stall der großen Eierproduzenten nach und entdeckten zu unserem Erstaunen, dass unser stolzer Italiener die Kampfhuhndamen unter die Fittiche genommen hatte. Alle saßen friedlich auf der Stange. Es fehlte nur der Hahn.

Am anderen Morgen wussten wir, wo der sich befand: Um vier Uhr krähte er unter unserem Schlafzimmerfenster mit großer Ausdauer. „Düvelsding“, knurrte mein Mann und zog sich die Decke über die Ohren. Der Gockel hörte nicht auf und hörte nicht auf. Also zog ich mir einen Regenmantel an und suchte die nasse Hecke ab. Ganz oben saß der Kräher. Ich bekam ein Bein zu fassen. Allerdings war er schneller, entzog sich mir und zeigte, wie gut er fliegen konnte – fast bis zu den Nachbarn.

Auch tagsüber ließ er sich nicht einfangen. Er stolzierte um die kleine Glucke und ihr Küken herum und gab mächtig an. Aber die Glucke wollte nichts von ihm wissen. Zu den anderen Hühnern wollte er nicht. Der große Hahn hatte ihm wohl eine Lektion erteilt. Abends war er wieder verschwunden und nicht aufzutreiben. Aber am anderen Morgen war er wieder um vier Uhr kregel und machte Krach.

Mein Mann war genervt: „Heute Abend kriegt der den Kopf ab!“ Ich dachte nur: ‚Musst ihn erst fangen.’ – Dasselbe Spiel: Das Tier war verschwunden und um Vier unsere Nacht vorbei. Ich fing auch langsam an zu verzweifeln und war bereit, selber mit dem Luftgewehr, wenn er unter unserem Schlafzimmerfenster kräht ...

Aber das brauchte ich dann doch nicht. Am nächsten Tag habe ich spitz gekriegt, dass er jetzt auf der anderen Hausseite seinen Weckruf losließ und damit konnten wir leben...

(elbondo)

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