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Familienbande

Von Pinnacle Samstag 28.03.2020, 09:11

Familienbande
Joa Bosch ©BJS

Fauchend und zischend kam das gewaltige Ungetüm aus Eisen und Stahl zum Stehen. Weißer Dampf, vermischt mit schwarzem Rauch und glühenden Funken, stoben aus seinem Schlund und stiegen in der großen Halle empor. Ein rußverschmierter Mann lächelte und winkte aus dem Führerhaus von oben herab der wartenden Menschenmenge zu.

Voller Hoffnung stand Emma Dudek mit ihren zwei kleinen Kindern am Gleis 26 im, von Bombentreffer schwer beschädigten, Frankfurter Hauptbahnhof. Der harte Nachkriegswinter 1946/47, der immer noch Tausende Menschenleben von dem zerstörten Land abverlangte, hielt mit eisiger Hand die völlig zerbombte Stadt fest im Griff.

Die kleine Familie wartete, wie hunderte andere Frauen und Kinder auch, auf den wöchentlichen Sonderzug, der ihre Männer aus der Kriegsgefangenschaft endlich nach Hause bringen sollte.
Als sich die Schiebetüren der Güterwaggons öffneten, gab es kein Halten mehr. Hunderte von Suchenden liefen mit Namens-Papp¬schil¬dern rufend aufeinander zu. Aber nur wenige Familien konnten ein paar ausgemergelte Gestalten weinend in ihre Arme nehmen. Die meisten Heimkehrer fanden keine Angehörigen und wurden vom Ro¬ten Kreuz in Notunterkünfte zur Registrierung gebracht.

Auch Emma, die ihren Mann schon 1945 als vermisst gemeldet hatte, nahm enttäuscht ihre Kinder bei der Hand und sagte, wie schon ein paarmal zuvor, zu den Kleinen: „Beim nächsten Zug ist Papa ganz bestimmt dabei“. Dann begaben sie sich zurück in die notdürftig eingerichtete Kellerwohnung einer ausgebrannten Ruine. Unterwegs kamen die Erinnerungen an ihre betrogene Generation wieder auf.

Emma und Josef hatten 1935 geheiratet. Schon 1936 kamen Elfriede und ein Jahr später, auch Werner auf die Welt. Sie führten ein glückliches Familienleben. Mit dem Ertrag aus Josefs kleiner Bäckerei kamen alle gut aus.
Aber mit dem Kriegsbeginn im September 1939 änderte sich das Leben für alle Menschen schlagartig. 1940 wurde Josef zur Wehrmacht eingezogen und die Kleinkinder mussten den Trennungsschmerz ihrer Eltern teilen. Den Papa hatten sie dann nur noch dreimal gesehen, zuletzt bei seinem Fronturlaub im Dezember 1944. Da war Elfriede gerade einmal acht und Werner sieben Jahre alt. Emma hatte die Kinder durch die Kriegswirren sicher geführt und mit Hilfe eines älteren Bäckers auch den Brotladen mehr recht als schlecht bis zur Ausbombung betrieben.

Dann, im August 1947, traf Emma, während einer ihrer unzähligen Nachfragen beim DRK-Suchdienst, einen alten Schulfreund von Josef. Es war Ludwig, der gerade aus amerikanischer Gefangenschaft zurückgekehrt war und erfahren musste, dass der Krieg all seine Angehörigen gefressen hatte. Er selbst, der einen Arm verloren hatte, fand bei Emma erst einmal Unterkunft und machte sich trotz seiner Behinderung nützlich, wo es nur ging. Meistens passte er auf die Kinder auf, während Emma beim „Hamstern“ von Nahrungsmittel, Kleidung und Brennmaterial besorgte. Nach der Währungsreform mit Einführung der Deutschen Mark im Juni 1948 kam allmählich Zuversicht auf, und die Menschen blickten in eine hoffnungsvolle Zukunft.

Emma und Ludwig kamen sich näher. Auch die Kinder vertrauten bald dem „Onkel Ludwig“, der inzwischen bei den Stadtwerken als Pförtner angestellt war. Nachdem Emma 1949 schwanger geworden war, ließ sie schweren Herzens ihren vermissten Josef für Tod erklären und heiratete Ludwig noch im selben Jahr. Ihren ersten gemeinsamen Sohn nannten sie Robert; im Jahr darauf kam noch das Töchterchen Sabine hinzu. Elfriede, mit 14 Jahren die Älteste, begann nach dem Schulabschluss eine Lehre als Schneiderin und trug so auch zum Unterhalt der sechsköpfigen Familie bei, die in dem inzwischen wieder aufgebauten Haus eine Wohnung eingerichtet hatte.

Im August 1952, es war ein heißer Sommerabend, saß die Familie mit Nachbarn im Vorgarten, als ein Fremder eintrat. Er näherte sich zögerlich der Gruppe, die fröhlich einen Geburtstag feierte und schaute unsicher in die Runde. Dann nahm er verlegen seine zerschlissene Wehrmachtsmütze ab und sagte mit brüchiger Stimme: „Guten Tag Emma, ich bin zurück“. Leichenblass und schluchzend antwortete Emma: „Mein Gott Josef, du lebst?“, stand auf und umarmte ergriffen ihren zurückgekehrten Mann. Schweigend sahen die Nachbarn zu, wie sich die Schicksalsgemeinschaft bewegt zurückzog. Tagelang hatten sich die Erwachsenen viel zu erzählen, und wie viele andere Menschen auch, mussten sie in diesen schweren Zeiten das Leben neu aus- und einrichten. Nicht nur den Kindern zu Liebe arrangierten Ludwig, Emma und Josef zusammen eine Lebensgemeinschaft.

Werner und Elfriede, inzwischen 16 und 15 Jahre alt, taten sich Anfangs schwer „zwei Väter“ zu akzeptieren. Doch nach kurzer Zeit, Josef hatte mit Hilfe eines Lastenausgleiches wieder eine Backstube eingerichtet und seinen Sohn Werner als Lehrling angestellt, kamen alle miteinander gut aus. Vater und Sohn wohnten zur Untermiete in einer umgebauten Garage, aber an den Wochenenden trafen sich alle bei Emma. Nach außen schien alles in bester Ordnung zu sein, jedoch innere Vorwürfe zermürbten Emma täglich mehr. Selbstzweifel machten sie seelisch krank, und im Mai 1953 blieb ihr Herz vor Kummer einfach stehen.

Alle vier Kinder und zwei Väter, verkrafteten den Heimgang von Mutter und Frau nur schwer. Sie mussten ihr Leben wieder neu ordnen. Man zog gemeinsam in eine größere Wohnung. Die beiden Männer erzogen ihre Kinder, inzwischen 17, 16, 4 und 3 Jahre alt, gemeinsam in fürsorglicher Liebe. Im September 1955 verstarb Josef an Tuberkulose, die nach der russischen Gefangenschaft nie ausgeheilt war und man bestattete ihn, trotz heftigen Widerspruchs der Kirche, neben seiner Emma. Elfriede, inzwischen als Schneiderin und Werner als Bäcker angestellt, sorgten mit Ludwig weiterhin für die Kleinen.

Ludwig, der seine Behinderung tapfer ertragen hatte, verstarb 1957 an den Folgen verschiedener Kriegsleiden. Elfriede war jetzt mit 21 Jahren volljährig und regelte als Familienoberhaupt alle Angelegenheiten. Gegen den Widerstand ihrer gesamten Verwandtschaft sorgte sie dafür, dass auch Ludwig im Familiengrab neben Emma und Josef mit dem Spruch: „Auch er war uns ein guter Vater“, bestattet wurde. Anfangs tuschelten die Leute, aber immer mehr begegnete man der „Kinderfamilie“ mit Respekt.

Werner besuchte die Abendschule, machte sein Abitur und begann ein erfolgreiches Studium als Lebensmitteltechniker. Elfriede fand 1960 Anstellung bei einer Modekette. Man erkannte schnell ihren Fleiß, ihre Fähigkeiten und auch ihr Durchsetzungsvermögen. Sie wurde bald Modedirektrice in dem Unternehmen. Ihre Bemühungen wurden mit einer steilen Karriere belohnt. Später machten auch die „Nesthäkchen“ Robert und Sabine das Abitur und beide studierten mit Erfolg an der TU in München. Alle vier verloren sich nie aus den Augen und pflegen in Treue ihre Familienbande.

Elfriede und Werner, inzwischen 80- und 79-jährig, schauen auf ein erfülltes Leben zurück und erinnern sich liebevoll an Josef, Emma und Ludwig, die ihnen in sehr schweren Zeiten, trotz des nicht standesgemäßen Zusammenlebens, mit Liebe, Geborgenheit und Vertrauen eine gute Lebenshilfe gaben.

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In den ersten Jahren der deutschen Nachkriegszeit gab es so gut wie keine Versorgung der Menschen. Um zu überleben, mussten lebenswichtige Dinge, wie Nahrung, Kleidung, Medikamente, Brennmaterial etc. besorgt werden. Das geschah durch Tauschhandel, ebenso durch Zigaretten als Währung, aber auch durch Stehlen. Dieses Organisieren nannte man „Hamstern“, in Anlehnung an den Hamster, der sich in seiner Höhle einen Wintervorrat anlegt.

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