Ewiges Leben
Von
Pinnacle
Freitag 27.03.2020, 08:38
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Ewiges Leben
Joa Bosch ©BJS
Um schneller nach Hause zu kommen, nahm ich die Abkürzung durch den Park, einen alten stillgelegten Friedhof. Mit meinen 24 Jahren war ich als Extrem-Sportler zwar fit, aber die unerträgliche Hitze setzte mir dennoch zu. Verschwitzt eilte ich zwischen den verwitterten Grabsteinen, bunten Rabatten und alten Bäumen durch die Sommerglut. Über Stadt und Land prallte die helle Mittagssonne und tauchte alles in ein gleißendes Licht.
„Hallo, Sie haben gerade Ihren Schatten verloren.“ Über den seltsamen Sinn dieser Worte drehte ich mich verdutzt um und begriff, dass meine Person gemeint war. Ein greiser Mann mit hohlwangigem Gesicht, der steif auf einer Parkbank saß, schaute mich durchdringend an und fuhr fort: „Sie konnten es gar nicht bemerken, da er ja hinter Ihnen war. Und jetzt ist er weg!“ Ich schaute an mir hinab, nach links und rechts, nach vorne und hinten und tatsächlich, mein Körper warf keinen Schatten. Verwirrt blickte ich mich um. Alles warf Schatten, nur ich nicht. Auch meine unbeholfenen Bewegungen mit Armen und Beinen zeigten keinen Erfolg. Ich blieb schattenlos.
Mühsam erhob sich der Alte und schlurfte umständlich auf mich zu. Hinter ihm schlich im Gleichklang sein eigener Schatten. Wegen des hohen Sonnenstandes war er nur kurz und gedrungen. Aber immerhin ein Schatten. Verwundert sagte ich: „Merkwürdig, was bedeutet das, was ist geschehen?“ Fast väterlich legte der Fremde seine Hand auf meine Schulter und antwortete im brüchigen Tonfall: „Gestatten, mein Name ist Leberecht.“ Erschrocken wollte ich seine intime Nähe abwehren, aber seine Hand verkrallte sich an mir umso heftiger und ein stechender Schmerz durchfuhr Mark und Bein. Ich spürte eine seltsame Veränderung in mir. Dann fuhr er mit immer fester werdender Stimme fort: „Nun, das kann doch jedem mal passieren. Haben Sie noch nie etwas verloren?“ Gleichzeitig zog er mit der anderen Hand eine Visitenkarte aus seinem Jackett und hielt sie mir dicht vor die Augen. In goldenen Lettern stand auf schwarzen Grund:
Jeremias Leberecht
Professor der Anthropologie für Natur- und Geisteswissenschaften
Sonst nichts, keine Adresse, keine Telefonnummer. Ich blickte ihn ver-ständnislos an. Sturzbäche von Schweiß ergossen sich über mein Gesicht. War es wegen der Hitze oder geschah es aus Furcht? Ich wollte nur noch weg aus dieser eigenartigen Situation und fragte irritiert: „Was wollen Sie von mir?“ Selbstsicher antwortete er: „Ich kann Dir mit meinen Wissenschaften helfen. Schließen wir ein Abkommen. Wenn Du Deinen Schatten wiederhaben willst, musst Du mir dafür Dein Spiegelbild geben.“
Eher belustigt und auch um diesen unheimlichen Menschen los zu werden, antwortete ich: „Ok, ok - ist ja gut. Nehmen Sie halt mein Spiegelbild, aber geben Sie mir meinen Schatten wieder.“ Hinterlistig lächelnd sagte er: „Wirklich? Na gut. Abgemacht! Hier ist Dein Schatten“, und deutete dabei auf den Boden. Ich blickte hinab und bemerkte, dass zu meinen Füßen jede meiner Bewegungen von einem Schatten begleitet wurde. Von meinem Schatten.
Überrascht ob der seltsamen Fügung stieß ich ihn von mir und sagte: „Lassen Sie mich in Ruhe, Sie sind ja verrückt“, und rannte angstvoll davon. Er schrie mir hinterher: „Der Kontrakt gilt auf immer und ewig!“
Immer kraftloser werdend erreichte ich erschöpft endlich meine Wohnung. Verwirrt begab mich sogleich in das Badezimmer, um zu duschen. Meine Gedanken waren immer noch bei diesem merkwürdigen Alten und ich zog mich zitternd aus. Nachdem ich fast nackt war und mich gebückt auch meiner Strümpfe entledigt hatte, richtete ich mich wieder auf - und erstarrte! Aus dem Spiegel blickte mir der greise Jeremias Leberecht entgegen. Gleichgültig sagte er: „Siehst Du, ein jeder hat sein Wort gehalten und der Vertrag ist erfüllt. Ich bin Du und Du bist ich.“ Entsetzt schaute ich mich von oben bis unten an. Keine Spur mehr von einer sportlich gestählten Fitness-Figur. Falten, Runzeln und bräunliche Altersflecken bedeckten meinen Körper. Erschrocken wich ich zurück, was Jeremias im Spiegelbild zugleich ebenso tat. Ich schaute in den Spiegel und flüsterte: „Wer bist Du?“ Das Antlitz von Jeremias antwortete: „Ich bin ein Seelenwanderer. Durch einen Pakt mit den Mächten des Bösen hat Raum und Zeit für mich keine Bedeutung mehr. Nicht der Geist ist das Sterbliche, sondern nur der Körper. Daher brauch ich ab und zu einen neuen Wirt. Diesmal bist Du es. Jetzt leb wohl, sicher begegnen wir uns bald wieder. Vielleicht in „unserem“ Park?“ Die Stimme verklang und ich war alleine mit dem fremden Spiegelbild, das jeder meiner Bewegungen folgte. Panikartig zog ich mich wieder an und verließ kraftlos die Wohnung. Irgendwie musste ich diese unheimliche Wandlung sofort ungeschehen machen. Ächzend schleppte ich mich in dem greisenhaften Leib zurück zu dem alten Friedhof.
Auf der Parkbank saß schon erwartungsvoll mein jugendlicher Körper und schaute interessiert meinem ICH entgegen. Als ich vor diesem Grauen stand sagte ES: „Hallo, ich wusste, dass Du wiederkommst. ALLE sind wieder gekommen um den Tausch rückgängig zu machen. Aber wie Du siehst, keinem habe ich das gewährt und sie sind schon längst für mich gegangen.“ Schluchzend warf ich mich auf die Knie und bettelte buchstäblich um meinen Körper, ja um mein junges Leben. Unbeeindruckt erhob sich ES und half beim Aufrichten meiner Gebrechlichkeit. Dabei sagte ES: „Komm, lass uns einen kleinen Spaziergang machen. Ich werde Dir alles erklären; und damit Du besser verstehst, möchte Dir auch etwas zeigen.“
Mehr unwillig als neugierig ließ ich mich von dem ES durch die Gräberreihen führen. Dabei schwanden immer mehr meine Kräfte und ich suchte verzweifelt Halt. Kraftvoll hielt ES mich in seinem Arm und sprach mit monotoner Stimme: „Schau, meine vielen vergangenen Leben haben mich in den letzten dreihundert Jahren mit neuem Wissen erfüllt. Die Faszination der technischen Entwicklungen ist der Antrieb für meine unendliche Existenz. Denn des Forschers Neugier drängt immer weiter und dazu benötige ich wieder mal ein zukünftiges Dasein. Ich muss nur meine Persönlichkeit in einen anderen, frischen und gesunden Körper transferieren. Und da kamst Du mir mit Deiner Jugend gerade recht. Ich habe Dir erst mal Deinen Schatten weggenommen und Du hast Dich auf unseren Handel eingelassen. Mit Deiner Zustimmung war der Pakt besiegelt. Nun kann ich ein neues und kraftvolles Leben in Deinem Körper weiterführen und Du lebst bis zu einem absehbaren Ende in meiner Hülle. Ist doch ganz einfach, oder? An einem umgestürzten Grabstein hielt ES inne und deutete lächelnd auf die verwitterte Inschrift und mühsam entzifferte ich:
Jeremias Leberecht
Professor der Anthropologie für Natur- und Geisteswissenschaften
*1716 †1771
Der Herr schenke ihm Ewiges Leben
Ich spürte wie meinem fremden Körper die Kräfte schwanden. Jeremias bettete mich sanft auf den Rasen und hielt dabei tröstend meine Hand. Mein ICH löste sich aus der verblichenen Hülle und schwebte schwerelos nach Irgendwo im Nirgendwo.
Epilog
Nach Auffinden eines unbekannten Toten in der Parkanlage „Alter Friedhof “ sowie der späteren polizeilichen Ermittlungen entdeckte Kriminalkommissar Udo Rehfeldt im Archiv die uralte Akte „Grab Leberecht“. Nach Durchsicht machte er eine erstaunliche Entdeckung. Im Jahr 1904 wurde erstmals der Fund eines männlichen Leichnams am Fuß dieses Grabes von den Ermittlungsbehörden ausführlich protokolliert. Zuvor hatte man anderen aufgefundenen Leichen wenig Beachtung geschenkt. Die Toten wurden im Kirchenbuch lediglich als unbekannter Landstreicher vermerkt. Danach fand man dort in unregelmäßigen Abständen immer wieder verstorbene Männer die laut ärztlicher Leichenschau und der Gerichtsmedizin eines „natürlichen Todes“ verstorben waren. Zuletzt vor sechsunddreißig Jahren.