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Erinnerungen an Marrakesch

Von Novelle Dienstag 17.04.2018, 16:42 – geändert Dienstag 17.04.2018, 16:44

Helene hat wieder eine Sportreise ins Ausland gebucht. Verheißungsvoll studiert sie die Landkarte. Afrika. Marokko, ein Märchen aus 1000 und einer Nacht.
Abflug in Frankfurt/M. mit ihrem ständigen sportlichen Begleiter und der Gruppe. Aufgeräumte Stimmung. Das Hotel liegt abseits in einem Orangenhain. Alles wirkt geheimnisvoll und fremd.
In zwei Tagen findet der Wettkampf statt. Zur Auswahl steht entweder ein Marathon oder ein Halbmarathon. Helene will nur den Halbmarathon laufen. Ihr Begleiter wählt wie immer den Marathon. Er ist ein harter Knochen. Helene kommt auf die Idee, dass die Läufer und ihre Begleiter am nächsten Morgen, dem Veranstaltungstag, mit der Kutsche zum Start fahren. Das lässt sich alles im Hotel arrangieren. Sie benötigen drei Kutschen.

Der Morgen im März ist richtig kühl. Sie sitzt angespannt in der Kutsche und starrt auf das kräftige Hinterteil des Zugpferdes. Ein schönes, schwarzglänzendes Tier trabt kräftigen Schrittes die Allee entlang. Hunderte stehen schon am Start. Die Stimmung fängt bald zum Kochen an. Plötzlich rennt die Masse los und der Starter kann nur noch hinterher schießen. Aus den Augenwinkeln sieht sie einen zierlichen, milchkaffeefarbenen Läufer dicht an ihrer Seite. Er bleibt km um km bei ihr. Bei km 5 besorgt er ihr eine kleine Wasserflasche. Diese ist verschlossen. Sonst werden immer Wasserbecher gereicht. Hier nicht. Sie möchte gerne trinken und spricht ihn endlich auf Englisch an. Er zuckt die Schultern. Französich möchte er sprechen. Diese Sprache beherrscht sie nicht. Da, er öffnet mit seinen Zähnen die Flasche. Eindrucksvoll. Sie laufen und laufen. In dichten Reihen stehen die Zuschauer da. Exotische Menschen. Oft ist klar erkennbar, ein Mann, mit mehreren Frauen. Es gibt Frauen, die zeigen mit dem Finger auf sie und lachen. Sie läuft in kurzer roter Hose und weißem Trikot. Die Frauen und Mädchen am Wegesrand tragen lange Gewänder. Da sie eine ehrgeizige Leichtathletin ist, verschärft sie das Tempo. Er scheint kein geübter Läufer zu sein. Die letzten km zum Ziel muss er sich gehörig anstrengen und sich durchbeißen. Sie schaffen es gemeinsam. Im Ziel erhalten die Läufer Medaillen. Als die beiden ankommen, gibt es keine Medaillen mehr. Wie er es gemacht hat, weiß sie nicht mehr. Er besorgt doch noch eine Medaille und hängt sie ihr um. Sie gehen spazieren und unterhalten sich mit Händen und Füßen. Immer weiter entfernen sie sich und marschieren jetzt nach ihrem Empfinden in der Wüste. Ihr wird bewusst: An ihrer Seite ein schmachtender Jüngling, der sie mit glutvollen Augen anstarrt und mehrmals Bella, Bella, ruft. Die Situation ist ihr nicht mehr geheuer. Ein Mann auf einem Kamel nähert sich ihnen. Kurz überlegt sie, ob sie den Reiter anhalten soll, vielleicht könnte sie dieser zurück zum Marktplatz bringen. Auf einmal kommt ein Jeep, hält wie selbstverständlich und sie steigen ein. Abrazyk heißt der junge Mann. Helene spricht er sanft und deutlich aus. Am Marktplatz angekommen, zeigt er ihr auf ihrer Läuferuhr, wann sie sich am Abend treffen könnten. Sie schreibt ihm ihre Heimatadresse auf und er kritzelt seine Adresse auf einen Zettel.
Abends muss sie häufig an ihn denken, aber zu der Verabredung geht sie nicht. Im Hotel zeigen ihr die anderen, dass sie mehrere Medaillen ergattert haben. Es wäre drunter und drüber bei der Medaillenausgabe gegangen.
Helene entschließt sich, ihm eine Medaille zu schicken. Am besten sofort. Dem Schreiber im Hotel will sie nun einen Brief diktieren, wie sie es aus ihrer beruflichen Tätigkeit gewohnt ist. Der Schreiber sträubt sich und will andere Sätze schreiben. Eine blumige, geschnörkelte Sprache drängt er ihr auf. Zum Schluss besteht er noch auf Grüße an die Familie. Ein anderer Bediensteter bringt den Brief zur Post. Sie erhält sogar eine Quittung. EinenTag später fliegt die Gruppe nach Hause.

Die Monate verstreichen. Neue Erlebnisse fordern Aufmerksamkeit, kräftezehrende Wettkämpfe wollen bestritten sein. Eines Tages erhält sie einen Brief aus Casablanca. Nur ihr Name ist undeutlich auf dem Brief geschrieben und der Ort. Die Straße fehlt. Der Brief wird ihr mit dem postalischen Vermerk zugestellt, dass sie mittels Telefonbuch ermittelt wurde. Auch er hat wohl einen Schreiber bemüht. Der Brief ist in englischer Sprache abgefasst. Eine Weile schreiben sie sich. Sie erwägt ernsthaft mit ihrer besten Freundin und deren Sohn nach Casablanca zu fliegen, ihn und seine Familie zu besuchen. Alleine fliegen kommt nicht in Frage. Alles muss mit Familie ablaufen. Irgendwann schläft die Korrespondenz ein. Zwar entwickelt sie ein Faibel für Marrakesch, aber sie sieht ihn nie wieder.
In der letzten Zeit denkt sie manchmal, ob er vielleicht als Asylant in Deutschland gelandet ist. Vielleicht wohnt er sogar in dem Containerdorf, an dem sie hin und wieder vorbeigeht.

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