EINSAMKEIT
Von
Pinnacle
Mittwoch 20.05.2020, 07:36
Du möchtest die Antworten lesen und mitdiskutieren? Tritt erst der Gruppe bei. Gruppe beitreten
Von
Pinnacle
Mittwoch 20.05.2020, 07:36
Du möchtest die Antworten lesen und mitdiskutieren? Tritt erst der Gruppe bei. Gruppe beitreten
EINSAMKEIT
Joa Bosch ©BJS
Der erste Blick - ein flüchtiges Lächeln –
ER: Augenzwinkern, mit aufmunterndem Mienenspiel –
SIE: wendet den Blick ab, schenkt ihm keinerlei Beachtung – Vorbeigehen - sekundenlanges Zögern –
BEIDE blicken zurück - Augen treffen sich - und die ewige Geschichte beginnt.
Das klassisch-romantische Finden und Verlieben geschieht überall - ob im Bus oder Urlaub, auf einer Party oder Tankstelle, im Supermarkt oder Park – der Ort spielt keine Rolle; nur die Sympathie bestimmt diesen Zauber. Dazu gehört auch Glück!
Die meisten Menschen wissen das und wünschen es sich, auch Jürgen.
Des Alleinseins überdrüssig hielt er Ausschau, ja er suchte und sehnte sich nach der einen Richtigen. Die Scheidung lag schon lange zurück; seelische Wunden waren verheilt. Er war bereit für eine neue Beziehung. Jürgen befand sich im gesicherten Ruhestand, war vielseitig interessiert und unternehmungslustig, hatte eine schöne Wohnung, aber etwas fehlte. Einsamkeit kann ein Paradies zur Hölle machen!
Ja, er wollte den Herbst des Lebens mit einer lieben Gefährtin verbringen. Wo war SIE, wo kann ich SIE finden und mein Leben mit IHR teilen? Aber ab einem gewissen Alter gibt es Schwierigkeiten. Da sind die verschiedenen zwei gelebten Leben, verbunden mit unterschiedlichen Vorlieben und Abneigungen, man ist keine siebzehn mehr und nicht so unbedarft wie in der Jugend, die getrennten Lebensbereiche, auch eine gewisse Entfernung, all das spielt eine Rolle. Jürgen hat SIE aber in der großen Stadt einfach nicht gefunden.
Eines Tages sah er in der U-Bahn die Reklame eines Internet-Portals für Partnerschaftsvermittlung. Er sprach mit Freunden darüber. Sie ermunterten ihn, neue Wege zu gehen. Jürgen war frohen Mutes. Er meldete sich bei der Internetseite an, füllte sein Profil mit seinen Daten, einem Foto, den Wünschen und Vorstellungen aus, bezahlte per Kreditkarte und wartete auf eine Reaktion. Jürgen war sehr überrascht, wie viele Frauen sich meldeten. Aufgeregt las er all die Zuschriften und musste bald ernüchtert feststellen, dass auch viel Eigenartiges dabei war. Ja, da schickten ihm 18- bis 25-jährige „Monas“ und „Lolas“ ein Lächeln oder Küsschen zu. Das entsprach aber gar nicht seinen Vorstellungen. Er wählte auch nicht diese verfänglichen Telefonnummern. Es war schon viel Arbeit, den ganzen „Müll“ zu löschen und sich auf die seriösen Antworten zu konzentrieren. Er suchte eine Frau in seiner Altersklasse - mit Niveau.
Und Jürgen fand so manches: Ledige, Geschiedene, Frustrierte, getrennt lebende und auch viele Witwen; das ganze Spektrum der Einsamkeit tat sich auf. Da waren Frauen aus der gesamten Republik, die suchten aber größtenteils nur einen tanzfreudigen oder tierliebenden Herrn, oder einen Mann für Kamingespräche über Politik und Wissenschaft. Manche fragten, ob er Gartenarbeit liebe und handwerklich begabt sei, wollten ihn bekochen oder sonst wie verwöhnen. Auch Vegetarier und Veganer waren sehr gefragt. Er suchte aber eine ganz normale Beziehung und keinen Hausmeisterjob; fasten wollte er überhaupt nicht. Sie sollte auch aus seiner Gegend sein. Es war wie auf einem großen Ramschtisch der Lügen und Eitelkeiten. Kontakte wurden geknüpft, Zeilen ausgetauscht, Favoriten gespeichert oder wieder gelöscht und im elektronischen Papierkorb entsorgt. Da war das SUCHEN eher das Ziel als das FINDEN. Es könnte ja noch etwas Besseres, Schöneres oder Reichhaltigeres geben. Nur ganz wenige Profile entsprachen seinen Vorstellungen.
Dann fanden sich doch ein paar Bekanntschaften, die auch zu einem Treffen führten. Aber nie sprang ein Funke über. Ein altes russisches Sprichwort umschreibt die „Chemie“ zwischen Mann und Frau mit:
„Entweder regnet es, oder es regnet nicht“. Es hatte nicht einmal getröpfelt!
Resigniert wollte er schon aufgeben, da meldete sich eine Frau aus seiner Stadt. Man schrieb sich ein paar Zeilen, tauschte Handy-Nummern aus, telefonierte, lauschte der Stimme, fand sich sympathisch und verabredete sich unverbindlich in einem Cafe´.
Die Erkennungszeichen waren ein grünes Kleid, sowie ein helles Sakko mit einer roten Rose am Revers. Fünfzehn Minuten vor der verabredeten Zeit begab Jürgen sich zu dem Treffpunkt, wählte in dem Cafe´ einen ruhig gelegenen Tisch aus, nahm Platz, bestellte bei der Bedienung ein Wasser und wartete. Er war etwas aufgeregt.
Jürgen wartete und wartete, orderte nach einer halben Stunde noch ein Wasser und wartete weiter, beobachtete die anderen Gäste und schaute der Bedienung bei ihrer Arbeit zu. Etwas später bat er sie um eine Portion Kaffee. Sie servierte ihm das Gewünschte mit einem freundlichen Lächeln und fragte ihn, ob sie für seine langsam welkende Rose eine Vase bringen dürfe. Er nahm das Angebot etwas irritiert an. Sie brachte ihm das Gefäß. Jürgen bedankte sich und stellte das Blümchen hinein.
Nun war über eine Stunde vergangen. Er wählte die Nummer seiner Verabredung. Sie meldete sich und erklärte, dass sie das Treffen ganz vergessen habe; außerdem müsse sie jetzt noch ins Nagelstudio und legte ohne ein „Tut mir leid“ auf. Sein enttäuschtes „Hallo“ wurde schon gar nicht mehr gehört.
Jürgen bat die Bedienung um die Rechnung. Er bezahlte mit einem kleinen Trinkgeld und einem verzagten Lächeln, das sie freundlich, ja aufmunternd erwiderte. Jürgen nahm den Beleg, verabschiedete sich und verließ traurig das Cafe`. Die Rose nahm er nicht mit.
Zuhause entleerte er seine Taschen, fand den Beleg vom Cafe`, wollte ihn schon lustlos wegwerfen, da sah er unter dem Rechnungsbetrag ein paar Zeilen, die ihm die freundliche Bedienung geschrieben hatte:
„Sind Sie bitte nicht traurig, ich verstehe Sie sehr gut, auch ich weiß was Einsamkeit bedeutet und wünsche Ihnen alles Liebe und Gute“.
Punkt! Kein Name, keine Telefonnummer - nur ein kleines gekritzeltes Herz. Jürgen erinnerte sich an ihr hübsches Lächeln und ihre sanfte Stimme. Er war über diese Botschaft sehr gerührt. Gelebte Menschlichkeit ist doch etwas ganz anderes als elektronische Oberflächlichkeit! Jürgen beschloss, am nächsten Tag wieder in dieses Cafe´ zu gehen. Diesmal ohne Rose, aber mit einem Briefchen für SIE.