EINRÜCKFAHRT
Von
Pinnacle
24.05.2020, 10:25
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Pinnacle
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EINRÜCKFAHRT
Joa Bosch ©BJS
Der Mann war sich ganz sicher. Das konnte kein Zufall mehr sein. Seit geraumer Zeit fiel ihm auf, fast immer, wenn er das Haus verließ, kam genau in diesem Moment der Linienbus, der geradewegs in die City fuhr. Er hält an der Station, die sich direkt vor seinem Anwesen befindet. Hier steigen Fahrgäste ein oder aus. Anfangs dachte er sich nichts dabei, es war nur ärgerlich, denn er musste dem Bus, der Station für Station anhielt, jedes Mal die gesamte Strecke mit seinem Auto hinterherfahren. Überholen war auf der engen Straße nicht möglich, und er verlor dabei kostbare Zeit.
Die Zufälle häuften sich und immer mehr beeinflusste ihn dieses Phänomen, erst die Psyche, dann den Tagesablauf. Egal, an was für einer Tageszeit auch immer, wenn er auf dem Weg zu seinem Wagen war, sah er schon Leute an der Haltestelle stehen. Er beschleunigte dann seine Schritte, um noch vor dem Bus ungehindert wegfahren zu können. Das gelang ihm aber nicht oft. Der Bus kam ihm meist zuvor. Sein Verstand begann sich mit dem ungewöhnlichen Rätsel zu beschäftigen. Der Mann fand aber keine vernunftmäßige Erklärung des Abstrusen und fühlte sich in diesem selbsterfüllenden Schicksal hilflos wie ein einsamer Gefangener.
Irgendwann notierte der Mann sich an der Haltestelle die Abfahrtszeiten. Es waren deren drei: stündlich, um 2, 22 und 42 Minuten. Er überlegt: wenn er zu anderen Zeiten das Haus verlassen würde, könnte er eine Begegnung vermeiden, auch wenn der Bus dann gewonnen hätte. Denn sein Leben müsste sich nun nach dem Fahrplan richten. Aber vielleicht könnte er ja so seinen Frieden finden.
Am nächsten Tag ging er ganz bewusst zwischen den Abfahrtszeiten aus dem Haus. Und der Bus kam dennoch! Es war diesmal ein anderes Fahrzeug. Auf der Linienanzeige stand „Sonderfahrt“. Der Bus kam immer. Egal wann er das Haus verließ. Entweder als Linien-, Betriebs- oder Sonderfahrten-Bus. Es war wie ein Fluch.
Der Mann wurde depressiv. Er verließ das Haus nicht mehr. Lebensmittel ließ er sich liefern. Kontakte rissen ab. Verbittert vereinsamte er immer mehr.
Einmal, spät in einer Nacht, zu einer Zeit, in der kein Bus mehr fuhr, schlich er sich hinaus zu seinem Auto. Er wollte irgendwo hinfahren, ja regelrecht flüchten. In diesem Moment kam der Bus. Auf seiner Anzeigentafel stand in großen Buchstaben EINRÜCKFAHRT. Er hielt diesmal direkt vor seinen Füssen. Es war ein altes heruntergekommenes Fahrzeug, schmutzig-braun mit fast blinden Scheiben. Den Busfahrer konnte der Mann nur schemenhaft wahrnehmen. Eine Falttür öffnete sich mit pneumatischen Zischen und forderte ihn unmissverständlich zum Einsteigen auf. Zögernd blickte der Mann in den menschenleeren Fahrgastraum. Schummriges Innenlicht gaben ihm einen Hauch von Vertrauen, und er stieg neugierig ein.
In den schmierigen Seitenfenstern spiegelten sich links und rechts schäbige Sitzreihen. Der Gang dazwischen führe zu einer Glaswand, die den Fahrgastraum, aus Sicherheitsgründen, von dem Busfahrer hermetisch abtrennte. In der Mitte des Ganges befand sich ein Ticket-Automat. Mit blechender Stimme wurde er aufgefordert ein Billett zu ziehen. Es gab nur eine Zielwahl: - ENDSTATION -. Der Mann drückte diese einzige Taste und ein Einweg-Ticket glitt surrend in seine Hand. Zögernd setzte er sich auf dem nächstgelegenen Sitz, dabei hielt er sich verunsichert am Vordersitz fest. Die Falttür schloss sich mit einem unheimlichen Fauchen. Der brabbelnde Motor steigerte sich in ein hässliches Grummeln, und der Bus setzte sich ächzend in Bewegung. Ihn ergriff jetzt eine innere Spannung. Ja er spürte Abenteuerlust. Er lauschte dem monotonen Fahrgeräusch und schaute erwartungsvoll zu, wie sich das Scheinwerferlicht in die Schwärze der Nacht fraß.
Fahle Morgendämmerung weckte den Mann. Schlaftrunken schaute er durch die schmierigen Fenster und das, was er da allmählich erkannte, erfüllte ihn mit Furcht. Die Anatomie einer bisher gewohnten menschlichen Umgebung hatte sich in eine surrealistische Landschaft verwandelt. Eine wüstenartige, ja feindselige Ebene, beklemmend, nur in Schwarz und Weiß gehalten, geteilt durch ein staubgraues Band, das in einem fernen Nichts endete. Darauf fuhr der Bus. Eine einsame Straße, die ohne auch nur ein Jota abzuweichen, geradewegs zu einem diffusen Horizont, ganz ohne Himmel führte. Es gab weder Wolken, noch Sonne, noch Mond oder Sterne. Die Wahrnehmung versetzte ihn in Panik. Ängstlich blickte der Mann nach vorne zu dem Fahrer. Außer der kräftigen Statur und einer tief über den Kopf gezogenen Mütze war von der imaginären Gestalt nicht viel zu erkennen. Nach einer Weile beruhigte er sich, dachte etwas rationaler. Aber die Bedrohung blieb.
Und erneut überkam ihn Furcht.
Sein Atem rasselte. Mit feuchten Händen bedeckte er angstvoll sein Gesicht, schlug mit dem Kopf gegen die Scheibe und wimmerte innerlich: Was geht hier vor?
Eine beklemmende Ahnung jagte durch seine furchterfüllten Sinne und Grauen machte sich breit. Sollte die Fahrt etwa beweisen, dass das Diesseits eher das Jenseits ist, oder umgekehrt?
Er musste jetzt Gewissheit erlangen. Ohne sicheren Halt zu finden taumelte er durch das schaukelnde Gefährt nach vorne zu der Trennwand und hämmerte verzweifelt gegen die Scheibe, bis seine Fäuste blutend schmerzten. Dabei verhallten lautlos seine ängstlichen Schreie.
Der Fahrer saß unbeweglich hinter dem Steuer, blickte stur nach vorne und lenkte schweigend das Fahrzeug weiter zu einem unbekannten Ziel. Ergeben sank der Mann teilnahmslos auf einem der Sitze nieder. Monoton brummelte das unheimliche Gefährt weiter. Es zog dabei eine schmutzige Staubfahne hinter sich her.
Etwas später, als die automatische Anzeige mit einem Dingdong die Endstation ankündigte, wurde dem Mann plötzlich bewusst, der Bus fährt zurück durch seine Existenz!
Vom Jetzt in die Vergangenheit, mit der Erkenntnis: Leben ist wie Zeichnen - nur ohne Radiergummi!
Diese EINRÜCKFAHRT war eine Fahrt durch sein Dasein. Mit all dem Tun und Lassen aus seinem ganzen Leben, das an ihm während der staubigen Fahrt in Schwarzweiß vorbeizog.
Eine Fahrt ins Depot.
Dort wird Rechenschaft abgelegt, im Guten wie im Bösen. Eine Seele wird im Hier und Jetzt gemessen, gewogen und befunden.
Dafür würde der Fahrer, ob Tod oder Teufel, schon sorgen.
Ganz sicher, so wie das Amen in der Kirche.