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Eine unselige Erbschaft

Von Pinnacle 10.05.2020, 08:44

Eine unselige Erbschaft
Joa Bosch ©BJS

Über eine entfernte Verwandtschaftsbeziehung hatte ich aus dem ursprünglichen Nachlass meines Ururgroßonkels Eugen von Thaubenstein zu Kollwitz, Rittmeister bei dem 2. Kurhessischen Kavallerieregiment in Cassel, eine kleine Erbschaft erhalten.

Es handelte sich um ein Monokel mit silberner Kordel, ein graviertes Cigarettenetui und ein Sturmfeuerzeug. Das Etui, aus Silber, mit dem verschlungenen Monogramm „EvT“ und darunter „Im Felde – Siegfriedstellung – Sommer 1916“ versehen, enthielt einige vertrocknete Zigaretten mit dem Aufdruck „Mercedes-Batschari“. Das Feuerzeug mit aufklappbarem Deckel, Zündrad und Benzintank, der schon längst ausgetrocknet war, trug ein heroisches Soldaten-Emblem mit der Aufschrift „In Memoriam 1914 - 1918“. Das Monokel, auch Einglas genannt, ist eine Sehhilfe, die vor das Auge geklemmt und mittels der Kordel am Monokelknopfloch befestigt wird. Diese Öffnung befindet sich heute noch an fast jedem Anzug – nur weiß kein Mensch mehr, warum sich am Revers ein Knopfloch befindet!

Wie auch immer, eines Tages betrachtete ich die Erbstücke näher und fasziniert befestigte ich den Monokelknopf an meinem Jackett, klemmte neugierig das Einglas vor die linke Augenhöhle und betrachtete mich im Spiegel. Trotz eines extrem vergrößerten Augapfels, der mich hochnäsig anglotzte, fand ich mich auf einmal sehr attraktiv. Und als ich noch Cigarettenetui und Feuerzeug in Brust- und Hosentasche verstaute, ging augenblicklich eine sehr merkwürdige Veränderung in mir vor. Ich fühlte mich erhabener, viel wertvoller als zuvor. Auch mein Gesicht mit dem Vollbart empfand ich plötzlich viel gepflegter, ja sehr herrisch und soooo aristokratisch – ICH war wer!

Dermaßen ausgestattet und mit diesem neuen Selbstbewusstsein gestärkt begab ich mich in die Stadt, denn ich wollte nun auch das Feuerzeug seiner funktionstüchtigen Verwendung zuführen. Dazu benötigte ich natürlich Benzin. Schon unterwegs musterten mich die Passanten skeptisch und manche schüttelten nur den Kopf über meine demonstrative Überheblichkeit.

In der Innenstadt ging ich sogleich in das nächste Tabak- und Schreibwarengeschäft. Grußlos trat ich ein, musterte missfallend die Räumlichkeit von oben bis unten, erblickte dabei im Augenwinkel den Verkäufer, und meine arrogante Mimik drückte sofort eine gewisse Menschenfeindlichkeit gegenüber diesem „Nichtsnutz“ aus.
Freundlich fragte der junge Mann: „Guten Tag, was wünschen Sie bitte?“ Ich wandte mich elegant, wie in Zeitlupe, zu ihm hin und antwortete mit Entrüstung: „Mein Herr!“ Er sagte irritiert: „Ja bitte?“
Arrogant entgegnete ich von oben herab: „ER hat mich nicht verstanden, es muss heißen: „Guten Tag mein Herr, womit kann ich Ihnen dienen?“ Den „Herr“ und das „dienen“ dehnte ich köstlich lange aus, öffnete dabei gelangweilt mein Cigarettenetui, entnahm eine „Mercedes“, klopfte diese auf dem silbernen Deckel bedächtig zurecht, klemmte sie mir lässig in den Mundwinkel und schaute ihm bei seiner Ratlosigkeit verächtlich zu. Reserviert antwortete er: „Also, was hätten Sie gerne?“ Ich blickte ihn durch das Monokel durchdringend an und nuschelte mit wippender Cigarette: „Nun, ich möchte hier einen wohllöblichen Einkauf tätigen und frage somit, „hat ER in seinem kümmerlichen Sortiment auch Feuerzeugbenzin“?“

Der Verkäufer blickte sich ratlos um und fragte: „Wer?“ Empört entgegnete ich: „Was erdreistet ER sich?, SIE sind gemeint; SIE, Persona ingrata, wer denn sonst?“ Verunsichert stammelte er: „Jaja, natürlich habe ich auch Feuerzeugbenzin“, dabei entnahm er dem Regal eine kleine Blechflasche und stellte sie vor mich auf die Theke. Schweigend holte ich nun mein Feuerzeug hervor, öffnete die Füllschraube, entfernte an der Flasche den Sicherheitsverschluss, befüllte den Benzintank bis zum Rande und verschloss denselben wieder. Elegant schlug ich den Deckel zurück, hielt das Feuerzeug an die Zigarette und betätigte schwungvoll das Zündrad.

Als ich dann, dick in Mullbinden verpackt, im Krankenhaus erwachte, erklärte mir ein Arzt, dass ich laut Aussage des Verkäufers, der mich ins Freie gerettet hatte, wohl etwas Benzin verschüttet haben muss. Denn bei der Betätigung des Feuerzeuges sei eine explosionsartige Flamme, wie auf einer Zündschnur entlang, über den knochentrockenen Tabak bis in meinen markanten Vollbart hineingelodert. Dabei sei auch der ganze Laden ausgebrannt. Denn der Vorgang hatte sich noch wesentlich verschlimmert, als ich in meiner Not versuchte, Mittels Löschpapier, das ich aus einem Schreibwarenregal gerissen hatte, die Flammen zu ersticken.

Monate später, bei der ersten Therapiesitzung, fragte ich den Psychiater: „Wie ist SEIN Name?“ Er antwortete: „Wessen Name?“ Ich deutete auf ihn: „SEIN Name!“ und fuhr fort: „Womit hat ER denn bloß seine Promotion erlangt – und überhaupt - hat ER gedient – als was und wo?“
Er antwortete: „Mein Gott, das werden noch viele interessante Gespräche!“

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