Eine kurze Sommerromanze
Von ehemaliges Mitglied Samstag 30.09.2023, 18:52 – geändert 01.10.2023, 18:04
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Das nächtliche Gewitter war verklungen, aber die Spuren der Naturgewalten waren nicht zu übersehen. Ich habe mir vorgenommen in diesem Urlaub noch einmal die Bernsteinsuche in mein Urlaubsprogramm aufzunehmen. Heute waren die Bedingungen optimal und vielversprechend.
Es war kurz vor dem Sonnenaufgang. Der östliche Himmel färbte sich schon rötlich. Die Luft war sehr frisch und feucht. Der nahe Strand lang einsam und ruhig, als wollte er sich von dem längst vergangenen Gewitter erholen. Auf dem weißen Sand habe ich keine Spuren entdeckt. Es war niemand da, nur ich allein mit der Natur. Der feuchte Sand klebte an meinen nackten Füßen. Das Wasser hat sich schon etwas beruhig, aber viel Müll lag überall. Mit dem Unrat spülten die Wellen oft auch die Bernsteinklumpen auf das Land. Eifrig mit der Suche beschäftigt vernahm ich plötzlich stampfende Geräusche. Ich erschrak. Vermutete niemanden in dieser frühen Stunde. Das sah ich ihn…direkt aus dem Wasser aufsteigend. Seine Haut glänzte in den ersten Sonnenstrahlen in einem undefinierbaren Farbton. Eine Mischung aus Braun und Honig. Der Körperbau, wie aus der griechischen Mythologie kopiert. Vital und stolz stand er da, wie eine Statue aus Bronze und schaute in meiner Richtung.
„ Also, er hatte mich auch schon gemerkt. Was hat er jetzt vor“?, fragte ich mich und blieb auch stehen.
Was sollte ich denn tun? Weit und breit nur das Wasser, der Sand, er und ich. Ganz weit, hinter einer Sanddünne erblickte ich ein paar kleinwüchsige Pflanzen. Die Weißdüne ist noch relativ lebensfreundlich. Doch, diese Erkenntnis war in dem Moment auch nicht sehr hilfreich.
Er machte majestätisch ein Schritt in meiner Richtung, hob den prächtigen Kopf nach oben und zog die frische feuchte Luft durch die Nase, ganz laut. In diesem Augenblick habe ich weiche Knie bekommen. Ja, ich hatte Angst.
Mir war bewusst, dass ich keine Chancen, ihm zu entrinnen, habe.
Seine langen, muskulösen Beine versinken nicht so schnell im Sand, wie meine, das war genau erkennbar. Er machte etwas zögernd ein paar Schritte nach vorne. Ich blieb weiterhin stehen und starrte nur ihn an. Sein Brustkorb war gewaltig, wie ein Schutzschild. Er selbst erschien mir riesengroß. So standen wir da und starrten uns an. Eine leichte Windböe kam mir zu Hilfe. Sie bewegte seinen dünnen Kehlbart in meiner Richtung und ich ahnte, er kann mich nicht mit seinem Geruchsinn einordnen. Genauso war es. Er drehte sich um und zeigte seinen wohlgeformten Rumpf. Stolz, mit erhobenen Haupt schaute noch einmal zu mir, dann leichtfüssig, kaum den Sand berührend, entfernte er sich und verschwand in den heranziehenden Nebel. Hinter der nächsten Dünne habe ich ihn gänzlich aus meinen Augen verloren. Ich hörte nur noch einmal sein Gebrüll. Erleichtert atmete ich auf.
Der Nebel hat sich inzwischen gelichtet oder von den Federwolken komplett aufgenommen, die Sonne freundlicher und kräftiger. Vorsichtig näherte ich mich seinen Spuren. Die waren gut zu sehen und als eine Doppellinie zu erkennen, als ginge er auf zwei Beinen. In einer Vertiefung sah ich einen rostigen Stein, der in der Sonnenstrahlen mich mit goldig glitzernden Fädchen lockte. Das war der Fund meines Lebens. Groß, wie eine Walnuss, leicht und wohlig. Passte genau in meiner Faust und fühlte sich sehr angenehm. Mit meinem Halstuch polierte ich meinen Glücksbringer und entdeckte drin ein Insekt. Ich konnte auf Anhieb einen Käfer erkennen. Ich freute mich total über das Glückskäfer - das Geschenk meines vierbeinigen Freundes.
Am nächsten Morgen, ganz früh, war ich wieder zu der gleichen Stelle geeilt. Er war schon da. Mit ausgebreiteten Beinen stand er auf der Dünne und freute sich sichtlich, mich erblickt zu haben. Sein prächtiges Geweih war sogar aus der Entfernung nicht zu übersehen. So ein kapitales Exemplar in der Natur zu begegnen war nicht selbstverständlich, weil die Elche scheue Tiere sind und greifen nur an, wenn sie sich bedroht fühlen. Ganz nah kamen wir uns auch diesmal noch nicht, doch schauten lange und sehnsüchtig uns an. Die Angst hatte ich allerdings nicht mehr. Ich spürte, er mochte mich.
So begann unsere Sommerromanze, auch wenn nur für kurze Zeit.