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Eine Dresdener Frau: Maria Reiche

Von ehemaliges Mitglied Donnerstag 26.07.2018, 12:12

I.Für Maria Reiche, eine Frau aus Dresden

Als mich das erste Mal der heiße stürmische Atem der Wüste traf und sich vor mir die weite Einsamkeit der Pampa im aufsteigenden Flimmern der Hitze verlor, ahnte ich noch nicht, dass ich als „Pampa- Hexe“ beginnen und erst nach fünfzig Jahren als „Göttin der Pampa“ wieder scheiden würde. Es waren die berühmtesten „Linien“ der Welt, die mich nie wieder losließen, die „Linien von Nazca“.

Von klein an hatte mich das, „was die Welt im Innersten zusammenhält“ , in seinen Bann geschlagen. Ich, ein Mädchen, geboren am 15. Mai 1903 hier in der Zittauer Str. der Dresdener Neustadt, die Tochter des Amtsgerichtsrates Felix Reiche- Grosse, studierte Mathematik, Physik, Geographie, Sport, Philosophie und Pädagogik. Und das zu einer Zeit, als zwar einer „Marie Curie“ schon der „Nobelpreis“ überreicht worden war, aber ansonsten ein Mädchen aus „gutem Hause“ über ihren Handarbeiten zu sitzen oder aber sich mit Klavierspielen die Zeit zu vertreiben hatte.

Ich erwarb die Berechtigung für den Volksschullehrerdienst, aber eine Anstellung bekam ich nicht. Es war ein Glücksfall für mich, dass ich in Cuzco eine Stelle als Hauslehrerin beim damaligen deutschen Konsul in Peru erhielt.

Peru faszinierte mich, ein Land voller ungewöhnlicher Landschaften, sagenhaften und unerforschten Vergangenheiten mit merkwürdigen und vielfältigen Kulturen, mit extremen klimatischen Verhältnissen, ein Land mit vielen der sogenannten „Weißen Flecken“, die einfach darauf drängten, gefunden und bekannt gemacht zu werden.

So blieb ich, fasziniert von allem, was mich umgab. Ich suchte und fand Möglichkeiten, meinen Unterhalt zu verdienen, ich übersetzte vor allem wissenschaftliche Texte, und dann kam der Tag, an dem ich mit Professor Paul Kossok und mit seinen Hinweisen auf merkwürdige Scharrspuren auf dem Nazca- Hochplateau bekannt wurde, die er für ein Kalendarium oder eine Bewässerungsanlage einer sehr frühen Andenkultur hielt.
Auf seinen Wunsch hin machte ich mich auf den Weg, jene geheimnisvollen „Linien“ zu suchen, frei zu legen, zu vermessen und bekannt zu machen.

Wie haben die Einwohner von Nazca über mich gelacht, als ich das erste Mal allein in die Pampa hinauszog, mit nichts weiter als einem Besen, einem Maßband, einem Theodoliten und etwas Papier.
Wie haben sie gelacht, als sie mich die Pampa „fegen“ sahen, mich , eine junge Frau, noch nicht gezeichnet vom heißen Atem der Wüste, noch nicht ausgemergelt von den kargen Mahlzeiten, die ich mir gönnte, wenn der scharfe Nachmittagssturm sandgesättigt über meinen Unterstand am Auto dahin fegte und einen flimmernden, staubigen Vorhang vor die rote Sonne schob.
Wie haben sie gelacht, wenn sie abends schwatzend vor ihren Häusern saßen und ich währenddessen draußen in der Pampa traumlos schlief, den unendlichen klaren Himmel über mir mit den tausend und abertausend Sternen in der tiefen Finsternis.
Zunächst waren es schnurgerade Linien, die ich mit meinem verlachten Besen freilegen konnte, später fand ich anderes, Ungewöhnlicheres, riesenhafte flach in den Erdboden „gescharrte“ Tier- und Pflanzenbilder.
Was für Motive da in den Fels gescharrt waren, konnte ich , auf dem Erdboden stehend, nicht beurteilen. Also zog ich eines Tages nicht nur mit dem Besen, sondern auch mit einer Malerleiter in die Pampa, und das Gelächter hinter mir nahm zu. …

Wie erstaunte ich, als ich das sah, was sich vor mir in der menschenleeren Steinwüste ausbreitete: ein springender Delphin, ein Affe mit einem wunderlich zu einer gleichmäßigen Spirale eingerolltem Schwanz, Blüten, ein Kolibri, der gewaltige Kondor mit seinen breiten Schwingen, geometrische Figuren, Dreiecke, Trapeze...

Allmählich belebte sich das einsame, am Rande der Welt gelegene Nazca.
Erst kamen Wissenschaftler, dann Hobbyarchäologen und Abenteurer und schließlich wälzte sich ein nimmer enden wollender Strom von Touristen über das Land und in die Pampa hinaus, dass den Menschen von Nazca das Lachen über mich gefror und schließlich umschlug in eine ebenso heftige Verehrung, wie es vorher Verachtung gewesen war.

Theorien über Theorien gingen rund um die Welt: Ein Landeplatz für Außerirdische, ein uralter Kalender, Kultstätte untergegangener Zivilisationen, Bewässerungsanlagen oder aber die Nabelschnur zwischen Erde und Himmel, Wegweiser für die Schamanen, wenn sie von ihrem Flug aus der „Anderswelt“ zurückkehrten?

Auch ich habe lange Zeit versucht, eine Erklärung zu finden. Ich kam zu dem Schluss, es könne doch eher ein astronomischer Kalender gewesen sein, mit Linien, die in Richtung Sonnenuntergang verliefen, vielleicht auf Mondphasen ausgerichtet waren oder anhand von Sternenkonstellationen günstigste Aussaat- oder Erntezeiten anzeigten.

Manche Nacht habe ich von meinem Lagerplatz aus den Sternenhimmel auf mich wirken lassen und mir vorgestellt, wie die Sterne wohl zu einander gestanden haben mögen, als die Scharrbilder vor etwa 2000 Jahren geschaffen worden sind.

Aber letztendlich war das alles nebensächlich, die größte Aufgabe sah ich darin, diese ungewöhnliche Hinterlassenschaft einer längst vergessenen Zivilisation unserer Welt zu erhalten. Schon sah ich die ersten Verluste: 1955 wurden Pfähle für eine Plantagenbewässerungsanlage gesetzt, deren Bau ich schließlich verhindern konnte, die Trasse der Pan-Amerika, des Highways Südamerikas, tangiert das Hochplateau von Nazca, Massentourismus hinterließ Auto- und Fußspuren, aber schlimmer noch, ein Klimawandel deutet sich mit vermehrten orkanartigen Regengüssen an, wie sie für die vergangenen Jahrhunderte nicht denkbar gewesen wären.

Ich kämpfte hart und verbissen, und allmählich wurde Nazca nicht nur ein Gebiet für Abenteurer und Touristen, sondern 1995 als Weltkulturerbe unter den Schutz der UNESCO gestellt. Viele Ehrenbezeugungen nahm ich inzwischen entgegen: den Orden der Weisen der Inkas zum Beispiel, das Großkreuz des Sonnenordens Perus und auch das Bundesverdienstkreuz erster Klasse der Bundesrepublik Deutschland. Peruanische Universitäten verliehen mir die Ehrendoktorwürde. In Peru wurde ich die bekannteste Frau des Landes.

Weil es geholfen hat, dem rätselhaften und geheimnisvollen Stück Erde, das mir der Zufall zu Füßen legte, das ich gern in Empfang nahm und berühmt machte, eine Zukunft zu sichern, habe ich all diese Ehrungen akzeptiert.

Erblindet und durch das Parkison- Syndrom und einem Krebsleiden an der weiteren Arbeit gehindert, ging mein Leben am 08. Juni 1998 in meinem 95. Lebensjahr zu Ende.

In meiner geliebten Pampa stieg gerade die Sonne auf, als man mich zu Grabe trug...

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