Ein Tag im August 1958
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Feierabend-Mitglied
28.07.2024, 16:27
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Es ging mir nicht gut, ich hatte große Probleme zu Hause und war froh, dass es ein Schultag war. So konnte ich mich ein bisschen ablenken. In der großen Pause war es Gesetz, dass wir auf den Hof gehen und das Gebäude verlassen. Danach war mir an diesem Tag gar nicht. Ich wollte keinen Kontakt mit den Kindern, einfach nur meine Ruhe haben.
So schlich ich mich durch den Seiteneingang wieder in das Haus und ging in die 1. Etage, denn dort stand ein großes Aquarium mit wunderschönen bunten Fischen. Dort wollte ich die Pause verbringen. Unser Klassenlehrer hatte an diesem Tag Aufsicht und kontrollierte manchmal auch die Gänge im Innenbereich. Ich wollte mich noch schnell verstecken , aber es war zu spät. Er rief mich zu sich und mein Herz schlug bis zum Hals. Er war sehr streng aber gerecht und ich mochte ihn.
"Brigitte, es ist jetzt das dritte Mal, dass ich Dich hier erwische, ich werde mit Deinem Vater reden!" das hatte mir gerade noch gefehlt. "Bitte nicht Herr Ludwig, nicht mit meinem Vater. Wenn sie mich bestrafen, dann denken sie sich etwas anderes aus, ich mache alles.
Und er dachte sich etwas Anderes aus..... "Ab morgen für eine Woche fütterst Du jeden Tag die Fische". iIch war erleichtert, aber nur einen Moment. "Ich bringe Morgen ein Glas mit Regenwürmern mit und eine Rasierklinge. Du hackst die Würmer damit winzig klein und verfütterst sie an die Fische, in jeder ersten großen Pause."
Mein Herz blieb fast stehen. Mein Lehrer wusste um meine Tierliebe, wir hatten bei ihm auch Biologie. Ich konnte keinen Käfer und keine Fliege totmachen. Aber alles Bitten und auch meine Tränen halfen nicht, er schickte mich auf den Schulhof und ich konnte schon jetzt fühlen, was die Würmer spüren werden.
Ein langer Tag ging zu Ende, ich schwieg zu Hause und ging früh ins Bett. Ich betete, dass ich am nächsten Morgen Fieber habe, aber der Himmel erhörte mich nicht.....
So nahm der nächste Tag seinen Lauf, in mir war eisiges Schweigen. In der ersten Pause führte mich mein Lehrer zum Aquarium, legte einige Würmer auf ein Brett und zeigte mir, wie ich es machen muss. Dann ließ er mich allein. Ich überlegte kurz, dass ich die Würmer ja in meine Tasche stecken könnte und ihn dann anlügen. Aber dann würden die Fische verhungern. Mein Lehrer kam vorbei und sagte, ich hätte nur 20 Minuten Zeit und ich soll mich beeilen.
Ich schloss die Augen und begann.... mein Herz wurde ganz eng, ich begann zu zittern und versuchte, dabei in meine Fantasie zu schlüpfen und an etwas ganz Anderes zu denken. Es gelang nicht
Am dritten Tag schnitt ich mir ganz übel in die Hand, ich blutete und schrie. Ich weiß nicht mehr, ob ich es mit Absicht oder aus Versehen getan hatte. Der Notarztwagen kam, ich wurde ins Krankenhaus gebracht und versorgt. Damit war diese schreckliche Strafe beendet, aber nie vergessen.
Ich kann noch heute nach über 60 Jahren keine Regenwürmer anfassen und bekomme sofort ein schmerzhaftes Kribbeln am ganzen Körper und Atemnot.