Ein Penner
Von
Reineke1794
Samstag 13.02.2021, 07:12 – geändert Samstag 13.02.2021, 08:11
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Einen Penner hat er mich genannt. Mitte 20 mochte er sein. Ja, ich hatte ihm unabsichtlich den Weg versperrt. Es geschah, als ich die etwa 20 Stufen zum Eingang des Wohnblockes hinauf stieg, kurz eine kleine Pause einlegte und ihn somit zum Ausweichen gezwungen hatte. - „Mein Gott, wie oft bin ich hier hinauf geeilt, meist zwei oder drei Stufen auf einmal nehmend, wenn ich es eilig hatte“, erinnerte ich mich.
„Einen Penner hat er mich genannt, dieser Schnösel“, dachte ich und ließ mich gleich wieder zurückfallen in die Erinnerung. Einer von 13 Wohnblöcken ist das hier, in dem ich als Junge mit Mutter und Bruder mal gewohnt habe. Regelrecht in den Hügel hinein gebaut worden sind einige der Blöcke, deshalb auch die vielen Stufen zum Hauseingang unseres ehemaligen Wohnhauses. Ziel des Aufstieges war dabei gar nicht unser früheres Zuhause, sondern die Wiese, die sich hinter dem Wohnblock weiter den Hügel hinaufzieht bis zu dem Maschendrahtzaun, der die Siedlung von dem Gelände eines Internats trennt. Ein Teil dieses Zauns bildete sozusagen die Grundlinie eines Dreieckes von etwa 200 m² Fläche, das immer noch durch die Reste eine Grabens – wohl mal als Drainage gedacht – kenntlich ist. Genau dort wollte ich hin.
Preußenhügel hatte man die Siedlung spaßeshalber in der niederbayrischen Kleinstadt genannt, denn sie war in den 50er Jahren für die vielen Flüchtlinge hochgezogen worden, die da aus dem Banat, dem Sudetenland, Böhmerwald, Mähren, Ober- und Niederschlesien, aus Siebenbürgen, Ostpreußen und selbst aus Königsberg, diesen Ort und die umgebenden Dörfer, mit Handkoffern, Kinderwagen, der Bahn, Leiterwagen oder Pferdegespann als Endstation erreicht hatten. Viele Dialekte konnte man hören, Solidarität verspüren und häufig von dem Glück erfahren, das da geäußert wurde, nachdem die Menschen endlich nach vielen Jahren aus den Notquartieren in die Neubauwohnungen mit Ofenheizung, eigener Toilette, mit Bad und Badeofen und einem eigenem Klingelschild hier eingezogen waren. Was war das für ein Häufung unglaublicher Schicksale? Was für Menschengruppen waren hier zusammengewürfelt worden? Vom Köhler bis zum Hochschul-Professor reichte die Palette der Berufsbezeichnungen der Zugezogenen. Beinamputierten Kriegsheimkehrern mit Krücken - denn an Rollstühle war damals nicht zu denken - bis hin zu dem kerngesunden Mann, der noch an der Olympiade 1936 in Berlin aktiv teilgenommen hatte, konnte man begegnen. Viele Kriegswitwen, häufig mit einem, zwei oder mehr Kindern, konnte man antreffen. Ja, Kinder gab es viele auf dem „Preußenhügel“ und eines davon war ich.
Einen Penner hat er mich genannt, dieser Grobian, der jetzt vielleicht in dem Haus wohnen mag, in dem auch ich vor vielen Jahrzehnten mal gewohnt habe. Vorher aber, davon wird dieser junge Mann nie etwas gehört haben, hatte ich als Junge für ein Stück Land oberhalb des Wohnblocks gekämpft, für dieses dreieckige Stück Wiese, von dem jetzt nur ein fast verschütteter Graben rundherum zeugt.
Alle Kinder der Siedlung hatte ich vor einer Ewigkeit um mich versammelt und war mit ihnen zum Rathaus der Kreisstadt marschiert, geradewegs bis zum Vorzimmer des Bürgermeisters und schließlich mit all den Spielkameraden auch eingelassen worden. Nachdem ich als Startsignal an dem Hosenträger meiner Lederhose gezogen hatte, wir alle unseren Gruß „Grüüüüß Gott Heeerr Büürgeermeisteeer !“ einstimmig gebrüllt hatten, konnte ich ihn vortragen, unseren Wunsch, dass wir gerne einen Spielplatz hätten da oben auf dem Preußenhügel.
Nichts wird er darüber wissen, dieser Flegel, der mich Penner genannt hat, dass ich damals Erfolg hatte, dass dieser Graben da oben gewissermaßen auf meine Veranlassung hin gezogen worden ist, dass eine Schaukel aufgebaut wurde, eine Wippe und ein Buddelkasten hingestellt, dass ein Schild an einem Pfahl befestigt worden war mit einem bunten Bild, über dem es dann deutlich Stand: „Spielplatz“. In der Regionalzeitung gab es dann Berichte über die Kinder auf dem „Preußenhügel“, gab es Fotos von uns, wie wir in Kriegsbemalung als Indianer auf UNSEREM PLATZ Kriegsrat hielten und uns über die Spielgeräte freuten. - Nichts wird der vorhin noch so ungehaltene junge Mann darüber wissen, wie dies mal gewesen ist auf dem sogenannten Preußenhügel vor mehr als einem halben Jahrhundert.
Ja, eine ganze Weile ist das alles her. Schaukel, Wippe, Buddelkasten und natürlich das Schild sind längst verschwunden. Ich habe mich dann hingesetzt da oben, auf die Wiese, innerhalb des Dreiecks, denn eine Bank gab es nirgendwo.
Obwohl bis auf den fast verschüttenten Graben nichts mehr an früher erinnert, verspürte ich ein wenig Stolz. Ich habe mich dann zurückgelegt, habe in die Wolkenformationen am sonst blauen Himmel geschaut, ein wenig geträumt und sie dann gesehen, den Moppel, den Hansi, Andi, Karin, Peter, Roswita, Renate, Karli, Rolf und wie sie alle hießen, die Indianer der 1. Stunde.
Wer mich da zufällig hat sitzen oder liegen sehen, also jemand aus der Siedlung – vermutlich gibt es da keinen mehr von den „Ureinwohnern“ - was mag er möglicherweise gedacht haben? Ich weiß es nicht. Vielleicht grübelte er „Was ist denn das für ein Penner, der Fremde, der da oben auf der Wiese liegt?“