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Ein Körnchen Wahrheit

Von Pinnacle Samstag 09.05.2020, 12:57

Ein Körnchen Wahrheit
Joa Bosch ©BJS

Ich saß im Augustiner Biergarten unter schattigen Kastanien als mich eine merkwürdige, mehr als 4.600 Jahre alte Nachricht erreichte. Wüstenstaub aus der Sahara, bestehend aus Abertrillionen goldfarbener Sandkörnchen, hatte sich über München gelegt und strahlte im fahlen Sonnenlicht. Eines davon kam glitzernd zwischen Bierdeckel und Besteck, auf meiner Serviette zu liegen. Fasziniert schaute ich in das geheimnisvolle Funkeln und versank bei längerem Betrachten in eine angenehme Lethargie.
Nach und nach verebbte rings um mich das Gemurmel der Gäste. Dafür hörte ich ein Flüstern und Wispern, dass mich in eine längst vergangene Zeit hinüber gleiten ließ. Es war dieses Korn aus Wüstensand, das mir eine unglaubliche Geschichte erzählte.

Nein, stolz war Khafar, der Bildhauer, beileibe nicht. Eher Furcht vor den Mächtigen hatte ihn schon auf der beschwerlichen Reise stromaufwärts begleitet. Er war aus seinem beschaulichen Dorf El Saqqara im östlichen Nil-Delta zum Amun Re Tempel nach Memphis berufen worden. Khafars Fähigkeit, auch den härtesten Stein kunstvoll zu bearbeiten war den Priestern und Beamten des Pharaos schon lange bekannt. Im Auftrag des Gottkönigs, sollte ein Standbild zu dessen Ehren im Zentrum der Macht errichtet werden.
Der ausgelobte Bildhauer erhielt den Auftrag, aus einem unbehauenen bereits aufgerichteten Monolithen die erhabene Gestalt des Herrschers ausdrucksvoll heraus zu arbeiten. Die Planvorgabe der Priester, ockerfarbene Skizzen auf Papyrus, stellte den Pharao in der Pose des Siegers über seine Feinde, die Nubier dar. In Gesprächen mit den Priestern erlaubte sich Khafar ein paar Änderungen einzubringen; man kam seinen diplomatisch geführten Vorschlägen gnädig nach und die Arbeiten konnten alsbald beginnen.

Ein stabiles Gerüst, bestehend aus Bambusrohr über mehrere Ebenen, die über Leitern erreichbar waren, ermöglichte die schwierigen Arbeiten an dem über 20 Meter hohen Stein. Außer den über zweihundert Handlangern meißelten noch fünfzig gut ausgebildete Steinhauer nach Khafars Angaben grobe Umrisse aus dem Koloss.
Nur die Feinarbeiten an den Konturen von Gewand, Insignien, Körper und Gesichtszügen des Herrschers führte er selbst durch. Auch die Hieroglyphen über Pharaos Heldentaten arbeitete Khafar nach Anweisung der Priester gewissenhaft heraus. Mit Kupfermeißel, Salzwasser, Granitschmirgel und Balsaholz erweckte er den toten Stein mit kunstvollem Schliff immer mehr zu einem Eigenleben.

Hin und wieder besuchte der Herrscher mit seinem Gefolge die imposante Baustelle. Bei einem der Besuche befahl man den Bildhauer Khafar herbei. Der Gerufene näherte sich in gebührender Demut, warf sich in den Staub und der Hohepriester übergab Khafar eine Tontafel mit dem Siegel des Pharaos. Die Inschrift besagte, dass ihm und seiner Familie bei gelungener Vollendung und in Anerkennung seiner Arbeiten vom Gottkönig eine lebenslange Versorgung zuteil wird.

Jetzt, nach sieben Nil-Zyklen, war das Kunstwerk vollbracht. In wenigen Tagen würde sich wieder der Sieg über Pharaos Feinde jähren. Daher sollte das Ehrenmal zu diesem Anlass durch die Priester feierlich geweiht werden. Die Arbeiter waren bereits abgezogen, nur das Gerüst stand noch und sollte schon am nächsten Tag von einem kleinen Trupp entfernt werden.
Ein letztes Mal stieg Khafar die steilen Leitern empor, und kontrollierte zufrieden alle Feinheiten seines Schaffens. Dann, bei der linken Hand des Königs, die den Krummstab, das symbolische Zeichen seiner Macht hielt, wollte er noch eine Ausbesserung vornehmen. Mit Schlegel und Meißel arbeitete er die Nagel-Rundung von dem kleinen Finger etwas nach – und da passierte das Unglück!

Das steinerne Glied brach unterhalb der Fingerkuppe plötzlich ab, stürzte in die Tiefe und zerbrach auf dem Felsensockel in unzählige Stücke. Entsetzt blickte er um sich, aber weit und breit wurde niemand Zeuge des unglücklichen Geschehens. Fieberhaft überlegte Khafar wie er das schreckliche Missgeschick noch zum Guten wenden könnte. Eile war nötig, denn in wenigen Stunden würde sich die Sonne wie jeden Abend auf die Reise hinüber in das Totenreich nach Westen begeben, um am nächsten Morgen im Osten wieder neu geboren zu werden.

Seine Lösung war einfach und genial. Im Wettkampf mit der anschleichenden Dunkelheit meißelte er aus der Bruchstelle einen neuen Nagel heraus, sodass die künstliche Hand die Insignie wieder heil umfasste, mit einem kleinen Finger, der jetzt etwas kürzer war. Bei der Einweihungszeremonie bemerkte niemand den Frevel, auch später fiel das nicht mehr auf.
Wie vom Pharao versprochen, wurde der Künstler hoch besoldet, ehrenhaft in seine Heimat entlassen. Khafar lebte noch viele Jahre in Wohlstand an den Ufern des Nils und nur er teilte sein Geheimnis mit dem Fluss des Lebens. Kein anderer würde je von seinem Missgeschick erfahren.

Nach weiteren zwölf Nil-Zyklen befahl Gott Anubis den Pharao zu sich in das Reich der Toten. Der Sohn des verstorbenen Herrschers übernahm als neuer Gottkönig die Regentschaft. Er ließ sogleich das Monument seines Vorgängers, wie so oft in dieser Epoche, Stück für Stück zerstören, um sich selbst ein Denkmal zu schaffen Als der Koloss nach und nach zusammenbrach, zermalmten die herabfallenden Trümmer auch die am Boden liegenden Fingerkuppen-Fragmente gänzlich zu Staub. Spätere Erosionen taten ihr übriges und verteilten das Zeugnis eines unglücklichen Fehlgriffs über Jahrtausende in alle Himmelsrichtungen.

Es war die Bedienung die mich, mit meinem zuvor bestellten Essen, in die Wirklichkeit zurückholte.
Erstaunt sah die Kellnerin zu, wie ich ganz behutsam die Serviette zusammenfaltete und vorsichtig in meiner Brusttasche verstaute. Darin sicher verwahrt war jenes goldfarbene Fingerkuppen-Sandkorn, das mit dem Wind durch die Wüste über den Nil und das Meer bis nach München getragen worden war und mir diese Botschaft überbracht hatte.

Khafar hatte sich geirrt!
Denn so ist sein Geheimnis nach über 4.600 Jahren letztendlich doch gelüftet worden, bei Weißbier und Krustenbraten. Durch den Winzling aus der Vergangenheit kam mir die Erleuchtung - in allem steckt doch ein Körnchen Wahrheit!

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