Ein gut bewährtes Hausmittel
Von
Pinnacle
Mittwoch 13.05.2020, 08:42
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Ein gut bewährtes Hausmittel
Joa Bosch ©BJS
Engländer umschreiben die Liebe eines Trinkers zu gutem Whisky mit ihrem trockenen britischen Humor wie folgt:
„Ein gut bewährtes Hausmittel gegen Schlangenbisse ist Whisky. Deshalb trage immer eine Flasche Scotch bei Dir und vorsorglich auch eine kleine Schlange.“
Ja, auch ich habe mir diese wichtige Lebensweisheit zu Eigen gemacht. Denn es gibt Augenblicke im Leben, die einem den Atem verschlagen. Und das passiert mir täglich, ja fast stündlich! Daher habe ich immer ein Flasche Whisky bei mir und auch eine kleine Ringelnatter namens „Fräulein Medusa“. Sie ist zwar ungiftig, und ihre Bisse sind schmerzlos, erfordern aber in meiner Atemnot dann unbedingt das vortreffliche Hausmittelchen. Auch diesmal war es bitter nötig!
Nachdem Gustel, der Wirt „Zum grünen Kakadu“, die Sperrstunde eingeläutet hatte, nahm ich, wie immer in meinem Zustand, die Abkürzung über den Friedhof. Das ist der sicherste Weg von der Kneipe, die ja mein Wohnzimmer ist, zu mir nach Hause. Die Strecke ist ganz einfach zu bewältigen. Der Weg ist deshalb sicher, weil ich mich beim Torkeln zwischen den Grabsteinen abstützen kann. Die Abkürzung führt von dem schmiedeeisernen Portal über den Hauptweg bis zur Grabstätte der Familie Leberecht; dort muss ich links abbiegen, weiter bis zu der Aussegnungskapelle, rechts durch die kleine Pforte und dann über den Rübenacker bis hin zu meinem Haus.
Aber in dieser Nacht regnete es sintflutartig, und der Friedhof hatte sich in ein fast fußhohes Gewässer verwandelt.
Gerade hatte ich die Leberechts passiert, als ich ein wimmerndes Rufen hörte: „Hilfe, Hilfe, so helft mir doch, Hiiiilfe“.
Erschrocken schaute ich durch die Gräberreihen und erblickte im fahlen Mondlicht einen Kopf, der aus dem schlammigen Erdreich ragte. Es war Paule, den wir erst vor zwei Tagen eingegraben hatten.
„Um Gottes Willen Paule, was issn los“, entfuhr es mir, watete zu ihm hin, sank erschüttert nieder und lehnte mich fassungslos an einen benachbarten Grabstein. Erde spuckend fauchte er: „Ihr Arschlöcher habt mich lebendig begraben“, dabei blickte er mich wütend an und fuhr fort: „verdammt, ich frier mir noch den Hintern ab, hol mich hier raus.“ Verwirrt stammelte ich: „Aber Du bist doch im "Grünen Kakadu" tot vom Hocker gefallen!“ Er entgegnete: „Quatsch, ich bin nur eingeschlafen und hab ein kleines Nickerchen gemacht. Aber als ich aufwachte, befand ich mich in einer Kiste. Gott sei Dank ist sie aus billigstem Sperrholz und ich konnte sie leicht zusammentreten. Als ich dann durch die vom Regen aufgeweichte Erde regelrecht nach oben schwimmen musste, begriff ich so langsam, dass Idioten mich lebendig begraben haben. Verflucht noch mal, hol mich endlich raus.“
Auf den Knien liegend fing ich mit bloßen Händen das Graben an. Verzweifelt versuchte ich Paule aus dem vom Regen durchtränkten Erdbrei frei zu schaufeln. Dabei fiel mir ein, dass unser Hausarzt, Doktor Igor Brechtel von Gümpelstein, der auch wie ein Loch säuft, nach der Leichenschau überall verkündet hatte: „Der gute Paule hat sich mit 4,9 Promille tot gesoffen.“
Wie immer hat Gustel der Wirt, eine Kopie des Totenscheins über dem Tresen an die Wand zu den anderen Bescheinigungen von vorausgegangenen Stammgästen genagelt.
Dörte, Paules Frau, hat dann eine schöne Leich` ausgerichtet. Naja, am Sarg hat sie wohl gespart, aber dafür alle Stammgäste in den „Grünen Kakadu“ zum Umtrunk eingeladen. Ein jeder von den über 100 Trauernden hatten dabei so viele Toasts auf Paule ausgesprochen, dass ich „Fräulein Medusa“ erst gar nicht bemühen musste.
Meine Gedanken wurden aber schnell von der Erkenntnis unterbrochen, dass alle Bemühungen völlig umsonst waren. Denn je mehr ich den Schlamm zur Seite schob, um so mehr versank Paule in seinem nassen Grab. „Paule, es ist zwecklos“, lallte ich hilflos und holte meine Freundin hervor.
Der Schlamm stand Paule schon bis zur Unterlippe, als er glücklich brabbelte: „Ja, kleine Schlange, beiß fest zu“, und zu mir gewandt: „um Gottes Willen, Du hast doch auch sicher das Hausmittel dabei?“ Ich antwortete: „Na klaro“, hielt dabei die Ringelnatter an seine Nase und „Fräulein Medusa“ biss eifrig zu. Wohl auch in der Gewissheit, dass sie ebenso ein paar Tropfen Scotch abbekommen würde. Dann öffnete ich die Whiskyflasche, führte sie kameradschaftlich an seinen Mund und er nuckelte selig daran. Daraufhin ließ ich mich von meiner Freundin beißen und trank dann meinen Anteil. So fuhren wir im Wechsel fort. Ein Biss in das Kinn, Bisse in die Wangen, Ohren oder Stirn und wir teilten uns dabei jedes Mal, mit einem kräftigen Trunk und Tröpfchen für Tröpfchen, redlich den Inhalt. Dabei nahmen wir, wie beste Freunde, Schluck für Schluck, tränenreich Abschied.
Bei den letzten Tropfen sagte Paule: „Das mit Dir und Dörte, das weiß ich schon lange.“ Verdattert nahm ich zitternd den allerletzten Schluck und er fuhr fort: „Ja, sie hat sich von Deiner Schlange, als auch von Dir, ab und zu mal so richtig schön beißen lassen. Ich vergebe Dir, aber ab jetzt musst Du für immer - und versprich mir das - gut auf sie aufpassen. Tröste, liebe und ehre sie – nimm Dörte zum Eheweib!“
Bitterlich weinend gelobte ich lallend: „Das mache ich - Ehrenwort - und danke Kamerad, leb wohl.“ Die Tränen galten auch meinem Selbstmitleid, denn wie ich Dörte kannte, wird sie in meinem Leben jetzt so manches zum Unguten verändern.
Als Paules lichter Haarschopf für immer im Erdloch versank, stellte ich die leere Flasche auf sein Grab und entnahm von einem Blumengesteck, mit der Trauerbinde „Letzter Gruß, Deine Dörte“, eine welke Rose und steckte sie in die Whisky-Ersatzvase. Dann verstaute ich das erschöpfte „Fräulein Medusa“ in meiner Tasche und wir schwankten fix und fertig den gewohnten Weg nach Hause