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Ein glückliches Paar

Von Pinnacle Freitag 15.05.2020, 10:03

Ein glückliches Paar
Joa Bosch ©BJS

CLAIR

NEIN, eine Schönheit war sie nicht. Einsam, vom Leben enttäuscht und gezeichnet, wollte Clair noch einmal ein neues Dasein beginnen. JA, den Job in einer Supermarktkette und auch ihre billige Unterkunft hatte sie genauso verloren wie ihren Mann, der nach langer Krankheit schon vor Jahren verstorben war. Weg, nur noch weg aus dieser vermieften Kleinstadt in der Nähe von San Francisco.
Mit ihren letzten Dollars aus dem Erlös ihrer Möbel wollte sie sich ein Auto kaufen und endlich einen lang gehegten Traum erfüllen. Es waren gerade mal 1400 Dollar. Ihr Sehnsuchtsziel war eine Fahrt auf dem Highway No.1, entlang der wildromanischen Pazifikküste und dann tief hinunter bis in die Baja California von Mexico. Die über 1100 Kilometerlange fast unbewohnte Halbinsel bot mit ihren traumhaften Stränden Menschen wie Clair ein freies und ungestörtes Leben.

Als sie auf „Joes Carpark“ durch die Reihen der Gebrauchtfahrzeuge schlenderte, entdeckte sie den 58er Bulli. Der über 60 Jahre alte VW Camping-Bus, hatte es ihr sofort angetan. Die rot-weiße Karosserie, mit dem Reserverad auf der Frontseite, der spartanischen Camping-Einrichtung und den vielen Fenstern ringsum, versprachen ihr ein gemütliches Zuhause. Rasch ging sie in Richtung Büro, einem verwahrlosten Wohnwagen, als sie in einem Hühner-Drahtverschlag den Welpen erblickte. Der junge Hund, ein schwarzes Etwas, übersät mit offenen Wunden, versuchte verängstigt dem heftigen Hacken der Vögel auszuweichen. Seine Augen flehten Clair an: „Hol mich raus, hol mich hier bitte raus“.
Schnell war Clair mit Joe einig, handelte sie doch den Preis von 950 auf 700 Dollar runter. „Und den Hund gibt`s obendrauf“, sagte sie und holte grinsend den Welpen aus dem Verschlag. Dann nahm sie dem sprachlosen Joe die Auto-Papiere nebst Schlüssel aus der Hand und die zwei fuhren mit ihrem Traumauto davon.

Die nächsten Wochen fuhr Clair von einem Campingplatz zum anderen und verweilte nur dort, wo es ihr besonders gefiel. Dabei pflegte sie den mit vereiterten Wunden übersäten Welpen gesund und richtete „Timo“, den sie nach ihrem verstorbenen Mann benannt hatte, zu einem wohlerzogenen Hund ab. Bald war Timo Stubenrein. Ihr Bett, eine verblichene Matratze, mit neuem Überzug und Laken versehen, durfte er nicht betreten. Auch wenn er noch so winselte, versagte sie ihm mit einem scharfen „NEIN“ den Zutritt. Schnell hatte er das verstanden und respektierte Frauchens Tabuzone.

Timo, ein sogenannter „Sperrmüllhund“, eine Mischung aus Husky, Boxer, Dobermann oder ähnliches entwickelte sich mit der Zeit zu einem kräftigen und großen Rüden. Er war Clair`s treuer Beschützer. Unterwegs, wenn Timo währen der Fahrt zusammengerollt auf dem Beifahrersitz zufrieden schlummerte, streichelte Clair den Hund zärtlich und dachte: „Was sind wir doch für ein glückliches Paar“.

TIMO

Hunde können träumen. Timo erlebte darin die Wildheit seiner Ahnen, ihre kämpferischen Urinstinkte und ihm gefiel die Macht seiner Rasse. Aber sein Lieblingstraum war die Befreiung aus dem verhassten Hühnerstall. Wie ein Engel aus dem Hundehimmel hat Frauchen ihn da herausgeholt und gesund gepflegt. Nicht nur im Traum würde er das je vergessen. Sein reales Leben bestand nun aus Spielen, am Strand entlang rennen, Meerwasser schmecken und Gräser riechen, Neues zu entdecken und mit Clair zu schmusen. Timo liebte sein Frauchen über alles und sein kleiner Verstand sagte: „Was sind wir doch für ein glückliches Paar“.

SANTOS

Jetzt waren Clair und Timo schon über ein Jahr unterwegs, als sie nahe der mexikanischen Grenze an einem Trucker-Rastplatz Halt machten. Bei den Fernfahrern gab es an diesen Stationen gutes und preiswertes Essen. Es war Wochenende und eine Country-Band spielte auf dem Parkplatz wehmütige Lieder. Sie handelten von Cowboys und Trucker, die ihr einsames Leben in der Prärie oder auf dem Highway verbrachten. Die Musik weckte in Clair alte Erinnerungen und sie spürte seit langem wieder Lust auf ein Tänzchen. Sie schminkte und frisierte sich hübsch zurecht und zog ein schönes Kleid an. Dann fütterte sie Timo. Dabei erklärte sie ihrem Hund, dass Frauchen bald wieder zurückkommen werde. Als sie den Bulli verlies, blickte Timo ihr verständnislos und traurig nach.
Kaum hatte Clair an der Bar Platz genommen, forderte sie schon ein Kerl zum Tanz auf. Es war braungebrannter und muskulärer Mexikaner, der sie je nach Musikstück entweder sanft über die Tanzfläche schob oder auf derselben wild durcheinanderwirbelte.

Santos, ein junger Trucker, störte der Altersunterschied nicht. Er spendierte ein Bier nach dem anderen und bald kam man sich näher. Clair war nach langer Zeit wieder glücklich und so jung verliebt, wie damals, als sie ihren Mann kennenlernte. Und es kam wie es kommen musste. Zur späten Stunde lud Clair, glücks- und alkoholtrunken, den Trucker in ihr Zuhause ein. Als Santos den VW-Bus erblickte schnalzte er mit der Zunge und lallte etwas von „home, sweet home“. Clair schloss die Schiebetür auf und schon kam Timo winselnd entgegen. Streichelnd beruhigte Clair den Hund, dann machten sich das Paar auf den Dreh-Sitzen gemütlich. Neugierig beäugte Timo den Fremden, der seinem Frauchen sehr nahekam. Timo war irritiert, aber nicht beunruhigt. Denn Clair war gut gelaunt und lachte fröhlich. Aber später, als die beiden sich mit einer Flasche Wein auf die Matratze zurückzogen, verstand der Hund seine Welt nicht mehr. Dieser fremde „Rüde“ durfte in Frauchens Bett.
Er nie!

ERWACHEN

Als Clair durch wildes Schreien, bösartigem Bellen und Knurren geweckt wurde, erblickte sie benommen zwei in sich verschlungen Körper, die miteinander kämpften. Bis sie verstand, was da geschah, war es schon zu spät. Santos lag nackt und mit aufgerissener Kehle sterbend neben ihrem Bett. Aus der aufgerissenen Schlagader spritze das Blut in Strömen. Seine Beine zuckten noch ein letztes Mal, dann war es vorbei. Timo stand vor dem Toten, leckte sich das Maul, dehnte und streckte sich, dann nahm er auf seinem angestanden Sitz Platz. Seinem Instinkt folgend hatte er sein Revier erfolgreich verteidigt.

SUNSHINE

Clair wischte sich Tränen, verlaufene Schminke und Blutspritzer aus dem Gesicht, bedeckt den Leichnam mit dem Laken und setzte sich an das Steuer. Wimmernd verlies sie im Morgengrauen den Rastplatz. Timo saß aufrecht neben ihr. Sein Kopf war von der Schnauze bis weit über die Ohren mit verkrustetem Blut bedeckt. Das Weiß seiner bleckenden Zähne unterstrich sein unheimliches Aussehen.
Clair fuhr auf dem Highway No.1 in Richtung Süden und hielt verzweifelt Ausschau nach einem geeigneten Halt um den Toten loszuwerden. Kurz vor Tijuana, der Grenzstadt zu Mexico fand sie einen Abzweig ins Nirgendwo. Einem Hohlweg folgend erreichte sie bald einen ausgetrockneten Bachlauf. Die zerklüfteten Rinnen boten sich als Ablageort regelrecht an. Clair zerrte den schweren Leichnam aus dem Wagen, zog ihn mühsam zu dem zerklüfteten Gelände und warf ihn in eine Senke. Augenblicklich bedeckte ein Fliegenschwarm Santos Überbleibsel. Schweißüberströmt kehrte sie zu dem Bulli zurück. Timo sah ihr mit starren Augen entgegen. Sein Blick war furchterregend.

Rasch entledigte Clair sich dem verschmutzten Kleid und mit dem Inhalt einer Wasserflasche wusch sie sich die Spuren des Geschehens gründlich ab. Dann zog sie sich eine Jeans und Bluse über. Nachdem sie ihr Haar geordnet hatte wendete sie beschwerlich den Bus und fuhr den Hohlweg zurück auf die Hauptstraße. Die verstörte Frau reihte sich in den Verkehr ein und setzte die Fahrt aus dem Sunshine State California nach Mexico fort.
Jetzt war es keine Traumreise mehr. Es war eine Flucht. Timo roch regelrecht ihre Angst und zufrieden dachte er:
„Was sind wir doch für ein glückliches Paar“!

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