Neu hier? Lies hier über unser Motto gemeinsam statt einsam.
Mitglied werden einloggen




Passwort vergessen?

2 3

Ein Déjàvu

Von Pinnacle Samstag 23.05.2020, 10:46

Ein Déjàvu
Joa Bosch ©BJS

Eigentlich wollte ich nur das Wochenende in dem traditionsreichen Gebirgshotel verbringen. Das Bauwerk im eleganten Belle-Epoque- Stil lag oberhalb eines Gletschers; und ich war in freudiger Erwartung angereist. Doch seit meinem Eintreffen tobte ein heftiger Schneesturm. Das über hundert Jahre alte Gebäude war nach wenigen Stunden völlig eingeschneit. Eine An- geschweige Abreise war in den nächsten Tagen wohl nicht mehr möglich. Ich richtete mich innerlich, auch wie die wenigen, meist älteren Stammgäste, auf einen längeren Aufenthalt ein.

Das ehrwürdige Grandhotel war nicht nur wegen seiner exponierten Lage berühmt, auch die exzellente Küche wurde von Gourmets aus aller Welt sehr geschätzt. Ein morbider Charme des Verfalls war erkennbar und drückte sich in dem exklusiven, aber abgewetzten Mobiliar aus. Die vornehmen Livrées des Concièrges, des Portiers und der Pagen waren ebenso verblichen wie die Polster und Vorhänge in der imposanten Empfangshalle. Allerdings, so wie der Besitzer in seiner Broschüre angab, sollte nach der Wintersaison das Haus mit aufwendigen Investitionen komplett saniert werden.

Nach einem Aperitif und einem Plausch mit dem Keeper an der Bar begab ich mich zum Abendessen hin zum großen Speise- und Ballsaal. Der Restaurantleiter empfing mich mit den Worten: „Guten
Abend mein Herr, ich wünsche Ihnen einen angenehmen Aufenthalt in unserem Hause. Ihre Zimmernummer, bitte?“ Von der Eleganz des Saales überwältigt antwortete ich flüsternd: „Vielen Dank, Zimmer 212“.

Ein gekonnter Fingerschnipser von meinem Gegenüber rief einen Pagen herbei, der mich mit höflicher Bitte zu meinem reservierten Tisch geleitete. Auf dem Weg dorthin grüßte ich mit dezentem Nicken die anwesenden Gäste: drei Paare, je an einem Tisch platziert; auch zwei Herren, die jeweils alleine speisten, sowie vier zusammensitzende Damen.

Die hoch betagten und sichtlich gut situierten Herrschaften unterhielten sich im Flüsterton. Ich war der dreizehnte Gast an nun sieben belegten Tischen. Die restlichen unzähligen eingedeckten Tische blieben den ganzen Abend leer.
Ein einsamer Pianospieler füllte den Raum mit gedämpfter Musik und man konnte erahnen, wie so manch rauschendes Fest hier stattgefunden hatte.
Das mehrgängige Menü wurde von flinken Kellnern serviert, die dazu passenden Weine eingeschenkt von fachkundigen Sommeliers, die ein in Frack gekleideter Oberkellner meisterlich dirigierte.

Der letzte von fünf Gängen wurde gerade serviert, „Pfirsich Melba flambiert“, als mich eine Melodie aufhorchen ließ.
„Sankt Martin ritt durch Schnee und Wind…..“, dezent summte das Damenkränzchen vom Nachbartisch mit. Fabelhaft, dachte ich, wirklich passend zu dem draußen tobenden Schneesturm.

Gedankenverloren lauschte ich den Klängen und schaute dabei in die bläulich züngelnden Flammen meines Desserts. Die Szenerie kam mir irgendwie bekannt vor. Die belanglose Situation wurde auf einmal bedeutungsschwanger. Ein längst vergessenes Ereignis, jetzt in neuer, unbekannter Umgebung, löste in mir plötzlich Angstgefühle aus. Dann kurzes Zweifeln an der Wirklichkeit. Doch ich erstarrte: Alles schon einmal erlebt! St. Martin – Martinsfeuer – Klänge von Martinshörnern zerrissen meine innerliche Stille.

Ein geistiger Geruch von Verbranntem bewirkten in mir eine Erinnerung der besonderen Art. Wurde doch vor Jahren, an einem Sankt Martinstag, in der Nachbarschaft eines Freundes bei einem Martinsfeuer durch Unachtsamkeit und heftige Winde eine Feuersbrunst entfacht, die mehrere Häuser in Schutt und Asche legte. Irritiert blickte ich um mich, aber das Verhalten aller Anwesenden entsprach der Normalität, die in einer vornehmen und gedämpften Atmosphäre so eigen ist.

Jedoch ließ dieses Déjàvu mir keine Ruhe. Nervös sprang ich auf und eilte an dem sichtlich pikierten Restaurantleiter vorbei in die Empfangshalle. Auch hier befand sich alles in bester Stimmung, gepaart mit vornehmer Eleganz. Der Concierge war über mein Erscheinen erstaunt und blickte mich mit der linken erhobenen Augenbraue fragend an. Ich wollte mich, „Entschuldigung“ murmelnd, schon wieder zurückziehen, als plötzlich weißer Rauch, wellenförmig wie ein Gebirgsbach, immer schneller werdend, die Stufen der großen Aufgangstreppe herabquoll. „Feuer, Feueralarm“ schrie ich aus Leibeskräften und rannte zurück in den Speisesaal. „Alle raus hier, Feueralarm, es brennt, rettet Euch“, schrie ich Gästen und Personal zu. Das Klirren von platzenden Glasscheiben und das Knistern von unsichtbaren Flammen taten ihr Übriges.

Erst geordnet und gegenseitig unterstützt, verließen wir den Speisesaal, um dann panikartig durch die menschenleere und verrauchte Empfangshalle, würgend und hustend, ins Freie zu gelangen. Dort standen schon die übrigen Angestellten verzweifelt herum. Auch das Küchenpersonal hatte sich rechtzeitig in Sicherheit bringen können. Alle blickten stumm empor.
In der markanten Glaskuppel, die über dem Dachgeschoss thronte, wabberte ein unheimliches Glühen. Als die filigrane Konstruktion nach einer Weile mit donnerndem Getöse in sich zusammenbrach, stieg ein gewaltiger Funkensturm, schauerlich schön, hinauf in die dahin jagenden Schneewolken. Angefacht durch den starken Wind prasselte jetzt das Feuer durch das gesamte Gebäude. Hilflos mussten wir zusehen wie sich der Brand von oben, Geschoss um Geschoss, nach unten fraß.

Als der Morgen graute, hatten sich beide Stürme, der eine aus Feuer, der andere aus Schnee, gelegt. Trümmer qualmten im Sonnenlicht. Nur mit dem, was man am Leibe trug, und an der noch wabernden Glut sich wärmend, warteten wir auf Rettung. Die Bergwacht, durch die gewaltige Rauchwolke über den Gletscher alarmiert, brachte uns mit Bergungsschlitten nach und nach sicher in das Tal.
Spätere Untersuchungen ergaben, dass der Besitzer selbst an mehreren Stellen mit Brandbeschleuniger im Dachgeschoss Feuer gelegt hatte.
Mein Déjàvu, dieses rätselhafte Gedächtnisphänomen, hatte unser aller Leben gerettet.

Du möchtest die Antworten lesen und mitdiskutieren? Tritt erst der Gruppe bei. Gruppe beitreten

Mitglieder > Mitgliedergruppen > Kreativ Schreiben > Forum > Ein Déjàvu