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Die untote, tote Oma (2)

Von tastifix Freitag 24.04.2026, 07:18 – geändert Freitag 24.04.2026, 07:19

„So, und nun schnell!“, forderte Oma.
Soldaten rufen auf einen Befehl ihres Kommandanten:
„Jawohl, Herr General!“
Die Torte dagegen befolgte die militärischen Anstandsregeln auf eine für einen Kuchen höchst bemerkenswerte Weise. Aus großen Tomatenaugen unter grünen Gewürzbrauen blinzelte sie Oma respektvoll an und kniff ihrer Vorgesetzten tatsächlich ein Auge zu.
„Brav!“, lobte Oma.
Katharina sagte nichts mehr dazu.
Nach einer knappen Minute meldete sich die Backofentür:
„Torte fertig!“

Oma befreite die Torte aus deren sprechender Sonnenbank, ließ sie sanft auf eine über und über mit Engelsköpfen verzierte Glasplatte gleiten, die dann auf einen mini-Beistelltisch schwebte.
„Na, meine Freundinnen werden staunen!“
Wer bereits jetzt hingerissen den Kuchen bewunderte, war ihre Enkelin.
„Mensch, Oma! Die sieht ja toll aus!“
Oma freute sich zwar, jedoch:
„Das ´Mensch` möchte ich aber nicht gehört haben. Jenes Stadium habe ich längst hinter mir!“
„Tschuldigung!“, stotterte Katharina, vermochte sich aber vor Verblüffung noch nicht mal zu schämen.
Oma hatte den Faux Pas bereits wieder vergessen und blickte die Torte entzückt an:
„So, alles fertig. Wo bleiben die Anderen denn nur? Pünktlichkeit ist die Höflichkeit der Könige. Aber die sind ja bloß Geister!“, murmelte sie bereits leicht gestresst.
Dass sie auch zu eben jenen zählte, verdrängte sie tunlich.

Anscheinend hatten ihre Gäste die Bemerkung sehr wohl mit bekommen, denn plötzlich standen vier Gestalten neben ihr. Genauso leichenblass, gleichfalls in blendend weißes Leinen gekleidet und jede mit einem blitzenden Heiligenschein versehen. Der einzige Unterschied zu Omas kalkigem Ton- in-Ton-Outfit waren deren verschieden farbige Schärpen um die kaum erahnbaren Taillen. Gleich Oma gehörten die Vier der uralten und eher rundlichen Geistergeneration an.

Oma war versöhnt, es folgte eine begeisterte Kicher-glucks-und-säusel-Begrüßung. Katharina jedoch fiel jenes Gezirpe mächtig auf die Nerven.
„Amalie, Esmaralda, Tusnelda, Minna:Wie schön, dass Ihr da seid!“
Oma verteilte Küsschen hier und Küsschen dort.
„Prächtig seht Ihr aus. Toter geht’s nimmer!“
Die vier Freundinnen nickten geschmeichelt.
„Und Du erst, Otilie!“
Otilie hieß Katharinas Oma.
„Und dies hier ist meine Enkelin Katharina!“, stellte Oma stolz vor.
„Oh, wie reizend! Man sieht gleich die Ähnlichkeit!“
´Die brauchen ne Brille! - Wenn ich so weiß wäre wie die, dann ...!`, dachte Katharina pikiert, ließ sich aber guterzogen nichts anmerken.

„Wir haben Dir etwas mitgebracht!“, verriet Amalie und zog ein Päckchen aus ihrer Tasche.
„Du hast bestimmt schon danach gesucht!“, setzten die anderen Drei hinzu.
„Her damit!“, forderte Oma vor Neugierde so ganz undamenhaft und jubelte prompt:
„Gibt’s ja gar nicht!“
In der Hand hielt sie ihren schon so lange schmerzlich vermissten Heiligenschein.
„Ja“, erklärte Esmaralda, „Der war so´n bisschen angedunkelt. Da haben wir uns gedacht: Den bringen wir erst zur Überholung und dann zum Heiligenschein-Tüv.“
„Den hat er übrigens mit Bravour überstanden!“, ergänzte Tusnelda.
„Oma ...?“, mischte sich Katharina ein. „Wieso angedunkelt?“
Sichtlich verlegen druckste Oma Otilie ein wenig herum:
„Ja, also, ich hab` vor einiger Zeit mal die Geister-Ausgangssperre missachtet, deshalb!“
„Achnee!“, entfuhr es unserer Tochter anzüglich.
Um von dem peinlichen Geständnis abzulenken und von ihrem Oma-Vorbild-Image zu retten, was vielleicht noch zu retten war, griff sich jene das nun weithin blitzende Etwas und beförderte es an seinen angestammten Platz. Die Geisterehre war wieder hergestellt.

Blendender Laune pflanzte sie sich dann zwischen ihre Freundinnen an die Kaffeetafel.
„Otilie, meine Güte, wie hübsch gedeckt!“, entzückte sich Amalie.
„Dieser reizende Heiligenschein über der Tasse passt wirklich umwerfend gut zu meinem eigenen!“, freute sich Minna lautstark, die sonst die Stillste der Vier war.
„Und erst die Torte, meine Liebe! Köstlich!“, betonte Tusnelda.
Der Appetit jener Geisteromarunde war beachtlich. Das bewundernswerte Ergebnis der himmlischen großmütterlichen Backkunst verschwand in Nullkommanix.
„Otilie, der Kuchen, schmatz!“
„Und diese knackigen Gewürzdosennüsse. Ich könnt` mich ja tot daran futtern!“, schwärmte Esmeralda. .
„Brauchste nicht, bist ja schon tot!“
Die Runde prustete los. Dann tauschten sie den neuesten Himmelstratsch aus und fanden dabei kein Ende.

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