Die rote Ilse
Von
Pinnacle
03.05.2020, 11:49
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Die rote Ilse
Joa Bosch ©BJS
Der Blick über die Bucht von Antalya war atemberaubend schön. Direkt neben dem Weg, der zum Hafen hinunterführt, befindet sich ein kleines, landestypisches Restaurant mit dem schönen Namen: „Paradies“.
Die winzige, sonnendurchflutete Terrasse, gesäumt von purpurrot blühenden Bougainvillea, und eingerichtet mit nur vier kleinen Tischen, lud mich zum Verweilen ein.
Es waren mächtige Sandsteinstufen, die zu der Lokalität hinabführten und auch noch mit unterschiedlichen Tritthöhen versehen waren. Ein Schild wies auf die Gefährlichkeit hin, und ich begab mich vorsichtig hinunter. Ich hatte auf die schöne Aussicht, verbunden mit einem gutem Essen, richtig Lust bekommen.
An dem hintersten Tisch saßen bereits vier deutsche Gäste, zwei Paare, die sich lautstark unterhielten. Mit dem Rücken zu ihnen nahm ich an dem davorstehenden Tisch Platz. Aus der Unterhaltung der Gäste erfuhr ich, dass sie sich bei einer Stadtführung zu diesem paradiesischen Lokal gemeinsam von ihrer Reisegruppe abgesondert hatten.
Ich konzentrierte mich auf die Speisenkarte und bestellte bei dem freundlichen Ober Lammkoteletts und ein Glas Bier. Danach ließ ich, mehr ungewollt, die Unterhaltung der Gäste hinterrücks über mich ergehen.
Die eine Frau sagte: „ ... auch in Fragen der Religion sind wir sehr streng erzogen worden. Wir leben danach“, und fügte sicherlich zu ihrem Ehemann ein heftiges „nicht wahr!“ hinzu.
Ihr Mann ging darauf gar nicht ein und erzählte: „Im Oktober ist bei uns Schützenfest, ich war auch schon mal Gau-Schützenkönig.“
Die andere Frau daraufhin: „Schön, dass wir Euch kennen gelernt haben. Wir mögen Menschen mit Niveau. Thorsten, unser Jüngster, nimmt bei Herrn Professor Doktor Immanuel Koblinsky Unterricht und lernt gerade auf der „Halbgeige“, gell Männe?“
Männe antwortete:
„Das ist unser erster Türkeiurlaub. Die Jahre zuvor verbrachten wir den Sommerurlaub im Gasthof „Zum Deichgrafen“ im Wangerland an der Nordsee. Herrliches Ambiente, alles so ursprünglich und rustikal.“
Die religiös eingestellte Frau „Vor allem bei dem sechsten Gebot kennen wir keinerlei Toleranz.“
Die andere Frau reagierte nicht, sondern: „Also die Zimmer im „Deichgrafen“ waren immer blitzsauber, vor allem aber die Toiletten im Restaurant. Meine Liebe, man konnte dort vom Boden essen, so sauber war es!“
Als der Kellner mein Bier brachte, rief hinter mir die erste Frau: „Herr Ober, bringen sie uns doch bitte noch mal vier Gläser Rotwein.“ Dann sagte sie vertraulich in die Runde: „Das geht diesmal auf uns“, und ergänzte: „Mensch, Karlheinz, wo war das doch noch mal, wo wir dieses wunderbar zarte Gulasch gegessen haben?“
„In Solingen, das war Pferdegulasch.“ antwortete Karlheinz.
„Igitt“, sagte Frau zwei, „wie kann man nur Pferde essen?“
„Aahh, da kommt ja Euer Bohnengericht“, gluckste Frau eins und fügte hinzu: „Wir essen mittags grundsätzlich nichts, nur im Urlaub und im Hotel, da ist ja auch alles inklusive.“
Paar zwei verspeiste vermutlich jetzt das Essen, das andere Paar
wünschte guten Appetit und schaute sicherlich zu. Die Unterhaltung wurde jetzt lebhafter.
Meine Lammkoteletts wurden serviert. Mit Rosmarin und viel Knoblauch schmeckten sie köstlich und ich bekam gar nicht mit, dass die vier schon eine weitere Runde Rotwein bestellt hatten.
Die Damen wurden schriller, ihre Ehemänner immer stiller.
Frau zwei: „Meine Gute, wir sind nicht gläubig, was ist das denn, dieses sechste Gebot?“
Frau eins antwortete drohend : „Du sollst nicht ehebrechen.“
Ihr Mann, Karlheinz, war allerdings immer noch mit dem Gulasch beschäftigt: „Oder war das in Bielefeld? Das Gulasch hatte diese rothaarige Bedienung, die Ilse, serviert, das war doch in Bielefeld.“
Seine Frau widersprach: “Nein, die war BLOND!“
Der Mann zwei rief: „Oh, schaut mal, da oben ist ja der nette Reiseführer mit unserer Gruppe. Ich sag mal gleich Bescheid, dass wir selber mit dem Linienbus zum Hotel zurückfahren.“
Er rumpelte schwankend an mir vorbei und kletterte unsicher die Stufen zu der vorbeiziehenden Touristengruppe empor. Lallend verschwand er in der Menge und hörte gar nicht mehr das hysterische Rufen seiner Frau: „Nein, Gottfried, nein, wir haben doch noch unsere Sachen in dem Ausflugsbus.“ Sie krabbelte, ebenso unbeholfen wie ihr Gatte, die Stufen hinauf und eilte der Gruppe hinterher.
Die Lammkoteletts mundeten so wunderbar, dass ich sie bis auf die Knochen abnagte.
Das andere Paar unterhielt sich derweil weiter.
„Schreckliche Leute! Wie kann man im Urlaub nur BOHNEN essen. Wenn ich nur an das Gepupse nachher im Bus denke, furchtbar. Da wird mir jetzt schon übel“ sagte die Frau zu ihrem Mann. Er entgegnete, immer noch mit der Gulasch-Bedienung beschäftigt: „Nein, nein, diese Ilse war rot!“.
Das gegangene Paar kam sichtlich erregt zurück und stritt heftig wegen der einzigen Toilettenkabine, die etwas abseits vom Restaurant liegt.
Beide mussten das „Örtchen“ wohl nacheinander benutzt haben.
Erbost meinte die Frau: „Dass Du immer daneben pinkeln musst.“
Ihr Mann, Gottfried, giftete: „Da haben schon andere vorher hingepisst.“
Frau eins: „Also du mit deiner Ilse, die geht mir ja so was auf den Keks und Dir doch nie mehr aus dem Kopf. Diese blonde Pferdeschlächterin, diese elendige!“.
Karlheinz brüllte jetzt: „Sie war ROOOOOT, rot, rot, rot!“.
Die zurückgekehrte Frau schrie: „Herr Ober zahlen“.
Der erschrockene Kellner brachte sofort die Rechnungen.
Frau eins sagte anzüglich: „Den Herrschaften hat das Bohnenzeugs vorzüglich geschmeckt!“
Der junge Kellner stotterte „Nix gutt versteh“, kassierte freundlich lächelnd die zwei Paare ab und blinzelte mir beim Weggehen mit zum Himmel rollenden Augen zu.
Die vier schwer Angetrunkenen stolperten fluchend und ächzend die steilen Stufen hinauf, wobei die eine Frau lallend rief: „BLOND, Du Hurenbock, das Mistvieh war BLOND“.
Jetzt genoss ich den wunderschönen Blick über die Bucht von Antalya ganz alleine für mich. Nur ein paar Katzen umschmeichelten schnurrend meine Beine; wohl erfreut über diese plötzliche friedliche Stimmung oder auch wegen meiner Lammknochen, die ich ihnen überlassen hatte.
Die Einsamkeit und den herrlichen Blick genießend gönnte ich mir noch ein Gläschen Chardonnay.