Die gesündeste Krankheit der Welt
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Pinnacle
Donnerstag 26.03.2020, 09:22
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Pinnacle
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Die gesündeste Krankheit der Welt
Joa Bosch ©BJS
Es klingelte. Ich meldete mich. Am Telefon war Hubert Fischer-Bückeberg, ein alter Schulfreund. Früher hieß er nur der „Fischer-Hubbi“. Seit Jahren hatte ich von ihm nichts mehr gehört. „Es ist Hubert, ein alter Kamerad“, sagte ich zu Eva, meiner Freundin und fragte: „Ja, Hubbi, Du alte Fischhaut, wie geht`s denn?“
Die Begrüßung war überschwänglich und wir tauschten so einiges aus. Dann fragte er: „Waldtraut und ich laden am Samstagnachmittag Freunde zum Grillen ein und hätten Euch auch gerne dabei“. Habt Ihr Lust und Zeit?“ Ich sagte zu Eva: „Die Fischers wollen uns am Samstag zum Grillen einladen, haben wir Zeit?“ Eva nickte stirnrunzelnd.
„Ja super, OK wir kommen gerne“, sagte ich erfreut. Hubert senkte augenblicklich die Stimme und flüsterte: „Bring bitte Fleisch mit, viel Fleisch, alles andere haben wir, nur Fleisch!“ Ich lachte und entgegnete: „Sowieso Hubbi, FEUER-MÄNNER-FLEISCH, das war doch schon immer so“. Jetzt flehte Hubert geradezu: „NEIN nicht immer! FLEISCH, bring bittebitte für mich Rind- und Schweinefleisch mit, auch Grillwürste und Burger, egal was, Hauptsache Fleisch. Alles andere Zeugs haben wir“.
Irritiert sagte ich: „Naklaro, Hubbi, das mach ich doch, aber was issen los?“. Er flüsterte leise: „Ich lebe in der Oooortooorexie-Hölle!“. Ich fragte: „Wie bitte, was issen das?“. Er buchstabierte leise: „O-R-T-H-O-R-E-X-I-E, dann brüllte er ganz laut: „Ortohorexie-Höööllllle!“ .... und legte einfach auf.
Ich rief noch ein zaghaftes Servus hinterher und sagte zu Eva: „Wir brauchen nur was zum Grillen. Fischers haben alles andere wie Soßen, Salate, Brot und so Sachen.“
Eva sagte nur: „Naja.“ Dann kam ich ins Grübeln und machte mich auf die Suche. Im Internet fand ich dann etwas über diese Hölle.
„Orthorexia nervosa“ ist eine psychische Mode-Krankheit!
Die so genannten Orthorektiker sind Gesundesser, die sich zwanghaft immer noch gesünder ernähren müssen. Die Besessenheit, auf der Suche nach dem „richtigen“, gesunden Essen wird zur Ersatzreligion und bestimmt den Alltag der Betroffenen.
Für sie sind Salami, Bratwurst und Pommes Horrorvisionen. Wie Missionare wollen sie „Schlechtkostesser“ bekehren und Andersdenkenden alles Ekelhafte wie Wiener Schnitzel, Schweinskopfsülze, geschmorte Ochsenbäckchen austreiben.
Erschrocken stellte ich auch fest, was es da alles so an Ernährungs-Trendsettern und Sektierern gibt.
Die FLEXITARIER sind ja die harmlosesten. Sie verspeisen auch ab und zu Fleisch. VEGETARIER tolerieren uns Kannibalen mehr recht als schlecht. Aber bei den „Früchteessern“, den FRUTARIERN geht`s schon los. Sie leben nur von Obst, Nüssen und Samen. Die Früchte usw. dürfen aber nicht gepflückt werden, das Zeugs muss von alleine vom Baum oder Strauch gefallen sein! Sie verachten uns.
Sehr suspekt sind PALEOANER. Die essen überwiegend viel Fleisch und kochen wie in der Steinzeit. Es gibt unzählige Paleo-Typen, die sich in verschiedene Clans gruppieren. Sie unterteilen sich in „strickte / moderate / überkorrekte / Antikohlehydrate / Laktosetolerante“ und PARETO-Paleoaner. Die letzteren sind solche, die nur an Wochenenden einmal so oder so Paleo essen. Untereinander führen sie heftige Glaubenskriege – so wie in der Steinzeit halt!
Aber am allerschlimmsten sind VEGANER! Oh mein Gott!!!
Diese „Veggies“ hassen regelrecht alle, die Nahrungsmittel tierischen Ursprungs verzehren, bezeichnen solche als „Leichenfresser“ und wollen sie aggressiv missionieren.
Das schlimme an der Krankheit ist, dass Orthorektiker immer neue Unverträglichkeiten bei sich selbst entdecken und daher ständig auf der Suche nach der „richtigen“ Ernährung sind. Aber nirgendwo fündig werden.
Es muss wirklich die Hölle auf Erden sein!
Naja, jeder nach seiner Fasson, aber sie sollen uns in Ruhe lassen.
Am Samstagmorgen begab ich mich zu meinem Metzger des Vertrauens und erwarb für Hubbi und mich zwei T-Bone-Steaks `a 600 Gramm, zwei Kilo Spare Ribs, 12 fränkische Bratwürstchen, sechs Käsekrainer und vier Bratwurstschnecken. Für Eva einen Putenspieß mit Ananas und Zucchini. Mehr wollte sie nicht.
Naja, 4,5 Kilo Fleisch abzüglich der Knochen sind pro Mann ca. 1,8 Kg Verzehrmasse und entspricht dem sechsfachen von Eva`s 300 Gramm Puten-Ananas-Zucchini-Klitzeklein-Spießchen.
Wohlgemut fuhren wir am Nachmittag zu den Fischer´s. Als wir ankamen, begrüßten uns schon an der Einfahrt bunt wehende Tibetfahnen, Weihrauchschwaden hüllten die Straße ein, Klangschalen spielten im Wind und Ooooooommm-Rufe schalten aus dem Garten.
Hubert kam uns sogleich entgegen, stierte auf meine riesige Kühlbox und flüsterte: „Ist da auch Fleisch drin?“ Ich flüsterte zurück: „BingoBungaBongo“ und nannte all meine Schätze.
Ihm lief der Sabber durch die Lefzen, und er stammelte glücklich: „Mannomann, Du bist doch der Beste“.
Erst jetzt umarmte er auch Eva. Waldtraut, seine Frau, kam herzu, Bussi links – Bussi rechts, dabei musterte sie misstrauisch meinen Transportbehälter. Hastig nahm Hubbi mir die Schatztruhe ab und sagte: „Ich kümmere mich schon darum, Ihr seid ja schließlich unsere Gäste“, und verschwand damit in Richtung Grill, über dem sich ein zartdünnes Rauchsäulchen mühsam in die Höhe ringelte.
Dann schlenderte die Fischer-Bückeberg-Waldtraut mit uns stolz durch ihren Feng-Shui-Garten und schwärmte vom Großmeister Yu Choy Cheng, einem gewissen Norbert Ochsenknecht aus Leipzig, der nach einer Erleuchtung diesen „Fünf-Elemente-Schatz“ geschaffen hat und ihm den Namen gab: „Reichtum des achtfachen Glücks“.
Unterwegs stellte sie uns sehr merkwürdigen, hohlwangigen und bleichen Leuten vor. Fast alle hatten Doppelnamen. Kurios war, dass die Anreden länger als die Gesprächsinhalte waren: „Ah, gnädige Frau Professorin Schwertfeger-Kühnemann..... schickes Kleid!“
Auch die anderen Gäste hatten etwas Fertiges oder zum Grillen mitgebracht und gruppierten sich um verschiedene „Harmonie-Oasen“. Man konnte auf Tofu-Schnittchen, Spinat-Rosinen-Röllchen, Bachblütensalate und Granatapfelsaft zugreifen. Als ich nach einem Bierchen fragte, wandelten sich die Gespräche in ein bedrohliches Gemurmel. Die Bückeberg flötete lächelnd: „Wir haben auch Bio-Rhabarbersaft und Freiland-Holunderschorle“.
Dann verkündete sie mit einer lauten Staatsanwaltstimme: „In einer Stunde wird gegrillt und dazu gibt es rechtsgedrehte Buttermilch vom nepalesischen Yak aus der Provinz Gandaki“, was mit Gekreische und Applaus belohnt wurde.
Wir nahmen Holundersaftschorle und kamen ins Gespräch.
Die Bankdirektorin, Frau Marie-Luise Glutengassner-Pichelstein schwärmte von ihrem Urlaub auf Ibiza, wo sie bei dem Guru Ghotra-Sidhu-Gill, einem ehemaligen Busfahrer namens Franz Schuster aus Wanne-Eickel, ein Seminar besucht hatte. Dort habe sie nach seinem Mondphasenhoroskop den Eurythmie-Schleier-Schütteltanz erlernt. Allerdings ist sie bei den fortgesetzten Trance-Dauer-Drehungen aus ihren „Birkenstocks“ gekippt und hatte sich dabei die linke Hüfte gebrochen. Jetzt kann sie ihren Namen leider nur noch im Sitzen tanzen.
Eva schaute mich wütend an und schnitt bedeutsam mit ihrem Zeigefinger über ihre Kehle. Erschrocken trottete ich ihr zur nächsten „Oase“ hinterher.
Wir lernten einen kahlgeschorenen Oberst der ehemaligen Wehrmacht, Rüdiger-Harthmuth Stäbelein von Thannhold kennen, einen selbst entdeckten Lactosen-Intoleranzisten, der seit Jahren, warum auch immer, als tibetanischer Bhagwan-Mönch in Sandalen, roten Socken und orangefarbenen Gewand herumläuft. Er erzählte uns zwischen Steckrübenbrei, Gemüsesäckchen und Fenchel-Brot-Salat, laut schmatzend, dass er bei grünem Eistee auf Eiswürfel verzichten müsse. Er bekäme sonst Bauchschmerzen und Koliken bis hin zum Dauer-Brech-Durchfall. Mareike-Liselotte Grollmus-Gümbelbarth, eine schamanische Vollmondschwimmerin wollte da wohl mithalten und meinte, dass sie auch bei biologischen Freiland-Tofu-Bratlingen extremen Meteorismus, das sind schwerste Blähungen, ertragen müsse.
Evas Katzenaugenschlitze schleuderten mir mit giftigem Blick lautlose Blitze zu. Meine Angst wuchs.
In diesem Moment ertönte in Richtung, der inzwischen mächtig angestiegenen, blau-schwarzen Rauchsäule, ein tierischer Schrei: „Oh mein Gott, ooooh - mein Goooott, der Hubert grillt Fleisch – igiiittt echtes Fleisch!“ Die Fischer-Bückeberg-Waldtraut, die gerade an einem Buchweizen-Bratling nagte, zischte mir zu: „Ich hab`s gewusst, verflucht noch mal, ich hab`s doch gewusst“ und rannte wie alle anderen auch hin zu dem total verrauchten Grill.
Ein vertrauter Geruch stieg in unsere Nüster. Eva und ich galoppierten Hand in Hand zu der neugierigen Menschentraube, die sich vor dem bedrohlich verdunkelten Horizont gebildet hatte.
„Lassen sie mich vorbei, dass ist Meiiiiin Fleisch“ schrie ich gierig-hungrig und boxte mich bis zu meiner umgekippten, aber jetzt leeren Kühlbox durch.
Vor dem Grill saß im Schneidersitz Hubbi. In beiden Händen hielt er blutige Fleischlappen und biss abwechselnd in Rinds- und Schweinsbrocken. Dabei schnaufte er wie ein Ochse und grunzte wie eine Sau aus seinem fetttriefenden Maul. In seinem Schoß lagen aufgetürmt teilweise verkohlte Bratwurstschnecken, noch rohe Fränkische Bratwürste, geplatzte Käsekrainer und abgenagte Knochen.
Als die Bankdirektorin Marie-Luise Glutengassner-Pichelstein einen hysterischen Lachanfall bekam, Oberst Rüdiger-Harthmuth Stäbelein von Thannhold in tiefe Ohnmacht fiel, Mareike-Liselotte Grollmus-Gümbelbarth sich erbrach, die Professorin Schwertfeger-Kühnemann händeringend das Schluchzen anfing und die Fischer-Bückeberg-Waldtraut einen Schreikrampf bekam, machten wir uns vom Acker.
Hubbi sahen wir nie mehr, meine Kühlbox auch nicht.
Und bei Orthorektiker & Co. wird man uns NIE mehr antreffen, denn sie verwelken ebenso wie normale Menschen, und irgendwann sterben sie auch - aber auch so etwas von Gesund - an der gesündesten Krankheit der Welt!
"Don`t go Veggie"