Die Begegnung
Von ehemaliges Mitglied Samstag 17.03.2018, 21:09
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Mein Urlaubsziel war immer schon Ermland. Ich kann sagen Traumurlaub. Weite duftende Felder, tiefe, kristallklare Seen und dichte Wälder, die kein Ende nahmen. Bei manchen Wanderungen konnte ich noch die Spuren von einzelnen Gehöften finden. Auch Wegkreuze sind im dichtem Baumwuchs manchmal zu erkennen. Die Natur ist auch nicht untätig.
So auch in diesem Sommer.
Ich durchquerte ein Wald in der Gegend, wo Plautziger See liegt, Richtung Sombien. Der morgendlicher Nebel versuchte sich von der sommerlichen Hitze zu verstecken. Ich ahnte, auch heute wird heiss. Die schwüle Luft , ein Zeichen, dass möglicherweise ein Gewitter die ersehnte Abkühlung bringt, machte mir sehr zu schaffen.
Da sah ich ihn; eine zerfetzte Jacke, komische Gummistiefel, kurz abgeschnittener Schaft und unglaublich dreckig. Der Schmutz schien seit Jahrhunderten auf dessen Schaft zu haften. Er sass auf einem Haufen Reisig und pfiff durch die Finger. Dann und wann schrie er laut Worte, die mir fremd klangen und die ich nicht verstand, aber wie eine Drohung sich anhörten. Dabei schiebt er mit der linken Hand seine schwarze Strickmütze mal nach hinten, mal zur Seite.
Wie angewurzelt blieb ich stehen und wusste nicht recht, ob das eine Fata Morgana oder Wirklichkeit ist. Doch, das kleine Männlein bemerkte mich und winkte mir zu. Als ich näher kam, deutete er auf den alten Baumstamm. Ich liess mich nieder und beobachtete ihn fasziniert. Sein Alter konnte ich schwer abschätzen. Dachte an so um die 100, nach seinen Aussehen zu beurteilen. Aber seine Augen waren des jungen Mannes , leuchtend und wach, mutig und aufrichtig, hellblau, wie mit nebligem Schleier durchgezogen. Eine Sehnsucht spiegelte sich drin, eine unermessliche Weite und tiefe Weisheit. Die Wärme seines Blickes erfasste mich. Ich fühlte mich glücklich und vergass alles um mich herum. Ein wahrhaftig seliges Gefühl.
Sein Bart linkshändig streichelnd und mit seinen unergründlichen Augen in die Ferne schweifend, erzählte er mir mit erstaunlich tiefer, ruhigen Stimme, dass er den Waldgeist suche, der hier seit eh und je seinen Sitz hatte.
Die Menschen hier - fuhr er ohne Aufforderung weiter - nennen ihn unterschiedlich. Mal Pruzzella, mal Pelzuno. Er nenne den Babaja. Und Angst, nein, Angst hat ja keiner vor ihm.
Ich habe jedoch gemerkt, wie seine wache Augen sich in allen Richtungen unruhig bewegten. Seine zahnlose Lippen murmelten leise unverständliche Sprüche. Er zupfte nervös an seinem graumelierten, dünnen Bart. In den knochigen Fingern hielt er festumklammert ein paar Blaubeeren.
Na, hast schöne Beeren zum Frühstück gefunden - sprach ich den Greis an, um dem Alten einfach ein bisschen Interesse zu schenken.
I, wo...brauche keines - antwortete er kurz und fuhr sich mit der rechten Hand über sein ledernes, durch Sonne und Wind gegerbtes Gesicht.
Die - zeigte mir auf die Früchte - die sind nicht für mich. Der Waldgeist brauch die mehr als ich. Meine Tage sind gezählt, von Schicksal bestimmt. Aber der Waldgeist, der war schon immer hier. Schon damals, als meine Ahnen noch in den Bäumen hausten. Der Wald gehört auch ihm. JedenTag danke ich ihm dafür, dass er dies alles mit mir teilt, den Wald und alles, was hier zu finden ist, was ein Mensch braucht.
Er schaute sich respektvoll um, drehte sich langsam mit dem Gesicht der aufstehenden Sonne entgegen und ging sachte davon, ohne sich mit mir zu verabschieden.
Ich stand da und schaute verwundert den weisen Alten nach. Er verstand anscheinend mehr von der Natur, als ich, der Stadtmensch.
Nachdenklich und kopfhängend, schweren Schritten, gebeugt, wie unter einer schweren Last suchte ich mir den so gut bekannten Pfad auf.
Ich sah nun den Wald, der mir so traulich war, jetzt mit anderen Augen.
Den komischen Greis habe auf meinen Wanderungen nie mehr getroffen. Bin ich ihm wirklich begegnet, oder war es nur .....ein Geist.......?
Karola