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Die 13. Etage

Von Pinnacle Montag 11.05.2020, 10:18

Die 13. Etage
Joa Bosch ©BJS

Für die 11 Kilometer von Brooklyn nach Manhattan brauche ich mit dem Fahrrad keine 14 Minuten. Ein Taxi benötigt dazu circa 70 Minuten. Also was liegt da näher, dass zum Transport von schriftlichen Unterlagen die Banken, Versicherungen und Notare, wendige Fahrradkuriere beauftragen. Time is Money. Ja, ich liebe meinen Job und bewege mich rasend schnell durch New Yorks gefährliche Straßenschluchten und fühle mich dabei als Held. Meist sind es aber miese Tage, wenn zum Beispiel der Boss gereizt ist, Kunden mich schlecht behandeln, die Taxifahrer einen anscheißen und ich trotz allem mit nur ein paar Dollars nach Hause komme.

Heute Mittag, bei lähmender Hitze, komme ich an meinem Ziel an. Es ist das „Williams Building“, eines der ältesten und kleinsten Wolkenkratzer von New York. Da ich hier erstmals eine Lieferung ausführe, schaue ich mir das interessante Gebäude kurz an. Das Hochhaus aus den 1920er Jahren mit nur 46 Etagen und 130 Meter Höhe, steht verloren zwischen den neuzeitlichen Bauten und wirkt unter den Giganten von fast 500 Metern Höhe geradezu zwergenhaft.

Auf Anhieb gefällt mir die einmalige „Art Deco Architektur“. Die geschwungenen Fassadenbögen aus Klinkersteinen, charakteristischen Fünfeckfenster. Die vielen riesigen, mit Grünspan überzogenen Drachenkopf-Wasserspeier heben sich von den einheitlichen Chrom- und Glasflächen der Nachbargebäude deutlich ab. Mehr Zeit zum Betrachten bleibt mir jedoch nicht. Mit verschwitzten Klamotten und triefenden Fahrradhelm kette ich mein Gefährt an der vorgesehenen Stelle an. Mit der Botentasche eile ich durch die Eingangshalle, weise mich mit dem Lieferschein bei dem Portier aus und betrete nach seinem Abnicken den altertümlichen Lift. Auf einem Messingschild steht „OTIS Elevator Company 1929“.

Immer noch atemlos drücke ich den Knopf zur 46. Etage, in der sich die Kanzlei „Williams & Williams“ befindet. „Aha“, denke ich mir, mein Kunde ist auch der Eigentümer vom „Williams Building“. Während der alte Aufzug sich langsam und rumpelnd durch die Stockwerke quält, sondiere ich die Firmenschilder und schaue gelangweilt dem Leuchtpunkt zu, der sich auf dem Tableau, von Etage zu Etage langsam hinauf bewegt.

Plötzlich stelle ich erstaunt fest, dass zwischen dem 12. und dem 14. Stockwerk keine 13. Etage angezeigt wird. Komisch! Dann, in der 46. angekommen, von Kameras erfasst und vom Wachmann kontrolliert, klingele ich bei der Kanzlei. Als ein greisenhafter Anwalt die Tür öffnet, den Briefbogen übernimmt und die Lieferung quittiert, frage ich neugierig: „Sagen Sie mal, gibt es in dem Haus wirklich kein 13. Stockwerk?“ Der uralte Mann mustert mich misstrauisch, dann zischt er mir boshaft zu: „Verschwinde, das geht Dich einen feuchten Dreck an“, und schlägt mir die Tür vor der Nase zu. Grußlos verabschiedet und ohne Trinkgeld begebe ich mich wieder zum Aufzug. Der Wachmann meint grinsend: „Bikerboy, bist wohl das erste Mal hier? Weißt Du, die 13 gilt hier als Unglückszahl, darum wird das 13. Stockwerk einfach nicht angegeben. Somit sind es statt der 46 nur 45 Etagen. Klaro?“ Ich nicke, logisch!

Nehme den Lift und betätige die Stoppuhr-Funktion vom Smartphone, um einmal die Gesamtfahrzeit von dem Vehikel zu messen. Dabei wandert ein Leuchtpunkt auf der Anzeigetafel langsam hinab. Von Etage zu Etage vergehen acht quälende Sekunden. Doch dann, zwischen dem 14. und 12. Stockwerk, springt die nächste Leuchtdiode erst nach 16 Sekunden um.
Hoppla! Es muss also doch eine 13. Etage geben!

Unten eile ich nach draußen, überquere die dicht befahrene Park Avenue, schaue mir das „Williams Building“ von außen noch einmal genauer an und zähle dabei alle Etagen. Es sind, tatsächlich 46 Stockwerke, so wie auf der Anzeigetafel angegeben, nur die 13. Etage war nicht dabei. Neugierig betrete ich wieder die Eingangshalle. Der Portier winkt mich, wohl gleich wieder erkannt, lässig durch. Diesmal gehe ich aber nicht zum Aufzug, sondern betrete in einem unbemerkten Augenblick das Not-Treppenhaus, das im Brandfall als Fluchtweg dient. Nur ein trübes Rotlicht erhellt die enge Stiege. Staub, Dreck, verweste Ratten und unzähliges Ungeziefer sagten mir, dass seit Jahren niemand das Treppenhaus betreten hatte.

Vorsichtig mache ich mich auf den Weg nach oben. Auf jedem Treppenabsatz steht über der brandfesten Tür die Stockwerksnummer. Aber nach dem 12. Stockwerk war über der nächsten Fluchttür keine Nummerierung. Und in der übernächsten Etage steht wieder die 14.
Ich begebe mich zu der geheimnisvollen 13. Etage und öffne den Zugang. Im schwachen Notlicht tut sich ein Flur auf, und überrascht stelle ich nach wenigen Schritten fest, dass sich da, wo die Aufzugtür sein sollte, eine verwitterte Putzfläche befand. Merkwürdig!
Vom Großstadtlärm ist nichts zu hören, das Gebäude schweigt wie ein Grab. Der staubige Gang biegt viermal nach rechts ab und ich stehe wieder ratlos vor dem Zugang von dem Treppenhaus.

Jetzt will ich es genau wissen! Gehe zu der verputzten Fläche zurück, trete fest gegen das Hindernis, und in einer Staubwolke bricht die dahinter befindliche morsche Holzwand ein. Ich betrete einen großen dunklen Raum. Es riecht muffig. Geistesgegenwärtig schalte ich das Licht von meinem Fahrradhelm an. Die Fenster sind ringsum mit einer schwarzen Plane verdunkelt. Wo ich auch hinschaue, taucht der scharfe Lichtstrahl das Erblickte in eine unheimliche Szenerie. Zwischen prall gefüllten Aktenschränken steht ein Schreibtisch. Dahinter sitzt ein nachvorne gebeugter menschlicher Körper. Es ist ein mumifizierter Leichnam mit einem großen Loch in der Stirn. Die verknöcherte linke Hand umfasst einen Revolver. Wahrscheinlich Selbstmord durch Kopfschuss! Der verblichenen Kleidung nach, ein Mann. Vor ihm liegen verblasste und vergilbte Schriftstücke. Mühsam entziffere ich eine Zeitungsüberschrift vom Samstag, dem 26. Oktober 1929:

„SCHWARZER FREITAG“
Börsencrash - Handel zusammengebrochen – alle Aktien wertlos

Entsetzt renne ich aus dem unheimlichen Raum hinab zur 12. Etage, nehme den Lift, fahre hinunter zur Lobby und berichte dem Portier von meiner gruseligen Entdeckung. Nachdem die alarmierte Polizei mich als Zeuge vernommen hat, fahre ich erleichtert zu meinem Appartement. Nach Duschen und einem Whiskey schlafe ich unruhig ein.

Am nächsten Tag erfahre ich in den Morgennachrichten mehr über mein Erlebnis. Als das Unglück, der „Schwarze Freitag“ eintrat, befand sich das „Williams Building“ kurz vor der Fertigstellung und der Bauherr war wegen seiner immensen Schulden spurlos nach Europa verschwunden. In Wahrheit aber hatte sich dieser wegen der hohen Verluste in Panik das Leben genommen. Und wie sich jetzt herausstellte, hat mein gestriger Kunde, der 98-jährige Georg Williams nach dem Selbstmord seines Vaters, Arthur Williams, die 13. Etage, in dem sich damals das Baubüro befand, selbst noch in der gleichen Nacht für immer versiegelt. Wohl der Schande wegen, oder aus welchen Gründen auch immer, hatte er dann die Mär von dem Verschwinden seines Vaters verkündet.

Jedenfalls stecke ich meine Nase nicht mehr in Dinge, die mich nichts angehen und zähle ab jetzt auch keine Stockwerke mehr.

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