Der Koffer
Von
Pinnacle
Dienstag 31.03.2020, 10:14
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Der Koffer
Joa Bosch ©BJS
Die Haustür war nur angelehnt, dazwischen klemmte ein riesengroßer olivgrüner Hartschalenkoffer. Ich dachte: „Mein Gott, was haben Jutta und Peter für nur vier Tage in Bad Füssing da bloß eingepackt?“. Ich klingelte bei den Grubers. Von oben schallte es herab: „Wir kommen gleich“ schrie Jutta durch das Treppenhaus. Ich schrie zurück: „OK, wir warten im Auto, es ist schon spät, also beeilt Euch, dallidalli.“
Dann schnappte ich mir das Ding und schleppte es schon einmal zum Auto. Eva schaute mir dabei kopfschüttelnd zu, dabei tippte sie sich an die Stirn. Schnaufend wuchtete ich das Monstrum in den Kofferraum und platzierte es neben unserem „Köfferchen“. Kaum hatte ich im Auto Platz genommen, zischte Eva: „Die wissen doch ganz genau, dass man die Bademäntel in der Therme ausleihen kann!“ Ich nickte, und antwortete: „Du kennst doch Jutta, die braucht für jedes Abendessen und die Tanzveranstaltungen ein anderes Kleid.“ Eva kaute an ihrer Unterlippe - ein schlechtes Zeichen!
Und schon kamen die beiden aus der Haustür, nickten uns lächelnd zu und, wir trauten unseren Augen nicht, gingen mit zwei kleinen Rollis hinter das Auto und öffneten den Kofferraum. Ich schaute Eva ratlos an. Als wir hinter uns das Rumpeln und Schaukeln spürten, stieg Zorn in mir auf. Mein nagelneuer 7er BMW hat zwar einen riesigen Kofferraum, war aber nicht für „Alaska-Expeditionen“ ausgelegt.
Als die Grubers lustig grüßend hinter uns einstiegen, startete ich und fuhr mit Vollgas los. Ohne sich umzublicken, sagte Eva schnippisch: „Also wir haben für uns beide nur einen Rolli dabei“ dabei betonte sie das „einen“ genussvoll lang. Jutta konterte sogleich hochnäsig: „Na und, wir haben ja auch unsere Abendgarderobe dabei, wir achten ja auf Etikette“. Eisernes Schweigen begleitete die zweistündige Fahrt nach Füssing.
Angekommen, parkte ich direkt vor dem Thermalhotel, um nach dem Ausladen gleich in die Garage fahren zu können. Gemeinsam luden wir alle Gepäckstücke aus und ich fuhr hinunter in die Tiefgarage. Dann flugs zum Hoteleingang, um unser Gepäck zu holen. Eva und die Grubers waren schon im Hotel verschwunden. Nur die „Kiste“ stand noch da. Wütend zerrte ich den unhandlichen Koffer in die Lobby. An der Rezeption checkten die drei gerade ein. Grubers hatten Zimmer 11 und wir 12. Ich warf das „Ding“ vor Peters Füße und brüllte dabei zornig: „Demnächst nimmst Du Euer Gelump selber mit. Ich bin doch nicht Dein Butler.“ Peter blickte mich entgeistert an: „Du, das ist nicht unser Koffer“. „Dochdochdoch, willst Du mich verarschen?“ kreischte ich außer Atem: „Der stand doch bei Euch vor der Tür“. „Na und, das ist jedenfalls nicht unser Koffer, ich kenne auch keinen in unserem ganzen Haus der so was Potthässliches besitzt, Basta“. Eva schickte Tausende Blitze in meine begrifflosen Augen, schnappte sich, unterlippenkauend unseren Rolli und verschwand mit den Grubers im Lift. Ich war ratlos. Wem gehört bloß der Koffer? Was mach ich jetzt damit? Ich muss das Ding doch irgendwie loswerden!
Ahh, die Lösung! Ich tat so, als würde ich mit dem Monstrum zum Lift gehen, aber auf dem Weg dahin ließ ich das Ungetüm hinter einer Yuccapalme einfach stehen. Als ich den Lift betreten wollte, schallte es von der Rezeption schon her: „Herr Klöpfel, sie haben Ihren Koffer vergessen, bitte nehmen Sie ihn wegen den Sicherheits- und Brandschutzvorschriften gleich mit.“ Ich überlegte: „Das Stück Scheiße wieder hinunter in die Tiefgarage zu bugsieren oder erst mal mit aufs Zimmer zu nehmen“? Letzteres überzeugte mich. Schwitzend im Zimmer angekommen, legte Eva gleich los: „Warum hast Du den fremden Koffer überhaupt eingeladen und was willst Du hier damit?“ Stell Dir vor, da sind Drogen oder Diebesgut drin.“ „Wir können ja mal reinschauen“, meinte ich kleinlaut. „Bist Du verrückt? Da könnte ja auch eine zersägte Leiche drin sein und wir haben einen Mord am Hals! Ich will damit nichts zu tun haben. Außerdem hat er ja auch ein Zahlenschloss - kennst du die Kombination? - Also! Lass den Mist sofort verschwinden.“
Aber wie? Ich erklärte ihr das mit der aufmerksamen Rezeption und meinte: „Wir nehmen den Koffer wieder mit nach München, und ich gebe ihn als Fundstück bei der Polizei ab“ dabei zerrte ich mein selbst eingebrocktes Schicksal auf den Balkon. Eva zernagte weiter ihre Unterlippe.
Die nächsten Tage waren für mich unerträglich und vergingen gerade¬zu bleiern. Und wenn ich mal nicht an das „Ding“ dachte, frozzelte Peter: „Vielleicht ist da Gold und Juwelen drin, hahaha, versuch doch mal das Schloss zu knacken, hohoho“, oder Jutta stichelte: „Wir dachten schon, Ihr geht auf eine große Rund-um-die-Welt-Kreuzfahrt, hihihi“. Eva schaute mich dabei jedes Mal spöttisch an und grinste immer höhnisch mit. Lustlos planschte ich die Tage meist alleine in der Therme herum. Verbittert haderte ich mit meinem Los. Dabei kam mir auch in den Sinn, die Grubers, ja auch meine liebe Frau, ALLE würden noch in den Koffer mit hineinpassen. Eine schöne Mordgeschichte!
Dann, Gott sei Dank, waren die quälenden Tage zu Ende. Während ich fluchend das Monster aus dem Zimmer schaffte, verschwanden Jutta, Peter und Eva lustig pfeifend mit ihren „Köfferchen“ im Aufzug.
Als ich mit dem Drecksstück im BMW vor dem Hoteleingang wartete, kamen die drei vom Auschecken, deponierten ihr Gepäck, so gut es ging, in den Kofferraum und stiegen genauso beschwingt ein. Mit Wut im Bauch fuhr ich nach München zurück und warf die Grubers an ihrem Zuhause aus dem Auto. Dann fuhr ich zu der Polizeistation, die sich nur zwei Blocks weiter von meinen „guten Freunden“ befand. Eva blieb im Wagen, stumm und unterlippenkauend, bockig sitzen.
Die Beamten auf der Wache staunten nicht schlecht, als ich mit der Kiste hereinpolterte. Und als ich japsend meinen Fund melden wollte, wurde ich sogleich unterbrochen. Der Revierleiter sagte, mit einem Blick auf den Koffer, barsch: „Da liegt uns seit letztem Donnerstag eine Anzeige wegen Diebstahl gegen Unbekannt vor. Also mal zur Sache Herr ………?“ Verwirrt antwortete ich: „Klöpfel, mein Name ist Karl Klöpfel.“ „Naja Herr Klöpfel, da bitte ich um Ihren Personalausweis und nehmen Sie zur Vernehmung hier mal Platz.“ „Bin ich Beschuldigter?“, platzte es aus mir heraus. „Dass, mein lieber Herr Klöpfel, das wird sich noch herausstellen.“ Als ich nach und nach die wahrheitsgemäße Geschichte erzählte, kamen immer mehr interessierte Beamte hinzu, die erst grinsten und dann alle lauthals lachten. Der Vernehmende klärte mich dann auf: „Mein lieber Herr Klöpfel, da wird sich der Anzeigende aber sehr freuen, dass sein Koffer wieder da ist. Er hatte diesen, nach Klingeln bei Nachbarn, zwischen die Tür geklemmt, um noch Unterlagen aus seinem Auto zu holen. Dann kamen Sie und nahmen das Corpus Delicti mit! Und der arme Staubsaugervertreter von VORWERK hätte beinahe seinen Job verloren.“
Erschüttert unterschrieb ich alle Papiere und dachte: raus, nur noch raus hier! Aber draußen wartete ja mein Cerberus, der natürlich alles ganz genau wissen wollte. Also begab ich mich ruhig und würdevoll zur wartenden Unterlippe. Als ich einstieg, sagte ich nur: „Schweig!“ Sie fügte sich brav meinem drohenden Unterton.
Drei Tage später, bei unserem wöchentlichen Kegelabend, erfuhren Eva und all unsere Freunde von meinem blöden Missgeschick. Grubers und das ganze Haus hatten von der Auflösung des „Diebstahls“ erfahren. Jutta, Peter und auch meine Frau malten zwischen dem Kegeln alles ganz ausführlich und in den buntesten Farben aus. Die Lachsalven klingen mir noch heute in den Ohren. Und ab da werde ich, nicht nur bei jedem Kegelabend, als „Koffercharly“ grinsend ge- und begrüßt.
Manchmal, wenn ich so in der City alleine unterwegs bin, überlege ich mir immer öfters, ich könnte mir doch auch so einen riesengroßen Koffer zulegen. Und eine Motorsäge mit 100erter Schwert!