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Der Hirsch

Von tastifix Donnerstag 26.05.2022, 20:11 – geändert 01.06.2025, 08:57

Es war die Zeit, in der die Hirschbullen um die Gunst der Kühe buhlten.

Bei Tagesanbruch bewegte sich ein kleines Hirschrudel, zunächst im Frühnebel nur schemenhaft erkennbar, aus dem Dickicht des Waldes. Angeführt von einem prachtvollen Zehnender betraten die Tiere die Lichtung, sicherten kurz, neigten die Mäuler dem saftigen Gras zu und begannen zu äsen. Die Hirschkühe wussten sich beschützt von ihrem mächtigen König, dem Hirschen. Er stand ein wenig abseits und achtete jedes Geruches, der vielleicht hätte Gefahr ankündigen können. Erst danach begann auch er zu fressen. Seine Bewegungen waren die eines alten Tieres, manchmal schienen sie fast mühsam zu sein.

Schon bald wurde das friedliche Idyll gestört. Unruig hob der Hirsch den Kopf und sicherte zum Wald hinüber. Es alarmierte ihn. Zunächst war nur ein leises Trippeln zu hören, das jedoch rasch lauter wurde. Zwischen den Bäumen trat ein junger Hirschbulle auf die Lichtung, wandte zuerst den Kopf zu den Hirschkühen, danach zu dem alten Herrscher jenes Rudels hinüber. Stolz sich hoch aufrichtend, röhrte er provozierend. Eindeutig wollte er den Kampf um die Weibchen aufnehmen.

Auch der Alte richtete sich auf und präsentierte das eindrucksvolle Geweih, bereit, sich mit dem Jungen zu messen. Die beiden Hirsche machten einige schritte aufeinander zu, verharrten dann aber, sich weiterhin taxierend, noch kurz. Dann aber machte der König des Waldes, warnend laut röhrend, ein paar weitere Schritte auf den jungen Rivalen zu, doch jener wich nicht, es kam zum Kampf. Dröhnen erfüllte die Luft, die stampfenden Hufe wirbelten Staub hoch. Die mächtigen Körper prallten zusammen, die Geweihe verharkten sich. Jeder versuchte, den Anderen wegzudrängen. Wut verleiht ungeahnte Kraft und der Allte behauptete sich hartnäckig. Doch bereits wenig später fehlte ihm die Energie, noch den ständig brutaleren Geweih-Attacken des Jungbullens gewsachsen zu sein. Seine kraft war aufgebraucht.

Seinem Rivalen sagte der Instinkt, dass sich der Kampf zu seinen Gunsten entscheiden könnte. Immer heftiger stieß er zu, fügte dem Alten schwerste Verletzungen zu und drängte ihn ständig weiter von den Hirschkühen weg, die eng beieinander stehend, das Geschehen beobachteten. Schließlich war es soweit. Der Alte gab den verzweifelten Kampf auf, die Schmerzensschreie des Besiegten hallten weithin. Schleppend versuchte er noch wenige Schritte, brach aber dann im Schein der aufgehenden Sonne blutüberströmt zusammen. Das Schreien verstummte, sein Auge brach.

Im selben Moment, als er sein Leben aushauchte, war das unheimliche Kreischen von Holzfällersägen zu hören. Ein großer Teil des Waldes, seiens Reviers, würde gerodet werden ...

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