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Der Biwak (wahre, aber unglaubliche Geschichte)

Von ehemaliges Mitglied 18.03.2018, 10:18


Es war ein launiger, äußerst windiger Abend. Die Sonne stand kurz vor dem Aufgang. Wie erwartet, peitschte plötzlich die Luft kaum hörbare, ohrenbetäubende Stille. Auf der mondbeschienenen, reizvoll mit Kopfsteinpflastern nach Sternen-Muster-Art ausgelegten vierspurigen, noch vor dem Krieg erbauten Waldstrasse, grasten ein paar dicht liegende Rehe. Der dicke kurzgeschorene wollene Flor schützte die mageren, dem scheuen Schaf ähnlichen, seit eh und je Menschen zugewandten Haustiere vor der klirrenden Julikälte.
Von weit her war das laute Jaulen einer Gitarre lautlos und lustlos vernehmbar. Ich war fasziniert von dieser verzauberten Welt, die ganz schön an meinen Nerven nagte. Alles wirkte auf mich magisch, unwirklich und schauderhaft. Mein Magen hat sich beruhigt und ließ sich mit einer Zigarette betäuben. Ich zerdrückte barfuss die letzte E-Zigarette und stieg ins Auto. Um die grasende Rehe nicht zu stören, fuhr ich ganz langsam mit rasender Geschwindigkeit immer mit Blick gen Himmel, die Augen auf den Grossen Wagen gerichtet, zur dieser Zeit leider nicht mehr sichtbar, aber stets bemüht die Große Bärin in Sicht zu behalten. Sozusagen, mein Wegweiser in dieser belebten Idylle.
Plötzlich spürte ich, dass ich mich immer mehr von dem Ziel entferne. Dieser Gedanke erfüllte mich mit Freude.
Was für eine fantastische Idee, den Grundschulabiturienten zur Feier des Tages einen Biwak zu stiften. Sozusagen, als Bestrafung für die Jahre der Anstrengung und Verweigerung jeglicher schulischen Leistungen.
Die Eltern und die Lehrer haben sich richtig ins Zeug gelegt, um den Kleinen den Schulauswurf möglichst angenehm zu gestalten. Es war sozusagen das letzte Indianertreffen, bevor sie mit kleinen Schritten, vorsichtig in die Welt hinein krabbelten, mit dem leisen Vorhaben, diese ohne Sturm und Anstrengung zu erobern und für sich zu behalten.
Dass die Welt schon ihnen gehörte, wussten alle, nur ich nicht, der sogenannte Aufseher.
Die ohrenbetäubende Stille war in dem ganzen Urwald nicht zu überhören. Sogar die schlafenden Bäume, brutal aus dem Traum gerissen, von Begeisterung samtgrün, mit viel Verständnis für die ausgelassenen Wildereien, trauten sich nicht zu protestieren. Es war zu viel im Spiel. Möglicherweise würden sie noch abgeholzt... Wer weiss, was in so kindlichen Abiturientenköpfen vorgeht...?
Ich landete mit meiner antiken Maschine auf einem mit Kunstrasen ausgelegten Streifen und parkte an einem mit Krebsgeschwüren befallenen, sichtbar gesunden, knorrigen Baum, direkt am Kanal. Die Wasserpfütze schien mir auf den ersten Blick recht sympathisch. Bei der genaueren Betrachtung war mir aufgefallen, dass Unmengen von dreckigen Schildkröten mit ihren sauberen Nasen direkt aus dem Wasser in meine Richtung schielten.
Mit einem Vorhängeschloss machte ich das Fahrzeug an einem Grashalm fest und ging Richtung einer Lichtung, auch ohne Ohrenstöpsel nichts hörend. Durch den Baumvorhang sah ich wild tanzende oder mehr in die Luft springende filigrane Gestalten. Wie in einem afrikanischen Schattenspiel. Fröhlich schaute ich mir das gruselige Spiel an.
Ja, hurra, ich habe ein afrikanisches Dorf entdeckt! Die wohlerzogenen Wilden haben mich noch nicht bemerkt. Wie denn auch. Man kann doch nicht von Blinden erwarten, dass sie einem mit Fassung Brille tragenden, gleichen. O, nein. Das war mir bis heute auch nicht bewußt.
In der Mitte der Lichtung, fein mit glitzernden Feldsteinen, die meisterhaft geschliffen und in die Grasklumpen gefasst, das wiederum von dem Ideenreichtum der als primitiv eingestuften Waldbewohner zeugte, loderte ein funkensprühendes, kältespendendes Feuer. Leicht bekleidete außerirdische Gestalten trampelten vergnügt, nervös zuckend und an einer Flasche nuckelnd, um diese geheimnisvolle Stelle. Die Fische und Krebse im Kanal, gelockt von den sanften Musikklängen, schauten dezent aber neugierig und verstanden den Spuk nicht. Ich auch nicht.
Am Rand der besagten Lichtung, an einer tieferen Anhöhe konnte ich ein Zeltdorf, solide aus den Lehmsteinen gebastelt, erahnen. Es waren größere und kleinere Behausungen mit buntgeknoteten Schnüren, kunstvoll an die in den hinteren Reihen gestellten Pflänzchen, befestigt. Die vor jedem Eingang stehenden fleischfressenden Bromelien, groß und kräftig wie manche Würgefeigenbäume, versperrten den Zugang ins Innere.
Ich setzte mich unter eine fast hundertjährige, anmutende, großknorrige reichlich mit Brettwurzeln ausgestattete junge Eiche. Unter dem lichten Blätterdach musste ich wie ein Waldgott ausgesehen haben. Wenigstens fühlte ich mich so.
Die Eiche erwies sich als gesprächiger Begleiter und erzählte mir Geschichten, die ich in keinem Buch gefunden hätte. Noch aus der Zeit der Kreuzrittern und alten Pruzzen. Ich lernte die Eichensprache schnell. So erfuhr ich auch viel über den Oberländischen Kanal, wo grade die mir seit Jahren bekannten Welteroberer wie irre Wesen mit monotonen Schritten Lambada tanzten. Aus der nötigen Distanz und fast zurückhaltend, ohne größere Wunder zu erwarten, schaute ich desinteressiert auf die fabelhafte Welt vor mir
Karola

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