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Der Biwak (Teil II)

Von ehemaliges Mitglied 18.03.2018, 10:16


Ja, diese technische Meisterleistung, einmalig in Europa. Auf Seilen und Schienen die Schiffe auf der Strecke von 9 km ziehend zu transportieren, um den Höhenunterschied von fast 100 m zu überbrücken. Eine Schiffsfahrt über 5 Berge von Buchwalde nach Kussfeld. Die Touristenattraktion mit enormer Einziehungskraft zwischen Osterode und Elbing.
Mit der Konversation beschäftigt merkte ich vielleicht zu früh, dass irgendetwas nicht stimmte. Die Stimmung kippte unsagbar langsam um. Über die Lichtung und ausgelassene Herde zogen die dunklen, mit Ärger geschwängerten Wolken. Zuerst ganz hell und relativ friedlich, mit leicht erotischer Färbung. Dann donnerte es richtig, die Luft bebte von kriegerischem Geschrei verschreckt.
Eine Intervention war noch nicht nötig - dachte ich mir irrtümlicherweise. Ich werde mich nicht zwischen wütenden Amazonen und nach Bier riechenden Kriegern zwängen. Nach dem Sprichwort „Wo zwei sich streiten freut sich der Dritte“ zu beurteilen, wäre es für mich ratsam das Ende des Spiels abzuwarten.
So habe ich noch nie erlebt, dass die Naturgewalt so vernichtende Spuren in Menschenkindern hinterlässt, deren zerstörerische Kraft ohne „Das 5. Element“ nicht zu bändigen ist.
Im Nu war alles vorbei. Vor meinen Augen war nur das geordnete Chaos auf dem Schlachtfeld zu erkennen. Als Genie beherrschte ich ohne größere Anstrengung auch diesmal die Lage. Fast...
Das Dorf gab es nicht mehr. Um die rauchspuckende Feuerstelle lagen nur zerfetzte Stoffreste und von Schnüren zusammengeknotete, immer schwächer wütende und ermüdete, halbschlafende und leicht alkoholisierte Indianerkrieger. Damals wüsste ich nicht, dass Indianer keinen Alkohol vertragen.
Die blutige Schlacht war zu Ende. Die Töchter der Mondgöttin haben eindeutig gewonnen. Erst nach dem Sonnenuntergang, beim Morgengrauen war das Ausmaß der vernichtenden, auf Leben und Tod geführten Schlacht sichtbar. Von der enormen Leistung der reifen Jugend war ich begeistert.
Nur ein Zelt wurde verschont. Stolz, wie eine Festung stand es da. All die mutigen Kriegerinnen haben sich dort verbarrikadiert. Die Spuren des Kampfes gegen den organisierten Widerstand waren um die Festung selber nur ganz undeutlich erkennbar.
Ganz langsam kam ich doch zur Besinnung und machte gezwungenermaßen einen gemütlichen Spaziergang. Oh, verdammt, ich wäre fast ausgerutscht. Heute wird es kein Rührei zum Frühstück geben.
So stand ich sitzend und mich am Feuer kühlend, und wunderte mich, wie schnell sich die Fronten wieder beruhig haben. Manchmal hängt das Leben der ganzen Sippe von der taktischen Kriegführung ab. Das habe ich jetzt verstanden. Die Amazonen, auch wenn in Unterzahl, haben die Festung eingenommen und die Lebensmittelvorräte für drei Tage als Kriegswaffen benutzt. Ganz raffiniert.
Ich habe die Schlacht für mich auch als gewonnen betrachtet. Die Mannschaft hatte noch bis zum Mittag die Zeit, sich zu besinnen. Dann habe ich beschlossen sie unbarmherzig aus den Gymnastikmatten raus zu katapultieren.
Mit meinem berühmten Goldenen Horn, übrigens ein Geschenk des Anführers der Goldenen Horde an meinen Urahnen, dürfte ich aus 5 km Entfernung die ruhenden Geister aufwecken.
Ohne zu murren wurde alles militärisch-korrekt aufgeräumt und gepackt. Nach 1 Stunde intensiver, aber müheloser Zwangsarbeit, fuhren die Lederkoffer auf mit Eisen beschlagenen Rädern Richtung Heimat.
Inzwischen habe ich die zuständigen Vorgesetzten benachrichtigt, um die spätpubertierende Heimkehrer kollektiv zu empfangen. Die ganze Truppe übergab ich in vorsorgliche Hände des jeweiligen Vormunds.
Eine flotte Vogelkapelle bescherte noch zum Abgang einen lebhaften Trauermarsch von Frederik Chopin.
Ja, ich merkte, die Natur war sichtlich erlöst. Die Blumen lächelten mich an, riesige Stämme summten fröhliche Arien und hüpften melancholisch auf einer Stelle, wie festgeklebt. Und die vielen bunten Vögel, ganz in schwarz bekleidet, winkten mir bis zum Umfallen im Takt des Windes.
Ich blieb alleine. Zwei Tage, ganze volle Tage. Wie traurig. Eine fette Träne rollte meine Wange hinunter und verfingt sich in einem Spinnennetz. Aber auch das kümmerte mich nicht mehr.
Schweren Herzens mit freudigen Gedanken holte ich aus dem Auto meine schon während des Studium erfolgreich erprobte Hängematte und ein paar verdächtig ramponierte Bücher, oft als Ersatz für Kopfkissen benutzt. Ich schlummerte genüsslich in dem zwischen zwei Eichenzweigen befestigten Tuch tief träumend, bis die schon hoch stehende Sonne mich weckte und eine Gute Nacht Geschichte verlangte.
Noch halb schlummernd vernahm ich schmatzende Geräusche und mein stilles Rendezvous mit der Natur wurde gestört. Es waren die Rehe, die mich mit ihren großen Augen angriffslustig begutachteten und die noch gebliebenen Eierschalen laut schmatzend verputzten.
Die vorbeiziehenden Schiffstouristen winkten uns laut und zurückhaltend. Auf den Schiffsverkehr über die Wiese waren die unglücklichen Tiere nicht gut zu sprechen. Perkunos sei Dank, es war die letzte Expedition am heutigen Tage auf der Schiffsmarschroute.
Viele der noblen Gaffer haben auch Fotoapparate dabei. So ein Bild hätte ich auch gerne. Ich, der Waldzwerg, zwischen zwei mickrigen Ureichen in einem farbundefinierbaren Stoff hängend, sanft vertieft in einem roten Buch und um mich herum ein dutzend langweilig kauenden Rehe, unter denen zwei prächtige weiße Exemplare, wie aus dem Märchenband.
Albinos im Doppelpack - als Glücksbringer?
Jetzt merke ich grade, dass es nur ein Albino ist. Das, mit roten Augen. Das Andere, auch weiß, aber mit traurigen braunen Augen, im Fachjargon auch „Weißling“ genannt. Beide seltsame, faszinierende Wesen. Sie haben etwas von einem Einhorn, anmutig und zart.
Die ganze Herde umkreist die beiden beschützend. Bei Menschen würden sie bestimmt ausgeschlossen, verpönt, gemobbt...
Wie gut, dass es im Tierreich keine Ausgrenzung gibt und für diese Geschichte keine Zaungäste.
Karola

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