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Der badende Poseidon

Von ehemaliges Mitglied 15.07.2018, 23:12


Es war recht spät. Die Lichter am gegenüber liegenden Ufer gingen in der bestimmter Reihenfolge schon aus. Auf den Straßen und Plätzen kehrte die Ruhe ein. Das Leben hörte auf für eine Weile zu pulsieren.
Der laue Abend erfrischte mich und vertrieb die ganze Müdigkeit. Ich verspürte noch keine Lust den Heimweg anzutreten. Nein, am Schlafen war es nicht zu denken. Nach der Hitze des Tages war ich erst richtig frisch und munter. Ich setzte mich auf die Bank der sonst sehr belebten Uferpromenade und genoss den Abend. Nur wenige verliebte Pärchen knutschten und kuschelten. Auch ein paar Senioren ruhten sich aus an den bunt gestrichenen Holzbänken. Von Wasser her wehte eine zarte Brise mit salzigen Duft. Die samtige Dunkelheit breitete sich aus. Alles um mich war wie verzaubert. Ich stand auf, ging ein paar Schritte näher zum Wasser, setzte mich auf einen Stein und schaute verträumt in die Weite. Am Horizont konnte ich keine Schiffe mehr erkennen. Die momentane sentimentale Gesinnung erfasste mein Inneres und übertrug eine gewisse Ruhe. Nur die neugierige, hell glänzende Frau Luna umschiffte würdevoll die friedliche Wolken. Ja, Vollmond, schon immer mein guter Freund. So konnte ich manche Feier bis zum frühen Morgen gut überstehen.
Mit der Rückkehr brauche ich mich nicht zu beeilen. Am Schlafen war nicht zu denken.
Plötzlich entdeckte ich eine leuchtende Spur im Wasser. Ich schaute gebannt und fasziniert. Ich weiss es nicht warum, aber in diesem Moment kamen mir Odysseus-Reisen in dem Sinn.
Als Kind wollte ich nicht die Märchen vorgelesen haben, nur griechische Mythen. Dann als Jugendliche habe ich sie verschlungen. Später, als junge Mama meinem Sohn oft vorgelesen. Schon im zarten Alter vor sieben Jahren kannte er viele Textpassagen auswendig. Es war lustig zu beobachten, wie er einmal meiner jüngeren Schwester erklärte, dass nicht der Zeus der Göttervater ist, nur der Kronos.
Und jetzt war mir auch so, als hätte ich den Poseidon beim Baden beobachtet. Ich konnte nicht direkt schauen. Das Licht war immer näher und kräftiger in meine Richtung durch die Wellen getragen. Zum Schluß so grell, dass ich meine Augen zukneifen mußte, um besser zu sehen.
Der leuchtende Streifen übte auf mich eine magische Wirkung aus.
Plötzlich streifte ein Lichtstrahl mein linkes Auge. Ich spürte ein Schmerz und kniff automatisch beide Augen fest zu. Ein Moment lang konnte ich gar nicht sehen. Irgendwas hat mich total geblendet. Ich drehte mich um, weg von dem Licht und wagte mich nicht die Augen zu öffnen.
Nur, wo sind seine Rosse geblieben? - dachte ich noch ein wenig benommen.
Ich brauchte eine Weile, bis ich zur Realität fand. Leider war schon sein prächtiges Gespann wie ein Blitz zwischen den Plejaden verschwunden, vielleicht Richtung der Milchstrasse sausend und nicht mehr zu erkennen.
Anstrengend schaute ich mir die Sternen an. Es war beim Vollmond nichts zu erkennen. Nicht mal der Große Wagen.
In diesem magischen Moment spürte ich gewaltige kosmische Kräfte. Ich, der Mensch dazwischen - klein, unbedeutend, wie eine Ameise.
Wir und die Natur. Gewalten, die uns inspirieren oder vernichten. Naturereignisse, die uns zu staunen bringen oder auch beängstigen.
Wer kann schon die Götter/die Natur begreifen? Auch Homo sapiens nicht.
Karola

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