Der Bademantel
Von
Pinnacle
Mittwoch 06.05.2020, 10:39
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Der Bademantel
Joa Bosch ©BJS
Sabinchen hatte mal wieder Geburtstag. Ihren fünfundneunzigsten!
Eigentlich ist sie ja meine Mutter. Aber seit meinem 40. Lebensjahr wollte ich nicht mehr „Mama“ zu ihr sagen und ich nenne sie nur noch Sabinchen.
Sie hat immer noch einen hellwachen Verstand und kennt sich im Alltag, der Politik, auch im Sport bestens aus. Nur die Beweglichkeit hat nachgelassen; und sie benutzt seit geraumer Zeit einen Rollator zum Vorwärtskommen.
Zum Geburtstag wünschte sie sich einen leichten Bademantel in Schwarz, und lang sollte er sein. Der alte war ihr zu schwer geworden. Ich fragte mich, nehmen im Alter Textilien auch an Gewicht zu?
Gegen Mittag holte ich sie ab. Ruckzuck war ihr „Ferrari“, wie sie ihre Gehhilfe liebevoll nennt, in meinem Auto verstaut und ab ging es zum Einkaufsbummel. Dass sich daraus ein Kaufhaus-Tourismus entwickeln würde, war nicht vorhersehbar. Schon im ersten Geschäft, dem Kaufhof, konnte man ihrem Wunsch in der Damenwäsche-Abteilung nach einem „leichten und langen Bademantel in Schwarz“ mit Bedauern nicht nachkommen. Ich deutete auf eine Puppe und sagte: „Schau mal Sabinchen, der blaue Mantel, der ist aber hübsch und sogar knöchellang“ hob den Stoff dabei an und ergänzte: „Federleicht!" Sie entgegnete knurrend: „Ist der vielllleicht schwarrrrrrz?“ Ihr sonores „r“ hallte donnerhaft durch die gesamte Etage.
Weiter ging es zu C&A. Gott sei Dank belehrte uns dort eine pfiffige Verkäuferin, dass der so genannte „leichte Bademantel“ wohl auch ein Hausmantel sein könne. „Ach ja, na klar! Warum hast du das denn nicht vorher gewusst“ sagte Sabinchen zu mir!
Bedauernd nahm ich den Vorwurf hin. Aber in Schwarz war auch hier kein entsprechendes Kleidungsstück erhältlich. Als wir das Kaufhaus verließen, fing das linke Vorderrad vom „Ferrari“ an zu quietschen. Weiter ging es zu Kar-stadt – kein leichter Hausmantel in Schwarz. „Das gibt es doch nicht“ fauchte Sabinchen und fuhr im doppelten Sinne mit quietschenden Reifen energisch zu Peek & Cloppenburg. „Leider nein, gnädige Frau, Schwarz ist bei Hausmänteln nicht mehr so in Mode“ sagte ein etwas blasierter Verkäufer von oben herab. „Unerhört“ fauchte meine Mutter, und quietschquietschquitesch, rauschte sie zum Ausgang. Verzweifelt überlegte ich, wie man das nervige Gequietsche abstellen könnte. Aber wo bekommt man schon einen Tropfen Öl her? Weiter! Immer weiter, immer weiter - und ich hinterher.
Endlich im Kaufhaus Beck – ja, es gab einen leichten Hausmantel - in Schwarz – allerdings waren darauf rosarote Flamingos und Lotusblüten abgebildet. Kurz war er auch noch. Sabinchen sagte nur „Pah“ und die Suche wurde fortgesetzt. Mein zaghafter Versuch, vielleicht eine andere Farbe zu erwägen, wurde von ihr nur mit einem kommentarlosen „Durch-Mark-und-Bein-Blick“ quittiert.
Jetzt blieb nur noch der Fachhandel. Rasch ging es durch die Fußgän-gerzone zum Damenbekleidungsgeschäft Overmeyer. Ein Abteilungsleiter und eine Verkäuferin kümmerten sich gleich um uns. Oh Gott, ein Wunder – ja, hier hatte man einen leichten, auch langen Hausmantel – und in Uni-Schwarz!
Allerdings musste er von der Verkäuferin erst aus dem Lager geholt werden. Was das wohl bedeutet?
Aufmunternd lächelte ich Sabinchen zu und freute mich über das Ende einer über dreistündigen Odyssee. Ich, 25 Jahre jünger als die Jubilarin, setzte mich erschöpft in einen Sessel und harrte der Dinge. Der Abteilungsleiter plauderte belangloses Zeugs, aber Sabinchen trommelte schweigend und ungeduldig mit ihren Fingern einen Bremsgriff-Staccato vom Allerfeinsten hin. Endlich kam die sachkundige Bedienung wieder, zauberte aus einem Kleider-sack einen wunderschön geschnittenen schwarzen Hausmantel, präsen-tierte triumphierend das elegante Objekt und legte es mit einem gekonnten Schwung auf den Tresen. „Heureka“ dachte ich und sechs Augenpaare richteten sich erwartungsvoll auf Sabinchen.
Nicht nur mir blieb die Spucke weg, als sie sagte: „Ach neinneinnein, der ist mir doch viel zu schwarz!“ Mir wurde buchstäblich Schwarz vor den Augen.
Als ich wieder bei Sinnen war, verließen wir ein sprachloses Fachpersonal und begaben uns zum Ausgangspunkt unserer Expedition - zum Kaufhof.
Sie wollte jetzt unbedingt doch den blauen Mantel von der Puppe und meinte: „Der hat doch ganz passabel ausgesehen."
Auf dem Weg dorthin kamen wir an dem Fischgeschäft „Nordsee“ vorbei. Einer göttlichen Eingebung folgend begab ich mich in den Laden. Auf meine Bitte hin tröpfelte der Verkäufer mir etwas Öl auf einen Plastiklöffel. Zurückgekehrt zu meinem fragend blickenden Sabinchen, strich ich vorbeugend gleich alle vier Radnaben mit einem fischölgetränkten Tempotaschentuch ein. Die Fahrt ging ohne Gequietsche aber mit Schweigen in den Kaufhof weiter. Schnell war der leichte, knöchellange blaue Mantel in ihrer Größe ausgesucht, anprobiert, akzeptiert; und ich durfte selbigen zum Geburtstagsgeschenk für sie erwerben. Dass das Kleidungsstück nicht mehr Bade- oder Hausmantel hieß, sondern sich jetzt Morgenmantel nannte, störte sie Gott sei Dank weiter nicht.
Ach ja, was mir aufgefallen ist, in letzter Zeit werden meine Unterhemden immer schwerer für mich!