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Der alte Mann und das Maisfeldmeer

Von ehemaliges Mitglied Samstag 14.04.2018, 09:59


Es regnete den ganzen Tag, fast ununterbrochen. Das stimmte mich ein wenig melancholisch und nachdenklich. Ich öffnete die Balkontür sperrangelweit und atmete mit Genuss die warme, feuchte Luft tief ein. 
Kein Wind. Totale Stille. Die dicken Regentropfen hörte ich auf den Rasen unter meinem Balkon fallen. Das monotone Geräusch beruhigte mich und animierte zum Träumen. Ich schloß meine Augen und entspannte mich in der Hängematte. 
Ein wärmender Sonnenstrahl weckte mich auf. Ach, so eine kurze Siesta tut wirklich gut. Ich blinzelte. Die Regentropfen schimmerten und glänzten in der Sonne wie Juwelen. Der Himmel - wolkenfrei. Unglaublich, damit habe ich nicht gerechnet. 
Für einen kleinen Spaziergang vor dem Abendessen bin ich immer bereit. Ich machte mich also fertig und war im Nu draußen. 
Ich habe mal gelesen, dass beim Gehen die beiden Gehirnhälften sich verbinden und das sollte uns schlauer machen. Also, marsch. Richtung Bauernhöfe. Raus aus der Stadt. Die riesigen Maisfelder mit ihrer unendlichen Weite und enormen Höhen – vielleicht wegen meiner Körpergröße – fand ich schon immer faszinierend. 
In eigene Gedanken vertieft, zwischen Wald und Feldern, stand ich plötzlich zu meiner Überraschung vor einem älteren Herrn. 
„Er mußte um die 80 Jahre alt sein“, dachte ich.
Der alte Mann sah sehr zerbrechlich aus. Sein Gang war unsicher. Die dunkle Weste, auf der noch Speisereste „klebten“, hing unförmlich auf seinem knochigen Körper. In den zittrigen Händen hielt er einen hölzernen Gehstock. 
Aber sein Gesicht strahlte Ruhe und Güte aus. Ich fand ihn sehr sympathisch und grüßte ihn höflich. Er nickte mit dem Kopf und fragte, ob hier in der Nähe ein Notar wohne.
„Nein, hier finden sich nur einzelne Bauernhöfe. Kehren Sie lieber mit mir um. Ein Notar, hm ... kennen Sie dessen Namen, Adresse?“, fragte ich ihn. 
Er verneinte ganz ruhig, als wäre dies ganz ohne Bedeutung. Seine Antwort gab mir zu denken.
Ich riet ihm noch einmal mit mir umzukehren. 
Wir gingen langsam zusammen in Richtung Babenhausen. Ich war bemüht die Unterhaltung fortzusetzen. So erfuhr ich noch mehr über sein Leid. 
Nein, er kannte hier niemanden. Ein Schreiben habe auch nicht dabei. Er habe nur mit dem Anwalt telefoniert und sollte sich mit ihm treffen. „Sie“ haben ihm den Hof genommen. Seine Frau starb mit 80 Jahren, als er noch jung war. Jetzt ist er allein. Hat niemanden mehr. Es ist alles anders geworden, als früher, als seine Frau noch lebte. In Bielefeld wohne er auch nicht. Heute morgen war er mit der Bahn angereist, um den besagten Rechtsanwalt aufzusuchen. Seinen Namen konnte er mir auch nicht sagen. 
Plötzlich wurden seine Augen feucht wie von einem Schleier durchzogen. 
Der alte Mann weinte ...
Was soll ich nun machen? Ich gab ihm ein Taschentuch und versprach ihm zu helfen. Er tat mir so leid ...
Ich tröstete ihn und wechselte das Thema. Sofort entspannten sich seine Gesichtszüge, er lächelte und wirkte sehr vergnügt. 
Von weiten konnte ich schon das Einkaufszentrum erkennen. 
Was soll ich nun tun?  
Es wird nicht lange dauern, bis die Dämmerung eintritt. Auch von Westen sammelten sich schon schwere brausende Wolken. Irgendwie bedrohlich zogen sie nach Osten, direkt auf uns zu.
Wir machten kleine Pause am Köckerhof. Ich erklärte ihm, dass ich jemanden anrufen werde, der uns abholt und nach Hause bringt. Er machte alles mit und stellte keine Fragen. Da ich gerne auf meinen Spaziergängen fotografiere, habe ich immer mein Handy dabei. So wählte ich die Nummer 110. Mir wurde mitgeteilt, dass ein Streifenwagen kommt, es dauert aber noch etwas.  Mit der Zentrale haben wir abgemacht, dass wir uns mit den Polizeibeamten auf dem Aldi-Parkplatz treffen, draußen, vor dem Spargelstand. 
Vorsichtig überquerten wir die stark befahrene Straße. 
Nun haben wir unser Ziel erreicht und warten auf die Beamten. Er erzählte mir unaufgefordert die Geschichten aus seinem Leben, die in keiner Reihenfolge passten, spiegelten eher viele einzelne Momente, die in seinem Gedächtnis fest verankert waren. 
Und da sah ich plötzlich eine junge Frau, die schreiend und mit den Armen fuchtelnd auf uns zu rannte. Die Dame schnappte energisch den alten Mann, der sich auch gar nicht wehrte und ihrem eisernen Griff nachgab, mit der Absicht, die Strassenseite zu wechseln, ohne eine Erklärung, als wäre ich gar nicht da ...
„Hallo junge Dame“, mischte ich mich ein, „wir haben etwas zu klären. Wer sind Sie und woher kennen Sie den Herrn?“, fragte ich recht forsch.
Da kam aber schon der Streifenwagen angefahren. Die Beamten stiegen aus und begrüßten den Ausreißer wie einen alten Bekannten. 
„Hallo Karl, wieder mal einen Ausflug gemacht? Auch diesmal Glück gehabt ...“, scherzten die Herren Polizisten vergnügt.
So verabschiedete ich mich von der zufälligen Bekanntschaft und ging aufgewühlt nach Hause. 
Ich weiß, der Karl hatte mich schon längst vergessen. Und das ist gut so. Ich aber denke noch oft an ihn und stelle mir alle Szenarien vor, was wäre wenn?
Heute habe mich hingesetzt und mein Erlebnis aufgeschrieben. So konnte ich nun mit dieser Geschichte abschliessen.  
Karola

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