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Das Buch mit neun Siegeln (Teil 2)

Von ehemaliges Mitglied Donnerstag 27.07.2023, 16:23


Die Zeit war für sie momentan stehengeblieben. Dass es ein Text von Eleonora war, was sie sich sicher.
„Wann hat sie es geschrieben?“, diese Frage stellte sich ihr wie von selbst.
„Ich muss es rausfinden. Das klingt nach sehr glücklicher Lebensphase? War ich schon damals auf der Welt?“ - so viele Fragen schwirrten ihr durch den Kopf.
Schnell begann sie in dem Bücherberg zu wühlen. Wie eine getriebene. Rücksichtslos. Ganz unten hat sie noch ein paar lose Blätter in der gleichen Größe, gefunden.
„Aber wo ist der Rest“, mit enttäuschten Blick überflog sie noch mehrmals die vor ihr liegenden Bände. Nein, nichts.
„Wahrscheinlich haben sich die losen Blätter verirrt“, dachte sie.
Unmotiviert hat sie angefangen konsequent die Bücher zu sortieren.
Jetzt muss sie für die Mutter entscheiden, welche Bücher zu behalten wären. Die meisten Werke waren nicht nach ihrem Geschmack. Nur wenige Titel hat sie zu Seite gelegt. Der nächste Buch war ohne Titel, irgendwie anders. Im ersten Moment konnte sie es überhaupt nicht öffnen. Dann begriff sie, das es sich um eine Aufbewahrungsbox in Buchform handelt. Diese Box war wunderschön. Der Rücken dieser Box war mit goldenen orientalischen Motiven versehen. Sie schienen mehr der japanischen als arabischen Ursprung zu sein. Es war auch keine Pappe, vielmehr dünnes, edles Holz. Auf der Überseite konnte man 9 Pins ertasten. Die ließen sich auch bewegen und drücken, aber die Box blieb verschlossen. Sie versuchte noch wenige Male zu öffnen. Nichts. Beim Schütteln der Box hörte sie ein Rascheln. Ein Zeichen, das in der Box etwas versteckt war.
„Ich rufe die Mutter an. Sie wird mir helfen können“, kam ihr eine grandiose wie auch einfache Idee in den Sinn.
Die Verbindung funktionierte auf Anhieb.
Hallo Mama, ich bin es, Helena.
Grüß Dich mein Schatz, Ich freue mich Deine Stimme zu hören. Ist was passiert? Sonst rufst Du meistens abends, nach der Arbeit, an?
Nein, bei mir alles gut. Habe diese Woche Urlaub. Wahrscheinlich hast Du es vergessen? Ich sortiere Deine Büchersammlung.
Das ist lieb von Dir. Wie gesagt, Du selbst entscheidest, was entsorgt werden muss.
Ja, aber ich habe eine Box gefunden. Da ist etwas drin. Ich kann leider nicht öffnen.
(Lachen) Aha, hast gefunden und noch nicht entsorgt? Das ist gut. Da drin ist etwas von Papa und mir für Dich, was Du unbedingt haben sollst. Ich kenne den Inhalt, weil ich es selbst dafür gesorgt habe, dass er gut geschützt in der Box bleibt. Da gibt’s einen Trick, um zu öffnen. Der ist kompliziert am Telefon zu erklären. Ich schreibe Dir gleich eine WhatsApp und schicke dazu noch eine Zeichnung.
Ja, Mama, aber was ist das?
Habe ein bisschen Geduld mein Kind. Passt auf die Box gut auf. HDL (habe Dich lieb) mein Schatz.
Helena war sehr aufgeregt. Ungeduldig wartete sie auf die Nachricht. „Na, endlich“, hörte sie das leise Summen ihres Handy.
Sie überflog die Zeilen.
„Eigentlich ganz einfach, wenn man das weißt“, schmunzelte sie.
Ein , zwei, drei, vier- es öffnet sich keine Tür.
Sie hat nochmal die ‚Betriebsanleitung‘ unter die ‚Lupe‘ genommen.
Zwei mal drücken , nach rechts verschieben, eine Umdrehung nach links und wieder die zwei Knöpfe zusammen drücken.
Hoppla, da sprang der Deckel schon hoch. Innen lag ein Heft, ziemlich dick. Eigentlich eine Sammlung von Blättern zwischen zwei dünnen Holzplätzchen. Das Obere war am Rändern mit bunten Glasperlen verziert. In der Mitte ein Herz aus winzigen ungeschliffenen Bernsteinen. Getrocknetes Moos und Blumenblüten waren kunstvoll in der Mitte des Herzen platziert. Es roh alles nach Vergangenheit. Vorsichtig, mit beiden Händen hob sie das kleine Buchlein raus. Es fühlte sich unheimlich gut an. Das Holz war lackiert und dann mit Bienenwachs behandelt. Es roch etwas, wie ihre Handcreme. Ein angenehmer Duft. Mit kreisenden Fingerbewegungen tastete sie sich durch die verschiedenen Verzierungen. Die untere Seite erschien ihr sehr glatt und angenehm beim Anfassen. Sie dachte an Furnier. Als sie das Buch umgedreht hat, musste sie den Atem anhalten.
Aus dem Holzbrett glänzten ihr entgegen verschiedenen Goldmünzen. Acht Stück. Alle in Folie eingeschweißt. Als Kind hat sie schon Ähnliches gesehen. Ihr Vater hat manchmal ihr solche gezeigt. Vermutlich hatte er für sie gesammelt. Bei diesem Gedanken bekam sie Gänsehaut. Jetzt, nach neun Jahren und wie so oft, wieder eine Spur des Vaters.
„Papa, wie kann ich Dir danken? Hörst Du mich?“, flüsterte sie bewegt und drückte das Buchlein ganz fest an ihre Brust.
Mit tränenden Augen hat sie das Buch aufgeschlagen und las:
„Liebes Kind, das Tagebuch entstand direkt nach Deiner Geburt. Wir wollten, dass Du alle unsere Wege verfolgen und kennenlernen darfst, auch, wenn wir vielleicht nicht mehr da werden. Das ist unsere Geschichte und Du bist die Krönung“.

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