Das Buch mit neun Siegeln (Teil 1)
Von ehemaliges Mitglied Donnerstag 27.07.2023, 16:24 – geändert Donnerstag 27.07.2023, 16:36
Du möchtest die Antworten lesen und mitdiskutieren? Tritt erst der Gruppe bei. Gruppe beitreten
Von ehemaliges Mitglied Donnerstag 27.07.2023, 16:24 – geändert Donnerstag 27.07.2023, 16:36
Du möchtest die Antworten lesen und mitdiskutieren? Tritt erst der Gruppe bei. Gruppe beitreten
Helena schaute sich um und seufzte. Sie hat dafür eine Woche Urlaub genommen. Das sieht aber nach mehr Arbeit aus, als sie dachte.
„Nachhaltige Haushaltsauflösung“, stand in der Anzeige. Die hat sofort die Firma bestellt. Sie hat ihre Mutter schon immer bewundert. Und jetzt, die hat es tatsächlich gewagt und ist ausgewandert. Nach Griechenland. In ihrem Alter den Neuanfang zu wagen, dazu gehört große Portion Mut.
Helena gönnte ihr dieses Glück. Hat sie doch jahrelang den Vater gepflegt. Sie machte damals Abitur, als das mit Vaters Krankheit angefangen hat. Er hat sehr gelitten und lange gekämpft. Damals hatte sie die Unterstützung der ganzen Jahrgangsstufe. Zum Abiturball hat sie mit der Mutter den Vater aus der Klinik ‚entführt‘. Nur der Professor war eingeweiht. Aber um Mitternacht müsste der Vater zurück im Zimmer sein, aus irgendwelchen Versicherungstechnischen Gründen. Die Nachtschwester hat sie doch im Flur erwischt, weil der Rollstuhl klemmte. Sie hat sich schnell entfernt, als hätte sie uns gar nicht gemerkt.
„Überhaupt ganz viele auch fremde Menschen haben uns damals geholfen mit Tat und Rat“, erinnerte sie sich.
Schon neun Jahre her. Aber der Vater ist immer noch sehr präsent. Sie hat sich gerade die Fotoalben und die Kiste mit den losen Bilder auf den Teppich gestellt. Saß mitten in dem Fotochaos und schwelgte in Erinnerungen. Die Bücher muss sie auch noch sortieren und zwar heute.
Manche möchte sie doch behalten. Den Rest wird morgen abgeholt von einem Arbeitslosenverein, der in eigenem Laden viele Sachen für kleines Geld zum Verkauf bietet.
Nach Vaters Tod besuchte sie die Mutter noch öfter. Irgendwann hat sie gemerkt, dass der Mutter gar nicht gut geht. Sie hatte das Gefühl, dass die Witwe mehr auf dem Friedhof als zu Hause lebte.
Es war mühevolle Arbeit, aber ihr war tatsächlich gelungen, ihre Mutter zu überzeugen in die Nähe des einzigen Enkelkindes zu ziehen. Eleonora, ihre Mutter, hat diese Veränderung gut getan. Sie blühte auf. Um Vaters Grab kümmerte sich der Friedhofsgärtner. Immerhin waren es über 100 km Entfernung. Bei einem Grabbesuch hat damals die 63 jährige Eleonora ihren früheren Kegelbruder Olaf getroffen. Seine Frau war leider vor fünf Jahren verstorben. Sie blieben im Kontakt. Olaf war seit drei Jahren pensioniert und lebte in Griechenland. Früher hatte er beruflich dort viel zu tun. Er betrieb den Wein-Großhandel, kannte sich also gut aus mit den südlichen Ländern.
Und sie hat ihn mehrmals im Jahr auf Kreta besucht. Jetzt ist sie zu ihm gezogen. Helena freut sich schon ihre Urlaube bei den Beiden zu verbringen.
Als sie mit dem Bilder fertig war, machte sie eine kurze Kaffeepause. Sie schaute sich die Bücherregale an. Es hat sich inzwischen ganze Menge aufgesammelt. Viele Regale zweireihig belegt.
Also, an die Arbeit. Sie griff gleich ganz oben und zog einen dicken Buch aus der ersten Reihe, die sich gelockert hat und so ergoß sich eine Bücherkaskade ihr entgegen, wie ein gesprengter Felsen in dem Steinbruch. Sie ist noch geistesanwesend zur Seite gesprungen und schaute etwas irritiert auf das Bücherchaos. Abseits auf dem Teppich lag ein einziges, etwas schon vergilbtes Blatt, nicht zu groß, eher in DIN A5. Sie hob es auf und erkannte die Schrift ihrer Mutter. Ganz säuberlich, regelmässig, fast kalligraphisch.
Halblaut lies sie die Zeilen:
„Wir gingen voller Erwartungen der aufgehenden Sonne entgegen. Die Straßen waren menschenleer und lagen ruhig im klaren Morgenlicht dieser frühen Stunde. In den Vorgärten glitzerten die Tropfen des nächtlichen Regens und aus den Bäumen und Büschen klang das erste Gezwitscher der Meisen und die hellen Gesänge der Amsel. Es schien ein schöner Tag zu werden“.
Sie las die Zeilen immer wieder und wieder und fand den Text sehr eindrucksvoll. Vor dem Augen hatte sie das Bild, das so gefühlvoll beschrieben war. Die ersten Sonnenstrahlen spürte sie wärmend auf ihrer Haut. Diese ruhende, noch verschlafene Natur, funkelnde Regentropfen auf den samtigen Blättern und das Gezwitscher der Vögel empfand sie als hervorragende Kulisse für eine Morgensymphonie. Die Menschen voller Hoffnung und Erwartungen harmonierten mit der ganzen Natur.
Karola