Bahnsteig 1 und mittellos
Von
tarena
14.07.2019, 17:53
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tarena
14.07.2019, 17:53
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Da stand ich nun auf Bahnsteig 1 auf dem Freiburger Bahnhof, gerade umgestiegen von Gleis 4 auf 1. Mit dem Koffer in der Hand auf dem Weg nach Hause stutzte ich einen Moment. Moment mal! Oh Schreck! Meine Tasche war weg. Jetzt völlig ohne Identität. Nur ich wusste noch, wer ich war und wie ich heisse. Ohne Ausweis, ohne Handy und ohne einen Cent in der Tasche, die Tasche, die nicht mehr vorhanden war. Ich hatte sie in der Eile beim Umsteigen im Zug liegen gelassen, denn die Umsteigezeit war zu kurz bemessen.
Nach einer kurzen Weile schon fuhr der ICE auf Gleis 1 ein und bald wieder weiter. Futsch, ohne mich, denn auch mein Fahrschein war weg, in der Tasche. Und ab jetzt ungültig. Einen neuen erhielt ich kostenlos nicht, wie mir die Auskunft mitteilte, nicht sehr freundlich.
Zum ersten mal in meinem Leben landete ich als total Mittellose bei der Bahnhofsmission. Da waren die Damen sehr nett und boten mir als erstes einen Kaffee an, den ich ablehnte. Es waren derzeit 37 Grad im Schatten. Meine Zunge klebte fest, ich konnte nicht mehr sprechen, sondern nur noch hustend und stotternd vortragen, was mir passiert ist. Der Schreck hatte mir die Sprache genommen. „ Nein..h.h. bitte. .h.h. Ein .h h. Ein .. Glas Wa a sser,“hustete ich. Nach ein paar Schlucken kam meine Sprache wieder.
Ich stammelte von meinem Verlust, meinem Befinden. „Was soll ich nur tun? Ich komme heute nicht mehr nach hause und nirgendwo mehr hin ohne Geld zum Übernachten. Aber ich habe einen Bruder in Freiburg, den ich vor ein paar Tagen noch besuchte, danach war ich bei einer Freundin in der Nähe. Mein Bruder will aber morgen in den Urlaub fahren, wenn er nicht schon weg ist. Was nun?“ “ Nun, dann rufen wir oder Sie ihn doch sofort an.“ Und sie reichte mir den Hörer. „Aber ich habe seine Telefonnummer nicht, die ist im Handy,“ jammerte ich. „Dann schauen wir gleich im Telefonbuch nach,“ entschied die hilfsbereite Dame. Wir schauten vergeblich, denn da stand er doch tatsächlich nicht drin. Jetzt wurde es bunt und es ging rund, denn nun schaltete sich auch die Bahnhofauskunft wieder ein, diesmal eingedenk der verqueren Lage deutlich freundlicher. Es wurde hin und her telefoniert mit Bahnstationen und ich wurde hin und hergeschickt zwischen Bahnauskunft und Bahnhofmission. Die Ermittlungen liefen parallel, nebenher und durcheinander.
Ich stornierte bei meiner Bank zuhause mein Konto und nannte vor Aufregung meine Telefonnummer.“ Dies Konto existiert nicht,“ kam als Antwort. Bis mir dann die richtige Nummer wieder einfiel. Meine Wangen glühten wie Feuerbälle und der Schweiß durchnässte meine Kleidung, tropfte mir von der Stirn.
Dann endlich kam ein Anruf von meinem Bruder bei der Mission, beziehungsweise von der Schwägerin, er war gerade nicht zuhause und mit Reisevorbereitungen beschäftigt, dass meine Verwandten über meine Tochter von meiner Situation am Bahnhof erfahren hatten und mich in etwa einer halben Stunde dort abholen wollen. Von der Bahnauskunft wiederum bekam die für mich erlösende Nachricht, dass meine Tasche bei der Polizei in Waldkirch im Schwarzwald abgegeben wurde. Über 30 km entfernt. Ausgerechnet meine Tochter wollte ich aber aus diesem Fall heraushalten.Und nun lief alles über sie. Die Polizei hatte in meinen Unterlagen der abgegeben Tasche ihre Telefonnummer entdeckt und angerufen. Sie wusste auch nicht die Telefonnummer meines Bruders und rief in der Verwandtschaft herum, um sie zu bekommen.
Gott sei dank, das klappte.
Nach einer dreiviertel Stunde hatten sich Bruder und Schwägerin durch die Freiburger rushour gequält und mich Heimat - und mittellose Schwester aufgenommen und gleich nach Waldkirch zur Polizei gefahren, wo uns eine reizende Polizistin empfing, einige Angaben zum Tascheninhalt überprüfte und nach Ausfüllen etlicher Formulare mir die Tasche aushändigte. Sie übergab mir auch die Adresse der ehrlichen Finderin. Ich nahm mit ihr Kontakt auf, um mich mit einem entsprechenden Finderlohn bei ihr zu bedanken.
Als Erholung fuhr mein Bruder über einen großen Umweg über den Kandel im Schwarzwald nach hause. Ich lud sie oberhalb der Baumzone mit einem herrlichen Talblick bis zu den Vogesen zu einer kleine Vesper ein. Zuhause dann in F. klang der stressige Tag gemütlich aus bei französischem Käse und Kaiserstühler Wein. Ein südlich milder schöner Abend!
Mein Bruder druckte mir eine neue Fahrkarte aus, meine Schwägerin bot mir ihr Bett an. Nach einem ergiebigen Frühstück schickten die hilfsbereiten Verwandten mich auf die Heimreise.
Am übernächsten Tag ging ihre Urlaubsreise in die Provence los, hoffentlich ohne Pannen mit Auto und Gepäck.
Sie brauchen aber nicht umsteigen wie ich.