Auszug aus dem Buch „Der verschenkte Sieg“
Von ehemaliges Mitglied Samstag 23.09.2023, 12:54
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von Bernard Moitessier
Wir sind noch weit entfernt und befinden uns auf einer bereits viel südlicher Breite als Kap Leuwin. Es wäre der richtige Zeitpunkt, über den 40. Breitengrad hinaus nach Süden zu laufen.
Der Wind lässt weiter nach, bisher ganz einschlägt. Völlige Flaute. Die Vögel sind jetzt sehr zahlreich; alle haben sich rings um das Schiff niedergelassen, die Krähen ziemlich nah, fast zutraulich, die Albatros und mein Malmamocks stolz und achtlos in größerer Entfernung.
Ich nahm an, meine Vögel fänden nicht viel zu futtern, wenn sie fortführen, in der Luft zu kreisen. So ziehen Sie es wohl vor, ihre Kräfte für bessere Zeiten zu schonen. Mehrere Krähen schlafen im vollen Sonnenschein, den Kopf unter die Flügel gesteckt. Das hatte ich noch nie beobachtet und schließe daraus, dass die Flautenperiode ziemlich lange anhalten wird. Die Vögel scheinen jedenfalls zu wissen, dass es längere Zeit drin stehen bleiben wird.
Flaute ... Flaute ... Die Krähen sind noch näher gerückt als gestern. Ich werfe ihnen große Stücke Biskuits zu. Ohne Eile kommen sie, um sie zu beäugen, ohne aber offenbar Gefallen daran zu finden. Im Gegensatz dazu lösen sich Schnipsel der getrockneten Dora eine einige Unterhaltungen aus. Sie kosten und würdigen die Bisse und beginnen dann, sich darum zu streiten.
Langsam nähern sie sich. Ich spüre meinen Kiou Kiou bei jedem Bissen, den ich ihnen zu werfen. Meine Stimme erschreckt sie nicht. Sie erkennen bald diese Losung, kommen noch mehr heran, und ich filme sie aus nächster Nähe, wenn sie den Kopf ins Wasser stecken oder ganz unter der Oberfläche verschwinden, um ein Stück getrockneten Fisches zu ergattern. Einige Malmamocks nehmen ebenfalls an dem Festschmaus teil, aber viel weniger begierig als die Krähen, bestimmt nicht so vertrauensselig.
Flaute ... Flaute ... Bei Sonnenaufgang schwimmen wohl mehr als 60 Krähen ringsherum im Wasser. Die ganze Zeit, während ich meinen Kochtopf auf Deck vom Porridge säubere, zeigen sie keinerlei Reaktion. Hören aber auf, sich die Flügel zu putzen, heben den Kopf und nähern sich, sobald sie mich das Losungswort rufen hören.
Die Dorade ist gestern zu Ende gegangen. Heute biete ich den Vögeln mit meiner Empfehlung Käse an, den sie mit Abstand der trockenen Dorade vorziehen. Mit viel Geduld erreiche ich es schließlich, dass mir eine der Krähen aus der Hand frisst. Sie entschloss sich kurz vor Sonnenuntergang dazu, und zwar mit einer außerordentlichen Sanftheit, ohne alle Eile, und fast ohne Angst zu zeigen. Sie streckte langsam ihren Hals aus, nimmt den weißen Bissen aus meinen Fingern, tunkt ihn ins Wasser, wie um ihn ein wenig aufzuweichen und schluckt ihn, ohne mich anzusehen. Dann schüttelt sie sich und streckt den Schnabel nach dem nächsten Stück aus.
Die anderen sind im Halbkreis versammelt, fast zum Greifen nahe, aber sie haben keinen Mut. Auch ihnen werfe ich einige Käsestücke zu, um die sie sich lärmend streiten. Meine Krähe wartet ab, um aus meiner Hand zu fressen. Einige Minutenlang möchte ich wohl diese Krähe sein, einfach um ihre Freude über ein solches Wunder kennenzulernen. Vielleicht ist es die gleiche, die ganz einfache Freude, die ich selbst erlebe.
Ich stehe früh auf, um den Sonnenaufgang, in der noch immer andauernden, Windstille zu erwarten. Sobald die Krähen mich erspähen, kommen die intelligentesten von ihnen (jedenfalls halte ich sie dafür) auf Armeslänge heran und steckten alle den Kopf ins Wasser, wohl um zu sehen, ob ich ihnen Käse hineingeworfen habe! Auf meinen Anruf nähert sich die ganze Gruppe, und als ich ihnen den in kleine Stücke geschnittenen Käse zu werfen, beginnt das Fest der anderen Tage von neuem.
Die Krähe, die ich gestern fütterte, schwimmt mit ausgestrecktem Schnabel zur Bordwand. Die anderen schreien, während diese, da sich tatsächlich durch modulierte Laute Ausdruck verleiht. Laute, die sich von dem Geschrei der anderen Bande deutlich unterscheiden. Vielleicht macht sie mir Vorwürfe, weil ich auch den anderen zu fressen geben … auf jeden Fall weiß sie sich auszudrücken.
Nach Größe und Aussehen zu urteilen glaube ich, dass es sich bei ihr um das älteste Mitglied der Bande handelt. Sie weigert sich zu tauchen, auch nicht bis unter die Oberfläche. Die anderen tauchen mehr als 4 m tief, um eine Käseschachtel zu erwischen, die mir fast noch voll aus der Hand geglitten ist. Wenn sie sich quer ab befinden, zeigen sie mir, wie sie unter Wasser fliegen, wirklich fliegen, indem sie die mit den Flügeln wricken.
Ich weiß nicht mehr genau, seit wann diese Windstille währt. Zerstreut höre ich die australischen Wetterberichte. Aber es genügt schon, sich das immer noch hoch stehende Barometer anzuschauen, um zu wissen, was der Sprecher sagen wird: Hoch, schönes Wetter, schwach windig und windstill. Ich habe es nicht eilig. Ich hoffe nur, dass ich es in meinem Leben niemals eilig haben werde.
Es gibt Vogeldreck, der sogar meine Beaulieu nicht verschont, begleitet von einem richtigen Krawall, einem Getümmel wie beim Rugby.
Ich habe nur noch 19 Filmrollen. Ich belichte noch eine und Filme aus nächster Nähe. Ich habe niemals so entfesselte, aber gleichzeitig auch so zutraulicher Vögel gesehen. Dazu haben diese Krähen Sportsgeist; gegenseitig greifen sie sich niemals hinterrücks an; der lebhafteste siegt, und wenn er gewonnen hat, lässt man ihnen Ruhe, und das ist gut so. Aber in anderen Gewässern bringen die Fregattvögel, zum Beispiel, die Möwen und die törichten Bassans so weit, dass sie den von ihnen zuvor gefangenen Fisch wieder ausspeien. Dann bemächtigen sie sich der Beute, um sich nunmehr untereinander zum Erbrechen zu bringen. So habe ich einen Fisch in vier verschiedene Mägen gehen sehen, bevor er den endgültigen fand. Hier hingegen macht keiner dem anderen das Leben schwer.
Meine Krähe kommt zurück, um aus meiner Hand zu fressen. Ich erkenne sie jetzt an winzigen Einzelheiten ihres Benehmens, an ihre Art, um den Käse zu bitten, indem sie ihren Kopf leicht nach links wendet, an ihrer Gewohnheit, den Käse ins Wasser zu tunken, bevor sie ihn verschlingt und wie sie sich hinterher schüttelt. Und stets diese kleinen, modulierten Schreie, die ich geschlossenen Auges wiedererkennen würde. Was mich ein wenig überrascht, ist der Umstand, dass die anderen sich noch immer nicht heranwagen. Diese Krähe ist bestimmt ein geachteter Chef! Sie weigert sich auch weiterhin zu tauchen und überlässt dieses Geschäft dem lärmenden geistesverwandten Gesindel.
Windstelle … Windstelle ... Es fehlt nicht viel an 100 Krähen, die sich in den ersten Morgenstunden um Josua versammelt haben. Mein Käsevorrat hat zwar den Ansturm vertragen, aber als ich die Proviantlast durchsuche, entdecke ich einen dicken Topf aus Kunststoff, voll von Butter. Meine Frau hat ihn selbst zurechtgemacht, indem sie frische Butter unter Zusatz von Salz schmelzen ließ. Ich sagte mir im Stillen, die Butter ist gewiss ranzig geworden, ich werde den Krähen davon abgeben, vielleicht mögen sie ja ranzige Butter. (In Wirklichkeit hat sich diese Butter ausgezeichnet gehalten).
Die Krähen lieben den Käse über alles, aber ich hatte nicht erwartet, dass sie so verrückt nach der Butter sein würden. Einmal stürzen sich zwei Krähen zugleich auf ein großes Stück. Die linke verschlingt es in einem Bissen, anstatt der anderen ein Stückchen zu lassen. Diese rempelt sie mit einer solchen Heftigkeit und mit einem solchen Zorn an, dass die erste Krähe sich auf dem Rücken liegend wiederfindet und aus Schrecken und Wut schreiend, mit den Flügeln das Wasser peitscht.
Die Angreiferin setzt sich auf ihren Bauch, um jede Flucht zu verhindern. Rücksichtslos profitiert sie von dem offen stehenden Schnabel und steckt fast ihren ganzen Kopf in den Schlund, um sich einen Teil der Butter zu holen. Die Malamocks und Albatrosse bleiben noch ein wenig abseits. Trotzdem beginnen sie sich Fragen zu stellen, ohne aber vorläufig zu wagen näher zu kommen.
Windstelle ... Windstelle ... Wie lange schon?