Allein mit Natur
Von ehemaliges Mitglied Dienstag 13.03.2018, 22:28 – geändert 18.03.2018, 00:33
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Es herrschte schon den ganzen Tag eine gewisse Unruhe. Nicht nur in mir. Auch die Natur verhielt sich anders. Diese Schwüle, fast unerträglich. Von Osten sah man schon die heranziehenden, zuerst einzelnen, dann ganz fetten, immer dichteren und tiefer hängenden dunklen Wolken. Ich hatte Gefühl, die Wolken kommunizieren miteinander und vorbereiten eine Massendemonstration, ein Aufstand, eine Revolution im Äther.
Das war echt beängstigend. Der Himmel verdunkelte sich im Nu. Die untergehende Sonne hob die goldene Farbe des erntereifen Weizenfeldes vor. Das Kontrast zwischen Himmel und Erde war gewaltig. Diese Disharmonie erinnerte mich an den biblischen Geschichten. Soll das eine Hiobsbotschaft der Natur sein? Das sah sehr bedrohlich aus. Dieses kontrastreiche Schauspiel der Natur jagte mir Schrecken ein. Ein beklemmendes Gefühl verbreitete sich in meinen Magen. Mein Inneres zog sich zusammen, wie von einer Schlinge verschnürt. Ich hielt die Luft an.
Plötzlich, brausend und wirbelnd, einer galoppierenden Kavallerie gleich, kam der Wind aus wechselnden Richtungen. Der Weizen bog sich mal mit fliessender Bewegung, mal ganz durcheinander zusammen verknotet in einer festen, hilfesuchenden Umklammerung. Mal tief, mal hoch, dann „schraubenziehend“ total zerzaust. Wie eine Symphonieorchester mit unsichtbaren Dirigenten. Eine tragische Arie.
Das Weizengold sprühte in allen Richtungen, dass mir die Augen schmerzten. Ich blinkte und suchte mir schnell eine sichere, schützende Stelle. Die ganze Natur wurde in atemlose Spannung versetzt.
Die schwarzen Krähen oben, die Boten des Unheils, kämpften noch mit den Strömungen des aufbrausenden Luftozean. Ich hatte Gefühl, die drehten ihre Runden ganz entspannt, ja, die freuten sich sogar.
Die einzelnen knorrigen Bäume am Feldweg wirkten weise und bedächtig. Die haben es nicht nötig sich aufzuregen. Schließlich haben sie in ihrem langen Leben genügend Stürme überlebt.
Viel Zeit zum Nachdenken hatte ich nicht. Da kamen schon die dicken Regentropfen. Gewichtig und kalt. Dann ein richtiger Regenschauer. Brrr...meine Haare total durchnässt. Die unheimliche Zick-Zack-Blitze schon ganz nah. Nein, unmöglich, das werde ich nicht überleben. Mit der trockenen Handinnenfläche wischte ich immer wieder und wieder durch die Augen und versuchte etwas zu erspähen. Eine Hand tätschelte meinen rechten Oberarm, ganz weich und warm.
„O Gott, das wars? Bin ich schon im Himmel?“ - dachte ich noch.
Dann hörte ich auch den „Gott“ sprechen:
„Hanna, aufstehen, es ist schon spät. Du wirst noch den Schulbus verpassen. Oder soll ich dich noch einmal mit dem kalten Wasser bespritzen?“
Ich machte meine Augen auf und schaute in die hellblauen, gütigen Augen meiner Mutter.
Die ganze Anspannung fiel von mir ab. Das erste Mal in meinem Leben war ich froh und dankbar geweckt zu werden.
Ich sprang aus dem Bett und schmiss mich um Mutters Hals.
„Tut mir leid mein Schatz, du hast so tief geschlafen und irgendwie unruhig. Ich wußte mir nicht anders zu helfen und habe das Handtuch im kalten Wasser getaucht und über deinem Gesicht ausgewrungen.“
„Danke Mama, ich bin so froh“ - rief ich vergnügt und lief direkt ins Badezimmer. Meine Mutter schüttelte nur ihren Kopf und stand mit verdrehten Augen noch am meinen Bett, als hätte sie einen Geist begegnet. Sie konnte nicht verstehen, warum ich ohne zu murren, ausnahmeweise, fast dankbar für ihre Intervention so eben, so fröhlich war. Aber ich...
Ich war so erleichtert, dass ich diesem Traum ausgeträumt habe.
Karola