Ahoi, mein alter Freund
Von ehemaliges Mitglied Dienstag 08.08.2023, 16:30 – geändert Dienstag 08.08.2023, 19:25
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Es war sehr früh morgens. Draußen noch halbdunkel. Die Kirchenuhr schlug gerade sechs. Er hat dies gar nicht wahrgenommen. Warum auch? Es ist doch, wie gestern, vorgestern, wie es auch morgen und übermorgen wird. Mit halbgeschlossenen Augen und kantigen Armbewegungen rückt er die Stühle und Tische zurecht. Dann mit dem Lappen über die Tischplatte einmal wischen, wieder drei Schritte nach rechts, eine Halbdrehung nach links und die ganze Prozedur wiederholen, bis die eine gewisse Ordnung annimmt. Jeder Schritt, jede Bewegung genau einkalkuliert und jahrelang ausgeübt. Keine Abweichung von der alten Reihenordnung. Keine unnötige Kraft Vergeudung. Wie in Trance, die Bewegungen steif, automatisch. Kein Mensch, ein Roboter, eine menschliche Maschine. Jeder Tag gleich den anderen, ohne Abwechslung. Dieses monotone Leben ist nur das pure Existieren. Atmen, essen und schuften. Was Anderes kennt er nicht. So hat er sich sein Leben nicht vorgestellt.
Alle seine Träume sind dahin zerronnen. Vergessen, ja aufgegeben! Seine Sehnsüchte nach der großen Welt, fremden Ländern, anderen Sitten und Sprachen blieben für ihn unerfüllt.
Diese Hafenkneipe sollte sein Sprungbrett in die weite Welt sein. Hier hat er geschuftet und für seine Zukunft gespart. Von dem alten Jo, dem Wirt, hat er auch Schifferklavier gelernt und die freigiebigen Matrosen mit ihren leicht bekleideten Begleiterinnen unterhalten.
Dann wurde der Alte immer kränklicher. Statt einen Arzt aufzusuchen, trank er immer mehr, um seine Schmerzen zu betäuben. Die Oberschenkelwunde, die er sich im letzten Herbst beim Zwetschgen Pflücken zugezogen hat, heilte nicht so richtig. Näßte und eiterte. Der Oberschenkel würde immer dicker und die Schmerzen unerträglicher. Zum Schluss bekam das Bein die Farbe der gepflückten Pflaumen und schwoll noch mehr an. Die letzten Wochen konnte er nicht mal ein paar Schritte in seiner kleinen Stube humpeln und wirkte mit jeden Tag gebrechlicher. Eines Tages blieb er im Bett liegen und zur späten Abendstunde schloss er einfach seine müden Augen, für immer.
Er war nicht dabei. Musste doch den Kneipenbetrieb halten und sich um die Gäste kümmern. Er selbst hat auch nicht geahnt, dass der Jo es wirklich ernst meinte, als er von der Überfahrt zum anderen Ufer sprach und ihm seinen ganzen Besitz überschrieb. Die Küchenhilfe Mathilde wurde auch in das dunkle, muffige Zimmer beordert und durfte ihre krakelige Unterschrift auf das glänzende, von einem befreundeten Notar vorbereitete, noch nach dem frischen Druck riechende Dokument setzen. Eine traurige und doch irgendwie feierliche Stimmung herrschte in der Stube. Mathilde bekreuzigte sich drei Mal, bevor sie unterschrieb, dann wischte sie sich heimlich die geröteten Augen und schnäuzte geräuschvoll in ein kunstvoll gehäkeltes Taschentuch. Die Beerdigung sollte er, der Erbe, nach Matrosenart, als stille Seebestattung, ohne Trauergäste, ausrichten. Das war‘s.
Als schon längst nach Mitternacht die Feierlaune die letzten Gäste verlies, und auch sie sehnten sich nach der Bettruhe, ging er nach Jo zu schauen. Auch beim gedämpften Licht war nicht schwer zu erkennen, dass sein Freund und Ziehvater nicht mehr unter den Lebenden weilte. So wie er gelebt hat, so ist er auch gestorben - leise und einsam.
Vorsichtig setzte er sich auf die Bettkante und liebevoll betrachtete die gütigen, entspannten Gesichtszüge des Alten. Er spürte seine eigene Müdigkeit, auch die Last, jetzt ohne Jo sein Leben zu meistern. Fast beneidete er seinen alten Freund um diese sorglose Ruhe. Den leiblichen Vater, vielleicht zum Glück, kannte er nicht. Die Mutter hat nicht gerne über ihn gesprochen. Es hieß, noch bevor er geboren war, hat sich sein leiblicher Vater „abgesetzt“.
Die Mutter musste hart arbeiten, um sich und das Kind zu versorgen. Er kann sich erinnern, dass sie ständig müde war und fast im Stehen geschlafen hat. Sie arbeitete als Tänzerin, die ganzen Nächte. Nach einer Gute-Nacht-Geschichte machte sie sich fertig zur Arbeit. Manchmal wurde sie von Tante Cora abgeholt. Die war auch eine schöne Frau und roch immer sehr gut. Aber seine Mutter war noch schöner, wenigstens in seiner Erinnerung.
Die Kirchturmglocke riss ihn in die Realität zurück. Er stand auf, zögerte noch ein wenig, dann griff er die steife Hand seines Gönners, küsste ihn auf die kalte Stirn und mit erstickter Stimme flüsterte er ihm ins Ohr:
„Ahoi, mein alter Freund.“
Er zitterte und bebte an ganzem Körper. Erst, als er sein Schifferklavier in den Händen festhielt und mit voller Kraft sein erstgelerntes Lied einstimmte, kam er zu sich. Mit diesem Lied begann ihre Freundschaft, mit diesem Lied endete sie. Er weiss, er wird seinen Ziehvater sehr vermissen.