Adventskalender 1972
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Feierabend-Mitglied
Freitag 01.12.2023, 17:36
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Ich war seit 1 Jahr geschieden und wohnte mit zwei kleinen Mädchen, 3 und 6 Jahre bei meiner Mutter bis zu ihrem Tod. Wir zogen danach in eine winzig kleine Zweizimmerwohnung und das Geld von einer Halbtagsstelle reichte hinten und vorne nicht. Weihnachten kam immer näher. Mein geschiedener Mann hatte eine Dienstwohnung und zahlte keinen Unterhalt. Ich wagte nicht, gegen ihn gerichtlich vorzugehen, denn damals wurde man noch schuldig geschieden, wenn man den Partner verlassen hat. Die Gefahr, die Kinder zu verlieren war mir unvorstellbar und so kämpfte ich mich allein durch.
Nun stellte sich die Frage nach einem Adventskalender. Es gab die ersten mit Schokolade hinter den Türchen, aber das war für zwei Kinder finanziell nicht drin.
So bastelte ich, wenn die Kinder schliefen, einen Geschichtenkalender. Das hieß, 24 Papierollen herzustellen und eine fortlaufende Geschichte darauf zu schreiben bis zum Höhepunkt am Heiligen Abend. Jede Rolle beklebte ich mit Nummern und goldenen Sternchen, befestigte sie an einem roten Band, und so wurde täglich eine davon abgeschitten und abends im Bett vorgelesen. Es entwickelte sich ein geheimnisvolles Ritual, das die ganze Adventszeit bestimmte, denn die Spannung in der Geschichte steigerte sich mit jedem Tag bis zum Heiligen Abend.
Was aus der Not geboren war wurde zum totalen Erfolg. Die Große in der Schule und die Kleine im Kindergarten erzählten, sie hätten den schönsten Adventskalender der Welt. Manchmal kamen Freunde über Nacht zu Besuch und ich musste die Geschichte immer von Anfang an vorlesen. Dann gab es dazu selbstgebackene Plätzchen und warmen Kakao.
Ein Jahr später bekam ich die ersten Aufträge von Müttern aus der Schule und vom Kindergarten, weil die Kinder so etwas auch haben wollten.
Ich bekam meine erste kleine Nebentätigkeit und es war finanziell ein Segen.
Später setzte ich diese Tradition fort, denn sie wollten nie einen gekauften Kalender und jedes Jahr musste ich mir etwas Neues ausdenken. Ich knackte Walnüsse, vergoldete sie und legte kleine Zettel hinein. Da stand z.B. drauf: Du bekommst heute eine wunderbare Massage oder Mama kocht heute dein Lieblingsessen oder du darfst dir heute einen Blumenstrauß für dein Zimmer aussuchen usw. Der Phantasie waren keine Grenzen gesetzt. Jedes Jahr kamen neue Ideen dazu.
Meine Kinder wurden älter und so überraschten sie mich mit einem selbst gebastelten Kalender. Es war ein Hula Hup Reifen, an dem 24 Päckchen hingen mit kleinen Kosmetikproben, Sternen, selbst gezogenen Kerzen. Er hing mit rotem Band an der Deckenlampe und ich durfte jeden Tag etwas abschneiden. Ihre Liebe und Fürsorge machten mich sehr glücklich.
Später bastelte ich für die Enkelkinder solche Adventskalender, sie erzählen noch heute davon und meine Töchter auch. Aus der Not entwickelte sich meine Kreativität…..