Abschied und Trost
Von ehemaliges Mitglied Montag 26.06.2023, 08:47 – geändert Montag 26.06.2023, 09:22
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Jörg steht am Grab seines Freundes. Schaut in das Erdloch und auf den Sarg. Viele, unzählige kleine, rote und weiße Rosen bedecken sein Holz. Ein letzter vergänglicher Schmuck. Die anderen Trauergäste sind lange schon gegangen. Er kann sich noch nicht lösen, kann es immer noch nicht fassen.
Bilder tauchen wieder und wieder in ihm auf. Bilder aus der Kindheit. Sie hatten gemeinsam die Schule besucht, waren im Sommer durch die Gärten gelaufen, um Äpfel zu klauen. Die schmeckten nämlich am besten. Waren zusammen tanzen gegangen und kannten beide die Familien, ja waren Teil der Freundesfamilie geworden. Und später war der Kontakt geblieben. Sie hatten einander die eigenen Kinder begrüßt, sich miteinander gefreut und auch über so manches gestritten. Hatten sich immer von ihren Problemen erzählt und gemeinsam Lösungen gesucht oder sich getröstet. Waren halt Freunde, in guten und in schlechten Zeiten. Ja, besonders in schlechten Zeiten, da waren sie immer füreinander da gewesen.
Nun lag er dort unten, der Freund und Jörg muss Abschied nehmen. Hier und jetzt….
Tränen laufen über sein Gesicht. Er bemerkt sie nicht mehr. Hat so viele schon geweint um seinen Freund, um die Freundschaft, die so nie mehr sein konnte. Er war fort, der Freund, und das so plötzlich. Wo mag das sein, was ihn ausmachte und das wir Menschen Seele nennen? Jörg glaubt nicht, dass mit dem Tod alles vorbei ist. Irgendetwas von uns lebt weiter, da ist er sich sicher. Ein Mensch ist so viel, dass kann nicht alles weg sein, nur weil der Körper alt ist oder krank. Er schaut hoch zum Himmel, suchend sein Blick.
Natürlich weiß er, dass die Seelen nicht dort oben zwischen den Wolken schweben. Oder…???? Aber wenn der kranke Körper dort unten liegt, in dem schweren Holzsarg, dann ist des Freundes Seele jetzt leicht, sie kann jetzt überall sein. Gedankenvoll schweift sein Blick immer noch zu den Wolken, bis er sie hört.
Eine Amsel sitzt zwischen den kleinen Blumen auf dem Sargdeckel, zwitschert und fliegt mit einer der kleinen Rosen im Schnabel nach oben. Jörg folgt ihr mit seinem Blick und als sie über ihm ist, fällt die Rose aus ihrem Schnabel, direkt vor seine Füße. Als wäre sie eine Botschaft, ein letztes Lächeln des Freundes.
Jörg hat ein Gefühl, als stehe er genau jetzt neben ihm. Ein tröstliches Gefühl breitet sich in ihm aus und er hebt die Rose auf.
„Danke, lieber Freund. Ich sage nicht Tschüss sondern bis dann einmal, wir sehen uns…“, flüstert er leise und verlässt mit der Rose in der Hand den Friedhof.
Text Mali25
Foto: pixabay