Kontaktic
Von
tastifix
Samstag 06.04.2019, 11:12
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tastifix
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Heidrun hätte die Wände hochgehen können.
„Weshalb denn ich?“
Doch es änderte an den bestehenden Fakten gar nichts. Seit Wochen meckerte sie schon so vor sich hin und gereizt auch ihre fünf Teenager an.
„Mensch Mama!“
Heidrun hatte nachgerechnet. Seit etwa zehn langen Monaten war sie jetzt schon allein. Mit ihrem Mann verband sie nur noch eine WG. Sie hielten eine gut funktionierende Kameradschaft, die den Kindern sehr zugute kam. Beide kümmerten sich liebevoll um den Nachwuchs.
Sämtliche Freundinnen hatten ihren Partner und höchstens mal Zeit für ein längeres Telefonat, wenn es darum ging, Probleme durchzusprechen. Nein, sie würde jetzt nachhelfen. Doch wie und wo könnte sie ihn kennenlernen, den Mann ihrer Träume? Anscheinend errieten ihre Töchter, was ihr fehlte und entschlossen sich, ihr zu helfen. Davon ahnte ihre Mutter allerdings nichts und wunderte sich, wie fürsorglich sich der Nachwuchs seit ein paar Tagen um sie kümmerte.
„Sonst oft solche Meckerziegen! Und jetzt so anders …“, dachte Heidrun gerührt.
Und dann kam der Tag, an dem die fünf Teenger ihre Mutter vor den Computer schleppten und sie auf ein bestimmtes Kontaktprogramm aufmerksam machten.
„Mama, das ist seriös und ´ne tolle Möglichkeit, Leute kennenzulernen!“
Heidrun hatte große Bedenken, aber die Fünf ließen nicht locker, bis sie sich dort einschrieb, ehrlich ihre Lebensumstände schilderte und erst recht ihre Vorstellung von einem möglichen Partner.
„Bin ich jetzt eventuell nur praktisches Freiwild? Oder werde ich tatsächlich Menschen vorfinden, die gleich mir in komplizierten Verhältnissen leben? - Ich stell mich einfach auf alle Eventualitäten ein, dann kann mich nichts mehr erschüttern!“
Noch war sie dieser Überzeugung, aber es sollte sich beweisen, dass Kontaktic einige Überrschungen bereit hielt.
AlsErstes musste sie einsehen, dass mindestens die Hälfte der Männer wohl einen Knall hatte, allerdings nicht die nötige Einsicht dafür besaß oder auch nicht besitzen wollte, zu erkennen, wie skrupellos sie vorging. Jene konfrontierten sie mit dreisten Anfragen, was ihr Sexleben anging, machten detaillierte Vorschläge.
„Bei denen piepts!“
Andere sahen sie wohl als gutbestückte Spardose:
„Können Sie mir wohl 5000 Euro leihen?“
Ihre Antwort darauf:
„Hier gibt’s garantiert genügend wohlhabende Frauen, die so blöd sind, auf eine solche Unverschämtheit einzugehen. Picken Sie sich eine von denen heraus!“
Im Leben gibt es bekanntlich nichts, was es nicht gibt. Eines Morgens schaute sie in ihrer Besucherliste auf das Foto eines recht attraktiven Mannes, den Arm zärtlich um einen süßen Zottelschäferhund gelegt. Rechts und links daneben stand jeweils eine Gans.
„Der ist genauso tierlieb wie ich!“, rührte es sie.
Versonnen betrachtete sie das Foto genauer, auch die Gänse. Blitzartig erkannte sie, dass die gar nicht echt, sondern Dekogänse waren, die sich jener Charmeur in dem Glauben geschnappt hatte, mit möglichst vielen Tieren gemeinsam auf einem Bild Frauen sofort betören zu können. Grinsend ließ sie sich auf eine Unterhaltung ein und erfuhr, dass er ehemaliger Turniertänzer war und seine Schäferhündin Senta hieß. Doch dann gings los:
„Dein knabenhafter Körper ...“
„Nee, wo hat er den denn gesehen?“
Soweit sie sich erinnerte, war auf ihrem Foto nur ihr Kopf zu sehen.
„ … wirkt auf mich sehr reizvoll! - Wie wäre es, wenn wir uns intensivst kennenlernten?“
Heidruns Ohren fingen an zu flattern. Solch eine ´nette` Frage hatten die noch nie im Leben vernommen. Doch:
„Ich hab ein Büro in München und eines in Essen!“
Was er beruflich machte, behielt der Kerl selbstverständlich für sich.
„Am Mittwoch bin ich in Bonn. Dort könnten wir uns treffen!“
(Zwecks intensivsten Kennenlernens!)
Heidrun schnappte vernehmlich nach Luft. Aber es fand noch immer kein Ende:
„Leider muss ich am Freitag aber schon wieder weg!!“
Ihr kippte die Kinnlade runter und es war ein Wunder, dass sie nicht noch vom Stuhl fiel. Dann jedoch wurde sie brutal:
„Dieses Schwein gehört ins Irrenhaus!“
Zum Glück bot Kontaktic zum Schutz seiner Mitglieder eine ebensolche Einrichtung in Form einer schwarzen Liste an. Die stellte solchen Exemplaren äußerst hilfsbereit und mitleidig ein neues Zuhause zur Verfügung. Dessen Komfort erschien Heidrun als durchaus angemessen. Denn, eng wie in einer Sardinenbüchse zusammengepfercht, durften sie dort den Rest ihres virtuellen Lebens fristen. Gedanken darum, ob sie vor Langeweile umkommen würden, erübrigten sich. Heidrun schenkte ihnen per Mausklick am laufenden Band neue Gesprächspartner. Extreme Tuchfühlung wurde dabei garantiert, damit deren Bedürfnis nach Körperkontakt auch zufriedengestellt war.
So vergingen die Wochen. Inzwischen kannte sich Heidrun in der Kontaktic-Welt bestens aus. Sie genoss viele nette Unterhaltungen, ab und zu auch einen kleinen Flirt. Doch da zog sie sicherheitshalber extrem enge Grenzen. Noch eine Gänse-Schäferhund-Episode wollte sie wirklich nicht riskieren.
Dennoch erwies sich Kontaktic als ein seriöses Programm.
Und dennoch fand Heidrun hier ihr Glück. Kurz vor Weihnachten, Anfang Dezember.