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Unentschieden (23.07.23)

Von Merlynn 23.07.2023, 19:35 – geändert Montag 24.07.2023, 01:24

Das Mädchen, das nicht wählen wollte

Es war einmal ein Mädchen mit durchschnittlichen Merkmalen. Es war nicht dumm und auch nicht klug, es war nicht dick und auch nicht dünn, es war weder hässlich noch eine Schönheit. Und ähnlich war es um ihre Fähigkeiten bestellt. Es konnte ein wenig Flöte spielen, doch nicht virtuos, es konnte sich schriftlich strukturiert ausdrücken, aber es war kein Schriftsteller. Und so war es mit allem anderen auch.

Man könnte sagen, ihre Besonderheit war ihre konsequente Durchschnittlichkeit, aber es gab eine Ausnahme: Wenn sie nur zwei Sachen zur Auswahl hatte, weigerte sie sich, sich für eine davon zu entscheiden. Dann sagte sie stets: „Es muss aber noch mehr Optionen geben!“

In der Welt unserer Vielfalt war das kein Problem. Sie konnte sich mühelos ein neues Paar Schuhe auswählen oder ein neues Shampoo kaufen. Oder im Café einen Eisbecher aussuchen. Es gab ja immer viele zur Auswahl.

Zum ersten Mal bekam sie ein ernsthaftes Problem, als sie schwanger wurde. Das Mädchen fragte sich selbst: „Will ich das Kind oder nicht?“ Aber in Ermangelung einer dritten Möglichkeit konnte sie sich nicht entscheiden. Also entschied die Zeit für sie. Als es fast zu spät war, ging das Mädchen mit ihrem Zwiespalt zum Frauenarzt und bat ihn, eine Fehlgeburt zu provozieren. Der Arzt versprach ihr nichts, aber er vollzog ein paar schmerzhafte Handgriffe.
Das Baby wollte aber leben und seine klare Entscheidung brachte es zur Welt.

Daraufhin wollte der Vater des Kindes mit dem Mädchen zusammenziehen, wie Familien das eben so tun. Aber das Mädchen wollte nicht, denn er hatte das Kind erst nicht gewollt. „Willst du dich trennen?“ fragte der Mann. „Nein!“ sagte das Mädchen. Und so lebten sie eine Weile lang zusammen, aber auch nicht zusammen.

Als das Mädchen eine Berufsausbildung abgeschlossen hatte, stand die Entscheidung an, ob sie in dem Beruf arbeiten wollte oder nicht. „Weder noch,“ sagte das Mädchen und machte eine weitere Ausbildung. Man dachte, sie verschiebt ihre Entscheidung nur. Aber als sie zwei Berufe hatte und wieder vor der Entscheidung stand, wählte sie keinen von beiden. Für eine dritte Ausbildung fühlte sich das Mädchen zu alt oder es schien ihr zu egoistisch angesichts ihrer Mutterschaft und so arbeitete sie als ungelernte Kraft.
Und sie arbeitete natürlich, ihrer Art gemäß, nicht ganztags sondern halbtags.
Das hätte sie nicht tun müssen, das Kind war gut untergebracht im Kindergarten, aber sie wollte es so. „Zeit ist wichtiger als Geld!“ sagte das Mädchen und besuchte mit ihrem Kind alle Spielplätze der Umgebung. Und später spielte sie mit ihm alle Spiele, die es verstehen konnte.

Obwohl das Mädchen „viel Zeit“ gewählt hatte, flog das Leben schnell, zu schnell vorbei. Das Kind war schon längst aus dem Haus, doch das Mädchen hatte diese besondere Eigenart noch immer nicht abgelegt. Wenn sie wählen ging, regte sie sich darüber auf, dass sie kein Kreuz für „keine Partei“ machen konnte. Jedenfalls wäre ihre Wahl dann ungültig gewesen.

Das Mädchen beobachtete die anderen Menschen genau und wunderte sich sehr, dass es niemandem schwer zu fallen schien zwischen zwei Möglichkeiten zu wählen. Sie verglich dieses „Ja oder Nein“ mit Computern, die genauso funktionierten und sie blieb dabei, dass das menschliche Gehirn anders sein müsse.

Dann lernte sie eines Tages das System einer Geistesschulung kennen. Genauer gesagt, lief es jetzt zum 3. Mal an ihrem Blickwinkel vorbei. „Ah!“ dachte sie zu guter Letzt, „Endlich erkennt jemand, dass der menschliche Geist mehr ist als eine KI!“ Doch als sie sich in das System vertiefte, kam sie darin wieder zu dem Punkt, der sie schon ihr Leben lang verfolgte: Das System forderte den Leser auf, eine Entscheidung zu treffen, entweder für Gott oder für die Welt. Und das Mädchen las weiter die Begründung dafür: Wenn man sich nicht für Gott entschied, würde man in dem Bereich zwischen den Leben wieder so ein Leben wählen. Immer wieder so ein Leben.

Das Mädchen schüttelte ungläubig den Kopf! Sie wollte auf keinen Fall immer wieder so ein Leben durchlaufen, sie hatte ja so viel Verbesserungsideen für die Welt. 'Ich wünsche mir eine Welt, wo alle fliegen können, sich verwandeln können, heilen können, eben zaubern können.' Wieso konnte sie nicht in so eine andere Welt kommen?

Das System der Geistesschulung behauptete, dass diese Welt genau so sei, wie wir sie gemacht haben. Klar, das konnte das Mädchen auch erkennen: Menschen waren gierig, egoistisch, machthungrig, expansiv, und jetzt gerade wollten sie weiterhin mehr, obwohl sie weniger wollen sollten, aus Rücksicht auf die Mitwelt und auf die Nachwelt. Im Großen und Ganzen stimmte das.

Aber viele waren auch nicht so und das Mädchen selbst war auch nicht gierig. Es war bescheiden und dankbar, wenn es nur ohne Schmerzen war. Verdienten solche Menschen nicht einen Neuanfang in einer friedlicheren Welt? Musste Gott einen mit so einem miesen „entweder oder“ konfrontieren? Das Mädchen rebellierte innerlich und fühlte nichts als Trotz.

Dann ging es zu einem Lehrer des Systems der Geistesschulung und legte ihm sein Problem dar. Der Lehrer hörte sich das geduldig an und sagte dann:
„Das, was dich aufregt, passiert ja nicht wirklich. Gott träumt diese Welt der Abspaltung nur mit uns. Wenn wir aufwachen, werden wir erkennen, dass alle Möglichkeiten bereits da sind. Wir müssen das nicht erst erträumen. In der Einheit mit Gott aufgewacht, schöpfen wir aus dem Vollen. Denn außer der Einheit kann nichts real sein.“

Das Mädchen ging nach Hause. Es stellte sich vor, wie es sterben würde. Und wie es an Verlockungen der Welt vorbei zu gehen hatte. Das Mädchen ging vorbei an seinen Berufen, den gelernten und ungelernten. Es ging vorbei an seinen Männern, den geliebten und den ungeliebten. Es ging vorbei an seiner vielen Zeit, an der genutzten und der ungenutzten.
Schließlich kam das Mädchen zu ihrem Kind und das zeigte ihr stolz eine große Legoburg und strahlte: „Schau mal, Mami! Die habe ich ganz allein gebaut!“
Und noch während das Mädchen dachte 'Das träumst du nur!' ging sie auch schon zu ihrem Kind, nahm es auf ihre Arme und drückte ihm den Kuss des Vergessens auf die duftende Stirn. „Das hast du ganz toll gemacht,“ sagte das Mädchen. „Ich bin so stolz auf dich!“

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