Super-Blue-Moon
Von
CeeBee
Mittwoch 30.08.2023, 18:15 – geändert Mittwoch 30.08.2023, 20:19
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CeeBee
Mittwoch 30.08.2023, 18:15 – geändert Mittwoch 30.08.2023, 20:19
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Pardon, aber diese Wiederholung muss jetzt sein ... aufgrund der Aktualität
Mich fühlend wie ein Untoter, und mittlerweile auch bestimmt im Aussehen einem solchen sehr ähnlich, marschiere ich rastlos, wie ein wildes Tier schnaubend, im Bett auf und ab, lege mich nach unzähligen Runden mit schweren Beinen wieder nieder, ziehe die Bettdecke hinauf bis zum Haarschopf, zähle rasch bis zweitausend und litaniere anschließend mit jedem Atemzug flehentlich: "Ich schlafe ... ich schlafe ... ich schlafe ..."
Aber nein, ich schlafe ja nicht und beginne wieder auf der Matratze schlurfenden Schrittes hin und her zu stapfen, bis ich höre wie die Nachbarn ihre Garagentore öffnen und ihre Autos starten, um in der Frühe ausgeschlafen, mit schwarzem Kaffee auf Touren gebracht und in unbändigem Tatendrang zur Arbeit zu fahren. Es regt sich der Morgen, bis dass der Mond, der die Nacht taghell erleuchtete, irgendwo mitten im aufkommenden Sonnenlicht klammheimlich verschwunden ist.
Und ich mache, zermürbt und elend, immer noch keine Anstalten, in den Schlaf zu fallen. Vielleicht einmal dann, wenn die Sonne dieses Tages hoch am Himmel stehen wird.
"Warum, lieber Gott, geschieht mir solches?"
"Weil du das dritte Auge besitzt, mein Sohn", klingt es unwirklich ruhig und sanft von ganz weit her, "welches ich deinen Altvorderen gab, damit sie in mondhellen Nächten nicht in Wehrlosigkeit dem Schlaf anheim fielen. Des Tigers aufblitzender Reißzahn war des Nachts, wenn der Mond seine gleißende Scheibe zeigte, von den Wächtern schon von Weitem durchs Unterholz auszumachen. Das Leben deiner Ahnen, welches sie in den gefährlich ausgeleuchteten Vollmondnächten wachsam zu verteidigen wussten, ist nun auch dein Leben."
"Aber hier, zwischen dem Norden und dem Süden Ostwestfalens hat der Tiger sein räuberisch wildes Leben doch schon längst aufgegeben und sich vor Zeiten weit nach Ostasien zurückgezogen. Wir Menschen zwischen Paderborn und Bielefeld schlafen auch nicht mehr in ungeschützten Laubnestern unter freiem Himmel oder in Höhlen ohne verschließbare Türen. Sieh doch her, mich umgeben sechs solide Wände aus festem Stein. Momentan laufe ich auf einem richtigen Bettgestell umher, das einen Lattenrost hat, eine Hochleistungsmatratze, Laken und Plumeaus. Alles ist eingerichtet für den guten Schlaf ... ", will ich einwenden aber mehr als den schlichten Gedanken allein bringe ich nicht zuwege. Eine Diskussion mit Gott, jetzt, in meinem entnervten Zustand, wäre völlig sinnlos.
Natürlich freue ich mich, dass mein Ur-, Ur-, Ur-, Ur-, Ur-, Ur-, Ur-, Ur-, Ur-, Ur- ... also mein ewiger Opa und seine Sippe den Tiger überlebten, sich vermehrten, ihre Gene unters Volk streuten und somit auch mich, zigtausende von Jahren später, entstehen ließen. Aber diese Mondsichtigkeit aus Urzeiten hätte sich doch schon längst verlieren können zwischen all den unzähligen Zyklen von Geburt und Tod. Der Sinn dieses Hallo-Wach-Gens, das bei Vollmond durch die Ausschüttung entsprechender Botenstoffe die Wach- und Schlafphasen völlig auf den Kopf stellt, scheint mir aus heutiger Sicht gänzlich überholt.
Aber was soll ich machen, als Sklave der eigenen Erbanlagen?
Nun gut, man sucht eben anhand diverser Methoden verzweifelt nach Ansätzen von Schlaf, insbesondere während jener Phasen, in denen es für Mondsichtige aufgrund der körpereigenen Blutbeimengungen von A-olinen, B-aminen, C-oxinen und D-elphinen eigentlich gar nichts zu schlafen gibt.
Und schließe ich nach dem Zubettgehen mit festem Willen mutig die Augen, galoppieren sie auch schon heran: die Lämmer, die Schäfchen, die Hammel, die Ziegen, mitunter auch das Rotwild und was sonst noch gerade in der Nähe und ein Paarhufer ist. Wenngleich und Gott sei es gedankt bis zu diesem Moment, haben weitere Vertreter der Spalthufer wie Schweine, Kamele, Giraffen und Nilpferde mich bisher noch nicht aufs Korn genommen.
Die Zahl der niedlichen Helferlein, die mir nun in Vollmondnächten, manchmal zu zehnt, zu hunderten oder in noch größeren Pulks gleichzeitig in hohen, weiten Sätzen über mein Bettchen hinweg stürmen, erreicht von Mal zu Mal immer größere Dimensionen. Ich spüre, dass ich mir im Laufe der Zeit mit dieser Einschlafmethode eine völlig neue, faszinierende Erlebniswelt entwickelt habe. In jeder Hallo-Wach-Nacht versuche ich, anstatt mich über Eselsbrücken dem Schlaf zu nähern, das Zählergebnis von vorangegangenen Massengaloppaden deutlich zu übertreffen. Und mit der Freude und dem Jubel anlässlich eines jeden neuen spektakulären Rekordes verschwende ich keinerlei Gedanken mehr an meine Nachtruhe.
Die Neugier darauf, wie groß die Trampelherde letztendlich tatsächlich noch werden kann, und ob denn nicht doch einmal ein Nilpferd dabei ist, welches in massiver, tonnenschwerer Grazie über mich hinweg segelt, richtet den Blick mit großer Erwartung bereits auf die kommende Nacht.
Die Scheibe des Mondes, dieses Mal in seltener Darbietung als Super-Blue-Moon, wird dicht über dem Horizont ihre Bahn ziehen und uns glauben machen, er, der Prächtige, sei nicht weiter als eine Armlänge von uns entfernt.
Genau das wird heut spät zur Schlafenszeit eine besondere Unruhe in mich treiben und die wilden Herden aufbrechen lassen.
Bereits ein spürbares Vibrieren unter meinen Fußsohlen erweckt in mir die Hoffnung auf den Sturm der Dickhäuter, die bald schwerelos in Scharen über meine Schlafstatt streichen werden, um mich in purer Begeisterung bis hin zum langen Morgen weit fern von jedem Schlaf zu halten.
Ich freu mich drauf!