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Sisyphos im Wald

Von Reineke1794 Samstag 07.11.2020, 19:11

Es war ein schöner Herbsttag. Die Sonne schien, die Temperaturen sehr angenehm und so hatte ich mich entschieden, eine kleine Radtour zu unternehmen. Entlang der Havel fuhr ich durchs Brandenburgische. Gegenüber der Havel, die hier sehr breit ist, konnte man deutlich Häuser erkennen, die zwischen Bäumen stehend, zu Berlin-Heiligensee gehören. Etwa in der Mitte des Flusses war bis vor mehr als 30 Jahren die Grenze verlaufen, die Berlin-West von der DDR trennte. Nun machte der schöne Radweg – früher als Verbindungsweg für die Fahrzeuge der Grenztruppen entlang der Demarkationslinie genutzt – einen Schlenker und führte durch einen Wald, der bis an die Havel reichte. Der Radweg, nach dem Fall der Mauer sicherlich erst vor einigen Jahren frisch geteert, jetzt Mauerweg genannt, zog sich auf eine Anhöhe hinauf, um dann nach dem höchsten Punkt wieder sanft abzufallen. Etwas kräftger musste ich in die Pedale treten, um nicht absteigen zu müssen. Ausschließlich Kiefern schienen in dem Waldstück zu stehen. So konnte es nicht verwundern, dass auf diesem gepflegten Mauerweg viele von den braunen Kiefernadeln lagen, die von den Bäumen gefallen waren. Wenn man nicht genau hinsah, konnte man den Eindruck gewinnen, ein brauner Teppich sei auf dem Radweg ausgelegt.

Und dann sah ich ihn. Er musste schon einige Jahre im Ruhestand sein. Auffallend gut gekleidet war er, hatte schlohweißes Haar, war groß gewachsen, trug eine randlose Brille, wie ich beim Vorüberfahren sehen konnte. Der Mann machte einen sehr gepflegten Eindruck. Einen Besen hatte er in den Händen, mit dem er die Kiefernadeln vom Weg fegte. Er blickte nur kurz auf, als ich an ihm vorüber fuhr, schien sehr von seiner Tätigkeit gefangen, so dass er meinen Gruß gar nicht wahr nahm. Etwa 10 bis 12 Meter des Radweges hatte er bereits von Nadeln befreit. „Mein Gott“, fuhr es mir durch den Sinn. „Was für einer Tätigkeit mag er früher nachgegangen sein? Seinem Erscheinungsbild nach zu urteilen, könnte er durchaus in einer Bank gearbeitet haben, könnte er Filialleiter gewesen sein. Einen Betrieb kann er geleitet haben, vielleicht eine Firma besessen, die er an eines seiner Kinder weitergegeben hat, als die Kräfte nachgelassen hatten. Ein Lehrer kann er gewesen sein oder etwa der Revisor einer Gesellschaft? Ob er bei einer Wohnungsbaugesellschaft tätig war? War er gar Architekt? Rechtsanwalt? - warum nicht,“ dachte ich, „auch das kann er gewesen sein oder hat er als Arzt es geschafft, für viele Menschen eine Vertrauensperson geworden zu sein?“

Längst hatte ich den Höhepunkt des Anstieges hinter mir gelassen, rollte ich im Freilauf den sanft abfallen Hang im Wald hinunter, doch ließ mich das Bild des Mannes nicht los, der da im Wald Kiefernadeln vom Weg fegte. Was mochte ihm widerfahren sein? Hatte er einen Schlaganfall überlebt, der dann irreparable Schäden im Gehirn zurückgelassen hatte? War es die Alzheimer-Krankheit, die ihn schon früh oder etwas später nach dem Eintritt in den Ruhestand zunehmend aus der realen Welt gedrängt hat? Mag er an Altersdemenz leiden, einen Unfall mit Schädigungen des Gehirns erlitten haben, der für seinen merkwürdigen Auftritt im Wald verantwortlich sein könnte? Ob seine Angehörigen, seine Familie, wenn er denn überhaupt noch eine hat, es wissen, wo er sich aufhält? Werden sie ahnen, wiederum vorausgesetzt, es sie gibt sie, was er so treibt an diesem Nachmittag?

Eben hatte ich das Wäldchen verlassen. Vor mir tauchte eine Wachturm auf, ein Relikt aus der Zeit, als Deutsche sich vor Deutschen meinten schützen zu müssen mit Mauern, Stacheldraht, Grenzzäunen, Stolperdrähten, Signalzäunen, Grenzhunden, Selbstschussanlagen, Bunkern und Grenztruppen. „Welch Irrsinn, den die Zeit glücklicherweise hat teilweise vergessen lassen“, denke ich. Und welche Verrücktheiten hat die Welt augenblicklich zu bieten? Kriege, die weit mehr als 60 Millionen Menschen zu Flüchtlingen machen, Hungersnöte, Klimaveränderungen, weitgehend vom Menschen verursacht, neue Krankheiten, die durch Leichtsinn und Unvernunft ausgelöst und dann verbreitet werden, Rassismus und und und.

Ach ja, am Abend dieses Septembertages hörte ich im Radio, dass es zwischen Armenien und Aserbaidschan zu Gefechten wegen Berg-Karabach gekommen sei. Die Türkei sei auf Seiten Aserbaidschans und Russland vertrete eher die Interessen Armeniens, hieß es. Allerdings, so war zu erfahren, hat Russland mit Armenien ein Beistandsabkommen geschlossen, liefert gleichzeitig aber auch Waffen an Aserbaidschan.
Und da passierte es. - Ganz plötzlich, für mich selbst überraschend - musste ich an den alten Mann im Wald denken, wie er da mit seinem Besen die Kiefernadeln akribisch vom Weg fegte, sah ich in meiner Erinnerung, wie bereits die neuen Nadeln hinter ihm herunterrieselten und die ersten Sprenkler auf dem eben erst frisch gefegten Weg sichtbar machten. Warum mir der Mann mit dem Besen in den Sinn kam? Zunächst war ich natürlich ein wenig verwundert, doch dann sah ich den Zusammenhang, diese Absurdität, dieses Unfassbare, diese Verrücktheit.

Mittlerweile ist die Strecke an der Havel zu meiner Hausstrecke geworden, denn landschaftlich ist sie wunderschön, ist nicht so frequentiert und bietet sich in ihrem Rundkurs mit etwa 40 km Länge für Trainingsfahrten an, wenn es mal wieder an Bewegung mangelt. „Meinem Sisyphos“ bin ich auch nie wieder begegnet. Spuren hat er keine hinterlassen, denn längst liegt wieder überall auf den Wegen im Wald, dort an der Havel, ein brauner Teppich aus Kiefernadeln. Nein, Spuren gibt es keine von ihm, doch beeindruckt hat er mich mit seiner Tätigkeit auf seine Weise. So oft und so lange ich an jener Stelle vorbeikomme, muss ich an ihn denken, einen völlig Unbekannten.

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