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Selbstüberwindung

Von tastifix Montag 03.09.2018, 21:41

Schweiß stand ihm auf der Stirn und nässte seine Hände. Das Herz klopfte ihm bis zum Hals und die zitternden Beine hatte er kaum noch unter Kontrolle. Schleppend setzte er einen Fuß vor den anderen.
„Ich will, nein, ich muss durchhalten!“
Er gedachte der Ratschläge seiner Therapeutin:
„Es ist alles nur Einbildung, die sich aber so tief in Ihre Seele gebohrt hat, so dass es in Ihrer Vorstellung für Sie zur einzig wahren Realität geworden ist. Dagegen müssen Sie angehen!“
„Sagt sich so leicht!“, stöhnte er.
Gesenkten Blickes schlurfte er durch die einher hastende Menschenmenge in der Haupteinkaufsstraße. Den ihm begegnenden Passanten in die Augen zu schauen, wagte er nicht.
„In ihnen würde ich Spott und Verachtung lesen!“
Er erinnerte sich seiner Jugend und der ausgestandenen psychischen Qual daheim.
„Du bist hässlich, kannst nichts, bist ein Niemand - einfach wertlos!“
Dies hatte sein Vater ihm jahrelang Tag für Tag vorgehalten. Aber es war nicht allein bei jenen die Seele zerstörenden Worten geblieben, sondern der elterliche Hass machte sich von Zeit zu Zeit in brutalen Schlägen Luft. Der Sohn besaß zwar eine gewisse innere Stärke, jedoch kam diese gegen den andauernden Psychoterror nicht an. Er drohte daran zu zerbrechen.

Zum Glück erfuhr er als junger Erwachsener im Beruf viel Anerkennung, erkannte die Schwere des Vergehens, das ihm angetan worden war und sein Überlebens- und Lebenswille begann sich gegen die niederdrückenden Minderwertigkeitskomplexe zu wehren.
„Wie konnte er nur ...!!? Ich bin Wer, ich bin tüchtig!“
Wieder brauchte es mehrere Jahre, bis er sich schließlich auf Anraten guter Freunde dazu durchgerungen hatte, psychologische Hilfe in Anspruch zu nehmen:
„Es war eine einzige gemeine Lüge. Ich will davon endlich frei werden!“
So fand er zu seiner jetzigen Therapeutin. Nach vielen langen Gesprächen fasste er Mut, sich auf diesen Test, diesen Spaziergang quer durch die Innenstadt inmitten des Menschengewimmels einzulassen.
Die Hälfte der Strecke hatte er gebeugten Rückens bereits hinter sich, als er wie aus Versehen denn doch einmal den Blick hob und jemanden ansah. Jener Fremde erwiderte seinen Blick mit einem netten Lächeln. Da war kein Hohn und keinerlei Geringschätzung, sondern dessen Mimik zeugte von freundlicher Beachtung. Er konnte es noch kaum fassen, dass ihm auch Leute, die er gar nicht kannte, eine achtungsvolle Zuwendung zuteil werden ließen. Und doch löste es den seelischen Knoten, der ihn sein bisheriges Leben gefangen gehalten hatte. Zunächst noch unbewusst, dann jedoch willentlich schaute er den Menschen in die Augen, deren Reaktion stets die gleiche war. Der Felsen der Marterung, der Unterdrückung fiel von seinem Herzen. Aufrechten Ganges und mit zunehmend leichterem Schritt legte er die letzten Meter bis zum Hause seiner Therapeutin zurück. Sie empfing ihn lächelnd mit den Worten:
„ Sie brauchen mir nichts zu erklären. Ich sehe es Ihnen an. Sie haben es geschafft!!“




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