Scheibenkleister
Von
tastifix
Dienstag 04.09.2018, 18:56
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tastifix
Dienstag 04.09.2018, 18:56
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Scheibenkleister!!
Meine Zwillinge sind knapp drei Jahre alt, als das passiert, was mir unauslöschlich im Gedächtnis bleiben soll.
Die beiden Älteren, fast acht und fünf Jahre alt, haben ja die für Eltern recht strapaziöse Kleinkindzeit fast schon hinter sich und benehmen sich seit ein paar Wochen etwas gesitteter. Die Kleineren dagegen stecken so richtig in der ersten Eltern-intensiv-Testphase. Was dürfen sie ihnen zumuten, wie lange halten deren Nerven stand? Wie es am besten zu prüfen ist, darüber sind sich die Schwestern sehr schnell einig. Katja, die ruhigere, übernimmt das Aufpassen, ob auch kein Elternteil in der Nähe ist ... und die viel lebhaftere Tina agiert. Leider ist deren Fantasie gleichfalls extrem lebhaft, worunter ich dann immer wieder zu leiden haben. An Ideen mangelt es ihr nie.
Dieser Mittwoch soll noch ein extrem dramatischer Tag werden. Kleinkinderhosen verwandeln sich in Dreckfetzen, die dann sogar ohne des kindlichen Inhaltes frei im Raum zu stehen vermögen.
„Reif für die Waschmaschine!"
Weil ich vier Kinder habe, halten mich dementsprechend viele derart wahrlich entzückend gestylten Jeans den halben Tag in der Waschküche fest. Wie so oft findet Tina meine Arbeit in meinem Lieblingsraum Nr.2 (Nr.1 ist die Küche!) weitaus interessanter als das Spiel mit der Schwester. An der Tür lehnend, beobachtet sie aufmerksam, was ich mache, wofür ich vollstes Verständnis habe, denn es gibt ja wahrlich kaum etwas Spannenderes. Meine Kleine lächelt anerkennend. Es verrät deutlich große Bewunderung für die fleißige Hausfrau, aber - sie schweigt sich dabei aus. Allein dies müsste mich misstrauisch machen. Sonst quasselt sie nämlich wie meine Älteste unentwegt und unterbricht die zweifellos überaus wichtigen verbalen Ergüsse nur kurz zum Luftholen. Demnach ist das an der Tür stehende Schweigen mehr als verdächtig. Weil ich aber bis zu den Knien in Schmutzwäsche steht und wahrlich glückstrahlend in der herumwühle - mir fallen fast die Arme ab - denke ich nicht weiter darüber nach. Ein gravierender Fehler!
Selbst an solchen Tagen lasse ich von Zeit zu Zeit die Waschküche schweren Herzens im Stich und wende mich anderen verlockenden Haushaltspflichten zu, auch in der Jugendetage. Zwei ganze Etagen Abstand. Jahaah, zwei Etagen zuviel!
Eine gute Stunde bin ich außer Sichtweite, was Tina bestens nutzt. Sie hat sich ja alles genau gemerkt. Also schnappt sie sich jenes eigenartige weiße Zeug, das oben rein gekippt wird, damit hinterher die Wäsche weiß wieder raus kommt. Die Maschine steht zur Arbeitserleichterung auf einem Podest und so befindet sich das Einfüllfach für das Waschmittel zu hoch für die Kleine. Aber sie bleibt hartnäckig. Was nicht zu hoch ist, ist die Trommel. Tina greift sich einen Becher Waschmittel aus dem Karton und beginnt einzufüllen. Anders, als sie es wohl erhofft hat, klappt es nicht so richtig. Auf Zehenspitzen bemüht sie sich leicht hin- und her schwankend ums Gleichgewicht. Dummerweise verteilt sich das weiße Zeug deshalb nicht ausschließlich in der Trommel, sondern es rieselt ein beträchtlicher Teil davon auf den Boden. Weil dermaßen viel daneben geht, muss entsprechend viel ersetzt werden. So schüttet die Kleine kräftig nach. Nach und nach bedeckt das Waschmittel alles und füllt sämtliche Fugen des Fliesenbodens bis in die hintersten Ecken. Es erwächst die reine Schneelandschaft. Die Waschmaschine ist in einen Iglumantel gehüllt und der Boden blitzt als Arktislandschaft bis hin zum Wände-Horizont. Die Wäschekörbe sind der Schönheit wegen aus Flechtwerk. In dessen Ritzen setzt sich immer mehr des weißen Zeugs, bis die Körbe unter ihrem Waschpulvermantel kaum mehr zu erkennen sind … Meine Kleine zieht zufrieden von dannen.
Nach einer guten Stunde sehne ich mich nach der Waschküche und spurte in den Keller. Die Tür steht halb offen und ich pralle zurück. Ach du meine Güte, das darf doch nicht wahr sein!! Mir wird nicht schwarz, sondern weiß vor Augen. Entkräftet lehne ich mich gegen die Tür, vor der mir die Kleine vor gut sechzig Minuten Gesellschaft geleistet hat. Der Schock sitzt tief, mein Gesicht wird ebenfalls kalkweiß. Tränen des Frustes steigen mir in die Augen. Aber dann gebe ich mir energisch einen Ruck, sortiere die wackelnden Beine und kehre dem Ort des urplötzlichen Wintereinbruches den Rücken. Erst, als ich mich am Treppengeländer Stufe für Stufe nach oben gekämpft habe, kann ich wieder besonnen überlegen. Mein erster Gedanke gilt der munteren Zwillingstochter. Schnell verdränge ich die frevlerische Idee, die kleine Kröte ein Donnerwetter hören zu lassen. Nein, sie ist ja noch so winzig. Sie hat ja gar keine Ahnung gehabt, was sie anrichtet. Es ist keinesfalls ihre Schuld, dass sie meine kreative Ader geerbt hat.
Dies bremst meinen ansonsten ungebremsten Zorn, während ich in Richtung des Kinderzimmers marschiere. Nur dort in der sicheren Burg wird sie sich jetzt aufhalten. Im restlichen Haus herrscht nämlich Stille.
´Bleib gelassen!`
Ich trete ein. Es bietet sich mir ein allzu rührendes Bild. Mittendrin hockt ein todunglückliches Etwas auf dem Boden, mit den kleinen Händen krampfhaft die Seiten eines Bilderbuches umklammernd, den Blick starr auf die bunten Abbildungen heftend. Ein einziges Häuflein schlechten Gewissens. Der Kleinen sind wohl inzwischen arge Bedenken gekommen, ob ich mich wirklich so sehr freuen würde.
„Tinchen, warst du das in der Waschküche??"
Ich kann es nicht verhindern, ein wenig beleidigt klingt es denn doch. Sie blickt verunsichert hoch, reagiert aber blitzschnell. Diesen Gesichtsausdruck ihrer Mama kennt sie! Sicherheitshalber brüllt sie wie auf Kommando los, lässt routiniert Tränen kullern, seufzt und schnieft wie ein Weltmeister. Gleichfalls wie auf Kommando verraucht mein Zorn und ich werde weich wie Butter in der Sonne. Zärtlich nehme ich sie in den Arm und putze ihr erst mal gründlich die Nase.
„Weißt du eigentlich, wie viel Arbeit Mama jetzt hat, bis das wieder weg ist?"
Offensichtlich bereut die Kleine mittlerweile aus tiefster Kinderseele. Nach abschließendem zweimaligen "Schniieef" stammelt sie:
„Mama, wollte pelfen, alles sauba machen!"
„Ich weiß ja, Kleines. Aber versprich mir, dass du so etwas nie wieder machst, jaa?“
Sie nickt heftig.
Es hat den ganzen Nachmittag gekostet, den Winter davon zu überzeugen, dass er in meiner Waschküche so absolut nichts zu suchen hat.