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Rechtschreibreform für Schildbürger (4)

Von tastifix Montag 07.08.2023, 08:11 – geändert Mittwoch 09.08.2023, 05:13

Um ihr Versagen zu vertuschen, entwickelten die Bürger von Schilda folgende Strategie: Ja, so versteckten sich die Fehler, so wirkte alles ganz besonders gescheit. Sie machten kurzen, ääh, eher langen Prozess und reihten die fantasievollen Buchstabenfolgen nach Gutdünken aneinander. Die wirklichen Nachrichten teilten sie sich im persönlichen Gespräch mit. Das öffentliche Leben geriet außer Kontrolle. Ein wichtiger Bereich der Kommunikation schien endgültig verloren zu sein.

Bevor das Chaos aber die Stadt Schilda zum Untergang brächte, ergriff ein letztes Mal der Noch-Schultheiss das Wort und sicherte so seinen Ruf als einem doch recht klugen Mann.
„Meine lieben Mitbürger! Es ist schlimm beobachten zu müssen, dass diese Rechtschreibreform dabei ist, unsere Klugheit zunichte zu machen. Den letzten Brief entdeckte ich vor zwei Wochen auf meinem Schreibtisch. Zu meiner Schande muss ich zugeben, dass ich ihn nicht lesen konnte. Vielleicht schaffen wir es ja gemeinsam, wenn ich ihn Euch jetzt zeige.

´Iechhasediiieeesennnnnnnnäuereäechteschreiibbungkausstihfssteemhearzzenuntwünsschemiiiiiiiiiiiiirrnicchtsssennliccccherzürrrüüückkkkkalsdasßdiealteschrrrriieft!!`

Wenn sie dies enträtseln würden, wäre ihr Ruf als immens kluge Leute wieder hergestellt. Hoffnungsfroh eilten sie an ihre zwischenzeitlich fast gehassten Schreibtische, trennten die Buchstaben jenes Schr11eibgeheimnisses von einander, schufen neue Kombinationen, bildeten Wörter, glichen sie der alten Rechtschreibung an und durften sich stolz sagen, ihr altes Wissen nicht verloren zu haben. Aus den Wörtern formulierten sie einen der Sätze, wie sie sie gekannt hatten, bevor die Reform alles durcheinander gewirbelt hatte.

´Ich hasse diese neue Rechtschreibung aus tiefstem Herzen und wünsche mir nichts sehnlicher zurück als die alte Schrift!!`

Nun blieb nur noch zu klären, wer noch den Mut besessen hatte, den Versuch einer schriftlichen Mitteilung zu starten. Doch da waren sie sich fix einig: Es war garantiert der Schulmeister gewesen! Darum wählten sie ihn zum neuen Schultheiss von Schilda. Seine erste Amtshandlung bestand darin, die neuen Regeln ins Kämmerchen der Erinnerung zu verbannen und die althergebrachte Schreibweise wieder einzuführen.
Von einem Tag auf den nächsten konnte er sich vor Briefen kaum retten. Schilda stand wieder in dem Ruf, überaus kluge Bürger zu haben.

Ihr Pfarrer hatte sich übrigens aus der Diskussion gänzlich heraus gehalten, weil es ihm als zu unwichtig erschien. Derweil hatte er lieber mit seinem obersten Chef über die Bibel diskutiert und war also wohl der Klügste von allen gewesen.

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