Rechtschreibreform für Schildbürger (3)
Von
tastifix
Samstag 05.08.2023, 14:15 – geändert Montag 07.08.2023, 07:55
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tastifix
Samstag 05.08.2023, 14:15 – geändert Montag 07.08.2023, 07:55
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Doch noch war nicht alles ausgestanden. Auf einem Plakat wurde angekündigt, dass die Wahl eines neuen Schultheiß anstand. Allerdings schon im Stil der neuen Rechtschreibregeln: Dass dabei das verdoppelte ´S`nicht weggefallen war, schrieb der Noch-Schultheiß der Beliebtheit seiner Person zu. Welch eine Ehre! Urplötzlich begann er die Rechtschreibreform zu lieben!
Aber die Wolke der Grübelei belastete die Schildbürger erneut. Zum dritten Male herrschte Ratlosigkeit, obwohl doch die Erfahrung sie gelehrt hatte, nicht grundlos als so klug angesehen waren. So beruhigten sie sich mit dem Gedanken, dass sie ja durch die letzten Ereignisse noch klüger geworden waren als ohnehin schon, wie man mit Problemen fertig wurde. Sie entschieden: Derjenige sollte Schultheiß werden, der den bislang unbekannten Begriff ´ nach neuen Regeln richtig schrieb. Es klang so banal, war es aber nicht. Denn es war ein sehr langes Wort.
Viele der Männer versuchten sich daran. Es entstanden die abenteuerlichsten Varianten.
„Reechtschraibreform!", behauptete der Erste.
Der Zweite wollte da nicht nachstehen:
„Rechchtschreibrreform!"
Sah auch nicht schlecht aus, war aber genauso falsch.
„So kommen wir nicht voran! Wir müssen eine andere Möglichkeit suchen, um festzustellen, wer würdig wäre, meinen Platz einzunehmen!", stellte der Schultheiß, jetzt ja Schultheiss mit Doppel-Ss, fest.
Allgemeine Zustimmung.
„Also, besser, wir verschieben die Wahl und beobachten in den nächsten Wochen, wie wir alle mit der Rechtschreibreform klar kommen."
Ja, ja, das wäre die einzig richtige Vorgehensweise. Dann zeigte es sich, wer jenes Amtes würdig war. Dagegen geriet es zur mittleren Katastrophe. Vor Mit immer stärkerem Herzklopfenzermarterten sich die Bürger von Schilda daheim an den Schreibtischen die Köpfe, formulierten verzweifelt ihre Briefe immer wider anders, weil sie total ratlos waren, wie nur all die Wörter jetzt da zu stehen hätten, da doch nun alles unkomplizierter geworden wäre. Die Vereinfachung per Rechtschreibreform wurde zum berühmt-berüchtigten Damokles-Schwert, das als ständige Bedrohung ihres Images in zunehmend gefährlichem Maße über den rauchenden Köpfen schwebte.Wo gehörte ´pp` hin und wo nicht? ´ph` oder etwa nur ´f`? ´Dass` nach dem Komma mit 1xs, 2xs oder eventuell sogar ´sss`? Bei dem Gedanken, etwa doch nicht klug genug dafür zu sein, brach ihnen der Schweiß aus.
Chaos machte sich breit. Keiner wagte mehr, einen Brief zu schreiben. Und, falls doch, fand man einen Krautsalat der alten und neuen Rechtschreibung vor. Außerdem brachte das Briefschreiben gar nichts mehr, denn niemand, auch nicht der angeblich klügste Mann der Stadt konnte das dargebotene Kauderwelsch noch entziffern. Das schwerste aller Kreuzworträtsel war ein Klacks dagegen!
Frustiert mussten die Schildbürger einsehen, dass jegliche schriftliche Kommunikation Gefahr lief, völlig aufgegeben zu werden. Offizielle Briefe muteten an wie Nachrichten von einem anderen Stern. Familien verzweifelten, weil sie die neuesten Klatschgeschichten ihrer Angehörigen nicht mehr enträtseln konnten.
Es blieb nicht bei verdoppelten oder gar fehlenden Buchstaben. Bald verwischten die Wortendungen …