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Rechtschreibreform für Schildbürger (1)

Von tastifix Dienstag 23.08.2022, 18:19

Im Herbst endete auch in Schilda das unbeschwerte Treiben und die Leute konzentrierten sich wieder vermehrt auf gewichtige Themen. Momentan herrschte große Aufregung, Ein Bürger der Stadt kehrte von einer Reise zurück, berichtete und dabei fiel auch ein bis dato unbekannter Begriff.
„So darf es nicht weitergehen!“, berief der Schultheiß eine Bürgerversammlung ein.
Nicht, dass dessentwegen noch Panik ausbrach.
„In unserer Nachbarstadt wird die Konferenz um eine sogenannte Rechtschreibreform stattfinden.“
„Recht..schreib..reform?“
Ahnungslosigkeit quält.
„Weiß jemand, was darunter zu verstehen sein könnte?“
Prompt fürchteten die Bürger Schildas um ihr Image als besonders kluge Leute:
„Ist denn sicher,“ meinte der Bäcker, „dass es nicht ´Vonrechtsschreibreform` heißt?“
Weil er meist nur sehr kleine Brötchen buk, klang es ziemlich zögerlich. Nun, unter ´Vonrechtsschreibreform` wusste er sich vage etwas vorzustellen. Es schwante ihm Arges:
„Muss ich gar sämtliche Brötchennamen umschreiben??“
Alle blickten zum Schultheiß, dem vielleicht klügsten Mann von Schilda. Egal, was er dazu äußerte … Sie würden zustimmen, um nicht für dumm gehalten zu werden.
„Das wohl nicht!“, antwortete der Schultheiß und fuhr verlegen fort: „Fällt Euch eventuell ein sehr ähnliches Wort ein, das er gesagt haben könnte?“
Darauf der Schulmeister:
„Vielleicht ´Schreibrechtsrefom`? Bestimmt wird die Schreiblernpflicht gesetzlich neu verankert.“
Ja, schien wahrscheinlicher zu sein und Alle klatschten, war sich der Schulmeister gebauchpinselt hinter die Ohren schrieb. Leider aber war auch da der Schultheiß anderer Ansicht:
„Oooch!!“
„Ich glaube, dass es sich eben doch um ´Rechtschreibreform` handelt!“
Schulmeister und Bäcker waren enttäuscht. Alle weiteren Überlegungen brachte kein zufriedenstellendes Ergebnis. Verunsichert musterten die Leute ihren Schultheiß. Hatten sie ihn für zu klug gehalten?? Aber sie hatten wichtiges zu bedenken und konzentrierten sich schnell wieder aufs Rätsel um jene Rechtschreibreform. Als wider Erwarten unkluge Bürger einer dann unklugen Stadt wollten sie nicht gelten.

Ausgerechnet der Metzger meldete sich:
„Wie wäre es, wir würden jemanden hin schicken, der uns dann alles erklären kann!“
Eine ungewöhnlich lange Rede für ihn! Froh, dass jemand vielleicht gerade den passenden Einfall hatte, um ihr Image bewahren zu können, applaudierten sie wie toll. Von jeher hätten sie ja geahnt, dass in ihm ein Genie schlummerte.
Jedoch musste jetzt ein Beschluss gefasst werden. Der Leitfaden alles Nachfolgende baumelte zum Greifen nah in der Luft. Um ihn zu nutzen, bedurfte es Zielstrebigkeit, die die Schildbürger dann bewiesen.
„Wer ist für diese Aufgabe weise genug, kann dann alles so erklären,das jeder es versteht?“
Erneut ergriff der Schultheiß das Wort.
„Er muss die Rechtschreibung aus dem Effeff beherrschen. Wer kommt da in Frage?“
Sich selber zu benennen, war er zu bescheiden, zu klug.
„Genau! Der muss das ganze ABC kennen!“. betonte stolz die Marktfrau und hoffte, dass ihr genauso applaudiert werden würde wie dem Metzger zuvor. Doch klatschten nur Wenige. Sich ziemlich ratlos, was er darauf nur antworten sollte, ergänzte der Schultheiß hastig:
„Auch muss er viele Bücher gelesen haben, damit er dort mitreden kann!“
Gegenseitige abschätzende Blicke. Dann der erste Vorschlag:
„Der Müller soll reisen!“, riss ein kleiner Junge den Mund weit auf und nahm ihn damit sehr voll.
„Warum?“, verlangte der Schultheiß eine Begründung.
„Der schreibt immer so tolle Rechnungen. In Schönschrift. Und ´Rechnung` richtig mit nur einem ´g`!“
Alle lachten. Den bisher stillen Erwachsenen war jetzt die Zunge gelöst. Die Vorschläge stürmten nur so auf den armen Schultheiß ein. Eine Frau merkte leise an:
„Warum fährst denn Du selber nicht??“
´Ich? Nur das nicht! Dann ist mein Ruf, klug zu sein, sofort dahin. Hab ja nur zwei Bücher: Das Notizbuch und mein Tagebuch!`
Die standen daheim im Bücherbord und es ließ ihn als gebildet gelten. Um sich nicht etwa zu verraten, entschied er fix:
„Wir schicken den Schulmeister. Der liest pro Tag ein ganzes Buch und steht mit der Rechtschreibung auf du und du.“
Die Anderen nickten erleichtert. Der Schulmeister erklärte sich geschmeichelt einverstanden, freute sich auf Diskussionen mit vielen intelligenten Leuten und reiste ab.
´Stimmt! Wie schulmeisterlich korrekt ich auch die Zeugnisse immer schreibe ... Einfach genial!`

Nun mussten die Bürger Schildas Geduld aufbringen. Eine
Woche später versammelten sie sich erneut auf dem Marktplatz und warteten darauf, was der Schulmeister berichten würde. Aber sehr umständlich veranlagt, holte der gern aus - auch bei detaillierten Reiseberichten.
„Ja, ich kam also dort an ...“
„Aah!“
Einfach klasse! Aber das Wichtigste fehlte ja noch. Gespannt hörten sie weiter zu:
„Es war toll, wie viele interessante Leute dort waren. Einige trugen sogar als Beweis für ihre Klugheit ein schmales Buch unter dem Arm. Meist handelte es sich dabei um das Kursbuch, was ich sehr schnell merkte. ´Fahrplan` stand nämlich vorne drauf.“
„Ja, Du meine Güte!“
Anerkennendes Gemurmel.
„Doch, jetzt sagt endlich: Was ist denn nun diese Rechtschreibreform?“
Offensichtlich versuchten sie selbst noch unausgesprochene Worte von seinen Lippen zu erraten - falls sie die dann überhaupt hätten lesen können.
„Die Rechtschreibreform besagt, dass alles nur als noch richtig gilt, wenn man es schreibt, wie man es spricht!“
„Beispiele!“, drängten die Männer.
„Ja, wir wollen Beispiele!“, unterstützten die Frauen sie.
„Nehmt das Wort ´Phantasie`. Die habt ihr bislang oft bewiesen, anstatt zu schreiben, wie es die Regeln verlangten. In Zukunft dürft Ihr an Phantasie sparen, wenn ihr sie schreibt: ´Fantasie!`
„Das ist genial!“
Ihre Klugheit würden sie nun für Anderes einsetzen. Zum Beispiel dafür, wie viele Brötchen sie beim Bäcker kaufen wollten oder ob und welches Schwein vom Metzger geschlachtet werden sollte.
„Und welchen Vorteil haben wir?“, empörten sich ein paar Zehnjährige.
„Früher hatte der ´Delphin` immer ein ´p`. Jetzt dürft ihr dem ´P` ein ´Pööh` hinterher schreien und Euren Fisch so schreiben: ´Delfin`. Und so gehts jetzt mit vielen Wörtern.“
„Super!“
Selten nur erlebte man die Schildbürger in solch euphorischer
Stimmung. Dennoch war noch nicht alles ausgestanden. Wenige Tage darauf wurde auf dem schwarzen Brett am Haus des Schultheiß - probeweise teilweise nach der neuen Rechtschreibung geschrieben – die Wahl eines neuen Schultheiß angekündigt. Aber dem jetzigen hatten sie nicht sein ´ß` genommen,was dieser freudig dem Ansehen seiner Person zuschrieb. Unwillkürlich begann er die Rechtschreibreform zu mögen ...































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