Peng! Mief!!
Von
tastifix
Donnerstag 05.11.2020, 12:15
Du möchtest die Antworten lesen und mitdiskutieren? Tritt erst der Gruppe bei. Gruppe beitreten
Von
tastifix
Donnerstag 05.11.2020, 12:15
Du möchtest die Antworten lesen und mitdiskutieren? Tritt erst der Gruppe bei. Gruppe beitreten
Ja, schon wieder wird es ein Artikel über die Deutsche Bahn! Es ist leider nicht zu vermeiden. Weil keine Autofahrerin, bin ich oft mit dem Zug unterwegs und rege mich genauso oft auf. Bezüglich der Fahrt, um die es hier geht, trifft die arme Bahn allerdings so gar keine Schuld.
Im Abteil ist nur noch der Sitz direkt neben der Abteiltür frei.
„Na ja, zehn Minuten werde ich das wohl aushalten!"
Das Warnsignal vor der Abfahrt des Zuges mahnt:
„Bleiben Sie bitte nicht zwischen den Türhälften stehen. Es könnte Ihnen schlecht bekommen, Ihnen zu erschreckender Ähnlichkeit mit einem Pfannkuchen verhelfen oder gar etwas noch Schlimmeres nach sich ziehen!"
Es fährt kein potentieller Selbstmörder mit (Die pflegen sich wegen der zuverlässigeren Methode eher auf die Gleise zu legen!) und so rücken selbst Jugendliche sicherheitshalber im Mittelgang noch enger als ohnehin schon zusammen. Darob sehr zufrieden zockelt die Bahn los:
„Wir wünschen Ihnen eine angenehme Reise!"
Das hört man heute fast nur noch während der Fernreisen in IC und ICE. Oder sogar:
„Wir begrüßen ganz herzlich unsere Reisenden aus ...“
Toll, dieser Service!
Inzwischen sind sämtliche Abteile voll besetzt. Der Durchgangsverkehr läuft entsprechend chaotisch ab. Mich stört es nicht weiter, ich sitze ja. Zudem ist es ausgesprochen interessant, die unterschiedlichen Menschentypen zu beobachten und deren Outfit mehr oder weniger auffällig zu mustern. Ich staune ganze World Trade Center, was Leuten so einfällt, um sich von Anderen abzugrenzen:
Mir gegenüber sitzt ein ganz in Schwarz gekleideter Typ mit Springerstiefeln, Doch Geschmack muss ich ihm unbedingt zugestehen. Damit farblich alles passt, trägt er schwarzen Lippenstift, Schwarz auf sowie unter den Fingernägeln und von oben bis unten schmückt ihn blitzendes Metall. Ich geschocktes, unbedarftes Menschenkind fühle mich einer Ohnmacht gefährlich nahe. Von seinen Ohren baumeln nämlich je fünf kleine Gardinenringe und eine etwas größere Ausgabe ziert gar die Nase ... Ehem, das Letztere ist nur meiner Fantasie entsprungen, wäre aber echt praktisch, denn an dem hätte man diese Horrorausgabe Mitmensch ohne besonderen Kraftaufwand aus dem Zug entfernen können. Was aber eine unübersehbare Tatsache ist, ist der hübsche Nagel durch die Zunge.
´Stilbruch: Auf dem fehlt das Totenkopfbild!`, entsetze ich mich. ´Soll ich ihn darauf hinweisen? Vielleicht räumt er dann aus Dankbarkeit für jenen Tipp sogar freiwillig das Feld, weil er sich dessen schämt ... ?`
Doch dies muss ich sofort wieder vergessen, denn der Mittelgang sieht aus wie das Innere einer prall gefüllten Sardinendose.
´Bitte, wo ist der nächste Bahnhof?`
Wirklich steigen an dem viele der von dem Gedränge beinahe vergammelten, ääh, erschöpften Sardinen aus, werden aber sofort durch frisch eingefangene ersetzt. Es ist eine Wohltat, jene anzuschauen. Sie tragen noch den vagen Hoffnungsschimmer im Gesicht:
„Ich habe auf dem Bahnsteig das ´mit der guten Reise` mitgekriegt und lass mich gern überraschen!“
´Ich mich auch!`, sage ich mir, nämlich, wie lange deren gute Laune wohl noch anhalten wird.
Einige Fahrgäste langweilen sich anscheinend wegen der nur
leisen Geräuschkulisse der Gespräche ringsum. Sie wünschen mehr Action und Schwung. Wie wäre es denn mit einer polternden Wanderung durch sämtliche Abteile? Es wäre doch gelacht, wenn sie nicht Leben in die Bude bringen könnten. Augenscheinlich fühlen sie sich dafür verantwortlich, dass niemand gar eventuell aus tiefen Gedanken in noch tieferen Schlaf versinkt. Dies würde mich wegen des jetzigen Miefs aus der umwerfend aufdringlichen Duftmischung wirklich nicht wundern.
Einer jener Mitmenschen mit dem überragenden Verantwortungsbewusstsein für die Gemeinschaft stiefelt also mit laut quietschenden Sohlen den Gang entlang, stößt die Verbindungstür zum nächsten Abteil mit dem Schuh auf, tritt hindurch und es macht „Peng!“ Der Herdentrieb des Menschen gebietet es, solche Aktionen stets in Gruppen zu starten. Gemeinsam sind sie stark. Denn es macht entsprechend derer Mitgliederzahl dann sehr viel öfter ´Peng`. Jeder wartet also höflich, bis sein Vordermann die Tür hat hinter sich zuknallen lassen und sorgt dann gewissenhaft für weiteren beeindruckenden Lärm. Es sind sieben Halbwüchsige und der Krach hat eine extrem einhämmernde Wirkung auf die ohnehin angegriffenen Nerven der Fahrgäste, die so allmählich merkbar sauer werden. Die Jugendlichen jedoch genießen die so sehr erhoffte vermehrte Aufmerksamkeit von Herzen.
Juchuuuh! Endlich stehen sie im Mittelpunkt und sei es nur als unerwünschte Störenfriede. Jedoch haben sie die Lebensgeister der Reisenden geweckt, jene die zuvor verbrauchte Energie zurück. Der Kreislauf ist gerettet und die Ersten entrüsten sich lautstark über die Rücksichtslosigkeit der Twens.
„Das ist ja wohl die Höhe!“
„Also, wissen Sie, wenn wir uns das zu unserer Jugendzeit erlaubt hätten ... “
(Eventuell falsche verbale Kriegsführung, denn damals gab es vielleicht noch gar keine Bahn!)
„Das müsste mein Sohn sein ... !“, erbost sich eine Mutter mit einem kleinen Kind an der Hand. Ist er aber nicht und deshalb bleibt alles so, wie es ist.
Apropo Geruch: Da gibt es doch so niedliche Fläschchen. Drückt man ihre Knöpfe, antworten sie mit einem fein versprühten Duft, der beißenden Schweißgeruch stoppt oder wenigstens abmildert. Ich sehne diese Wunderdinger herbei, denn neben mir sitzt ein Mann, der stinkt, als ob er die Nacht auf einem Misthaufen verbracht hätte. Chanel Nr.5 ist das jedenfalls nicht! Selbst ein großes ´Anti` davor würde nicht ins Schwarze treffen. Mir wird schlecht. Solche Exemplare sollte man zum Augen- und auch zum Ohrenarzt schicken. Zum Augenarzt, damit sie danach beim Anblick der Reklamen in den Drogerie- sowie Parfümerie-Abteilungen oder auch im Fernsehen, während sie sich die betreffenden Werbespots rein ziehen, auf den richtigen Trichter kommen. Zum Ohrenarzt, damit sie endlich deutlich vernehmen, wie sehr sie ihren Mitmenschen stinken. Im wahrsten Sinne des Wortes.
Und ich möchte noch etwas unbedingt zur Diskussion stellen: Weshalb wird alles so grauenhaft verschmiert, warum sehen die noch neuen Sitze nach nur drei Fahrten aus, als ob ´ne Hühnerschar ihre künstlerische Begabung getestet hat? Und wieso haben sie dafür ausgerechnet nur abriebfeste Farbe verwendet? - Und warum werden die kleinen Abfallbehälter neben jeder Sitzreihe mit angeknabberten Butterbroten vollgestopft und mit Saftresten? Muss das denn sein? Denken Sie mal darüber nach!
Trotzdem noch wünsche ich einen eine angenehme Reise!