Optiker Linse
Von
tastifix
Mittwoch 27.03.2019, 19:36
Du möchtest die Antworten lesen und mitdiskutieren? Tritt erst der Gruppe bei. Gruppe beitreten
Von
tastifix
Mittwoch 27.03.2019, 19:36
Du möchtest die Antworten lesen und mitdiskutieren? Tritt erst der Gruppe bei. Gruppe beitreten
Optiker Linse war ein fleißiger Optiker und stets beinahe ungewöhnlich besorgt ums Kundenwohl. Allerdings vergaß er nie, auf den wahrlich hervorragenden Service seines überall gelobten und als ein billiges, alle Stunde durch die Fernsehwerbung flimmerndes Geschäft mit dem passenden Namen Argusauge aufmerksm zu machen. Den Kunden blieb der Mund vor Achtung und Beachtung offen stehen, was sie praktischerweise daran hinderte, denn doch ab und zu geringen Zweifel an den den Umsatz ankurbelnden Versprechungen zu äußern. Das Familienunternehmen Argusauge fiel der Allgemeinheit also sehr angenehm in das gleiche. Jeder, der etwa auf sich und seine Preisvergleichsrechenkünste hielt, trug in erheblichem Maße dazu bei, dass der Optiker Linse nicht von der Karriereleiter fiel.
Stattdessen eröffnete er eine Filiale nach der anderen und kletterte bald in den Augen der Bevölkerung zum König aller Günstigbrillenhersteller auf. Er selber dagegen trug inzwischen ein extrem teures Gestell der Edelmarke ´Wow` und verkehrte ausschließlich mit der High Society.
So ging es lange Zeit weiter. Dann jedoch kursierten gewisse Gerüchte. Argusauge`s Fans horchten auf, mochte es nicht glauben, was sie erfuhren. Ein Kunde behauptete nämlich, alles in all den Jahren sei Augenwischerei gewesen, um den über lange Zeit hin wohl geistig blinden Hilfesuchenden das Geld aus der Tasche und in die des Optikers zu locken. Wirklich existierte ein Unternehmen, das noch weitaus billiger war als Argusauge. Ärgerlich über die eigene optische Trübheit und empört wegen Linses verschlagener Verkaufstaktik wechselte die gesamte Kundschaft dorthin und ließ den Optiker tief in den sich ständig mehr verdichtenden Nebel des Umsatzminus fallen. Als ihm sowohl kein hilfreicher Tipp wie auch kein einziger Kredit von den Banken zur Rettung des Geschäftes mehr gegeben wurden, stellte er verzweifelt seine ´Wow`- Brille bei Ebay ein, was aber nicht viel einbrachte. Letztendlich vertrieb sich Optiker Linse den Arbeitstag damit, in dem verwaisten Laden stundenlang die eigenen Brillengestelle aufzuprobieren. Erstehen konnte er sie nicht, denn sie waren zu kostspielig. Linse war pleite.
Gerade noch rechtzeitig fiel ihm das Passende ein: Er wandte sich an den Himmel, beteuerte Reue und bat, immerhin wieder halb klaren Blickes, um Hilfe. Der nahm sich des zerknirschten Sünders an und gab ihm eine zweite Chance. Weil des Optikers Ansehen auf Erden zerstört war und jener zudem gesundheitlich am Ende war, ließ der Himmel ihn wieder aufsteigen - diesmal noch höher bis in die überirdischen Gefilde. Dort wurde ihm der optische Sinn gründlich erhellt und ein himmlisches Brillengeschäft zur Verfügung gestellt. In dem ging es fortan ausgesprochen fair zu. Es gab keine leeren Versprechungen mehr. Beeindruckt strömten Petrus, die Heiligen, die Engel und selbst Nikolaus` Rentiere herbei. Denen hatten dichte Wolkenmassen schon seit Jahrhunderten die Sicht vernebelt. Ihnen allen schärfte Optiker Linse den Blick und keine noch so geringe Untat auf Erden blieb mehr ungesehen.
Linse musste es nicht mehr kümmern, denn er schritt derweil, von Allen geachtet, mit einer nun strahlend weißen Weste und entsprechend klarem Blick durch die Glückseligkeit …