Nachruf für ein Rufzeichen (2)
Von
tastifix
Samstag 28.12.2019, 14:48
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tastifix
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Satzzeichen betonen Gedanken von Menschen. Also durften sich die schwarzen Figürchen, die Klein- und erst recht die Großbuchstaben,aber auch die winzigen Punkte, die etwas längeren Kommata, die noch größeren Semikolons, die elegant-langgestreckten Gedankenstriche und letztendlich die imponierend geschwungenen Fragezeichen ein ihrer Größe entsprechendes Quäntchen an Intelligenz zusprechen. Die schöpften sie alle endlich mal aus. Das Beispiel des nunmehr stolz posierenden „Ach´s“ vor Augen, wurden aus den Chaoten kleine Soldaten. Es formierte sich allmählich ein Buchstabenheer. Das Selbstwertgefühl der Ritter des Schriftverkehrs erholte sich zunehmend.
Die Großbuchstaben übernahmen erneut die Führerrolle in den Anfangssilben der Wörter. Die Kleinbuchstaben reihten sich aneinander. Vokale entdeckten die Konsonanten. Jene ketteten froh bereits zum zweiten Male die vermissten Vokale ihres Wortes an sich. Die Punkte brachten nicht länger durch konfuses Verhalten, sich irgendwo zwischen zwei Buchstaben zu platzieren, die Regeln der Zeichensetzung durcheinander. Ebenso taten die Kommata und die Semikolons. Ja, ihr (wenn auch minimales) Denkvermögen flüsterte ihnen zu, wo sie, verflixt und zugenäht, sich gefälligst aufzuhalten hätten.
Alle kostete es eine ungeheure Konzentration, ja keinen Fehler zu machen, um ein neues, dann noch verrückteres Chaos zu verhindern. Da fiel den apart geschwungenen Fragezeichen die neue Disziplinierung weitaus leichter. Sie nannten nämlich mindestens zwei Quäntchen Intelligenz ihr Eigen, die sie nun mehr als jemls zuvor einsetzten. Allerdings traten sie schüchterner auf als ihre Kollegen, die Rufzeichen. Sie hießen ja nicht grundlos Frage-Zeichen. Doch durch den Tod Augustchens hatten sie an Rang gewonnen. Stöhnend befahlen sie alle Anteile der Schrift auf deren Plätze, riefen schief stehende Buchstaben zur Ordnung, halfen ratlos umher purzelnden kleinen Punkten und Kommata, die passende Buchstaben- oder Wortlücke einzunehmen und ernteten zum Dank ein strahlendes, tiefschwarzes Blinken.
Aufseufzend unter der Last der neuen Verantwortung richteten sie nachdenklich eine bewundernde Frage gen Himmel:
„Wie hat Augustchen das bloß alles in den Griff bekommen? Das ist ja niederkrümmend!“
Nur noch mit eisernem Willen hielten sie sich aufrecht, um nicht einen noch krummeren Rücken zu bekommen. Sie wollten jetzt beweisen, dass sie nicht lediglich kluge Fragen stellen konnten, denn sie waren ja jetzt immens wichtige Persönlichkeiten.
Allmählich verschwand das panische Gewirr. Der Monitor fand fast seine Ausgeglichenheit wieder. Wieso nur fast? War denn jetzt nicht die alte Ordnung wieder hergestellt? Ja, zwar standen sämtliche mehr oder auch weniger weisen Schriftzeichen auf ihrem eigenen Standplatz und verharrten dort unbeweglich, aber in der elektrischen Luft herrschte anhaltend eine gewisse Spannung. Alle wurden das Gefühl nicht los, dass das Abenteuer noch nicht ausgestanden war. Bald löste sich das Rätsel:
Der Großbuchstabe „H“ streckte laut „Hurra“ jubelnd den linken, senkrechten Balken begeistert zum virtuellen Himmel. Die Anspannung aller schwand. Neugierig riskierten sie einen Blick nach oben. Die Kleinbuchstaben waren dabei etwas im Nachteil.
„Was ist denn?“, piepste ein besonders vorwitziges kleines „i“ und versuchte der besseren Aussicht wegen keck, auf das links neben ihm stehende kleine „a“ zu steigen. Mit einem empörten „Iih!“ schubste es den Frechdachs unsanft zurück und bekam von dem beleidigten Etwas ein gereiztes “Au“ zu hören.
Es hatte sich infolge an dem Häkchen des rechts neben ihm stehenden kleinen „r`s“ gestoßen.
Wieso aber hatte das große „H“ seine streng-geometrisch-militärische Haltung aufgegeben und so die neue alte Ordnung durcheinander gewirbelt? Auch wir Menschen schauten verunsichert zum virtuellen Himmel. Zur Strafe für unsere Undankbarkeit blieb uns der Anblick der schattenhaften Erscheinung dort oben verborgen. Was war geschehen? Das „H“ hatte Augustchens Geist entdeckt und erkannt. Ihr Augustchen ließ sie nicht im Stich! Vor Freude flimmerten die Buchstaben zitternd vor sich hin.
„Fantastisch!“, tönte ein kleines „f“.
„Rasant!“, meinte ein „r“.
„Wunderbar!“, staunte ein „W“.
„Grandios!“, gebärdete sich ein großes „G“ euphorisch wie toll.
„G“ steht für Geist. Den es jetzt bewies, indem es sich zum Reporter des fantastischen, wunderbaren, ja tatsächlich grandiosen Ereignisses machte. Damit selbst die kleinsten Schriftzeichen etwas davon mitbekamen, hielt es eine ausgesprochen bedeutungsvolle Rede:
„Meine lieben winzigen, kleinen, etwas größeren und großen Kameraden in der weltweiten Bildschirmwelt! Jetzt sind wir im Vorteil. Menschen verhielten sich achtlos gegenüber Augustchen. Beanspruchten seine Hilfe, ermordeten und vergaßen es. Deshalb ist nur uns, die wir seiner gedachten, dieser Anblick vergönnt. Es ist um uns, verzehrt sich nach Dankbarkeit, damit seine Zeichenseele die ewige Ruhe findet.“
Augustchens Geist war inzwischen klarer zu sehen und vage als ein Rufzeichen zu erkennen. Mit seinem Balken und dem um 180 Grad verdrehten I-Punkt. Doch in der feierlichen Ansprache des weisen „G`s“ folgte noch eine Steigerung der tiefen Dankbarkeit:
„Wärest Du, Augustchen, nicht so selbstlos gewesen, hätten die Menschen niemals schriftlich Freude, Trauer, Tragik in angemessenem Stil zum Ausdruck bringen können. Du warst weiser als wir alle, gabst uns Bedeutung, die für uns Leben bedeutet. Wir, Dein fast unüberschaubares Buchstabenheer, danken Dir dafür!“
Sämtliche Buchstaben, die winzigen Punkte, die kleinen Kommata, die etwas größeren Semikolons, die elegant-lang gestreckten Gedankenstriche und erst recht die gar nicht mehr schüchternen Fragezeichen verharrten ihm zur Ehre mucksmäuschenstill und starr stehend wie auch die Buchstaben. Bei jedem weiteren Satz des großen, weisen „G´s“ hatte sich Augustchens Seele deutlicher formiert. Die ihr entgegen gebrachte Aufmerksamkeit brachte sie zum Blitzen. Alle Enttäuschung ob der undankbaren Menschenwelt war vergessen. Das ganze ABC heftete verehrend den Blick auf sie, erfüllt von Dankbarkeit ob der wieder gewonnenen eigenen Wichtigkeit. Deshalb war
Augustchens Seele kurz als stolzes, selbstbewusstes Rufzeichen zu betrachten. Danach verflüchtigte sie sich wieder in die inneren Schichten der weißen Dokumentenseite.
Stille lag über dem Bildschirm. Doch der Lohn für die bewiesene Aufmerksamkeit stand für das Buchstabenheer noch aus. Ein helles Computerpiepsen, wie ein Jubelschrei des ehemals oft hoch geachteten Augustchens, zerriss das Schweigen. Bevor das vollständige ABC mit all seiner Intelligenz dies in der richtigen Weise deuten konnte, geschah etwas Wunderbares, das die ohnehin schon in ihrem Selbstwertgefühl gestärkten Schriftzeichen noch stärker werden ließ: Der virtuelle Himmel auf der eigentlich stets blendend weißen Dokumentenseite färbte sich grau-schwarz. Aus den inneren Schichten des Bildschirmbildes bohrten sich Tausende winziger Rufzeichen an die Oberfläche und schwebten auf die immer noch salutierenden Buchstaben hernieder. Von Augustchens Willen geleitet, fanden sie alle den für sie reservierten Platz. Ketteten wie schon vor Jahrtausenden Worte zu wichtigen Aussagen zusammen, gewannen dadurch an Selbstbewusstsein, übernahmen wieder die Führerrolle am Satzende und retteten so das Abc vor dem dereinst drohenden weißen Tod. Augustchens Seele hatte endlich Frieden gefunden. Glückliches Augustchen!
Doch ein zweites Mal missachteten Millionen von Menschen vor ihren Computern in aller Welt kaltherzig Augustchens selbstlosen, diesmal sogar post letalen Einsatz. Sie gedachten nicht für die Dauer einer Sekunde des von ihnen ausgenutzten, dann ermordeten und letztendlich vergessenen kleinen Rufzeichens, blieben davon gänzlich ungerührt. Menschen sind eben keine Schriftzeichen. Armes, bedauernswertes Augustchen!