Nachruf für ein Rufzeichen (1)
Von
tastifix
Freitag 27.12.2019, 20:09
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tastifix
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Das bedauernswerte Rufzeichen war soeben per technischem Radiergummi „Back Space“ aus dem mit ihm liebevoll verstärkten Satz entfernt worden. War das der Dank für seine äußerst zuverlässige, jahrelange Hilfe dabei, Aussagen der Menschen eine kolossale Bedeutung zu verleihen?
Man hatte ihm irgendwann den Namen "Augustchen" angehängt. Von wem, wuste das Rufzeichen nicht, denn dies lag schon zu lange zurück. Besonders intelligent konnte derjenige aber nicht gewesen sein, denn jenem Kind der Schreibkunst war eine bedeutende Position zugedacht. Na ja: Der Mensch hatte ja noch keine Erfahrung im Umgang mit Schriftzeichen gehabt.
Das Satzzeichen konnte sich gegen diese scheinbar degradierende Geschmacklosigkeit nicht wehren. Wenigstens war ihm schnell der Stempel ´selbstsicher` aufgedrückt worden. Zudem recht klug, sprach es sich in Selbsttherapie selber Trost deswegen zu. Immer wieder murmelte es den mit einen gewissen Ruf behafteten Namen vor sich hin. Und grübelte:
´Es gibt ja nicht nur den ´dummen August` im Zirkus!`
Nein, in den vielen Texten, an deren auffallend akzentuierter Formulierung es maßgeblich beteiligt gewesen war, kannte es „August“ mit sehr positiven Bedeutung. Jener trat stets kurz nach Jahresmitte in Erscheinung, hieß mit Nachnamen ´Monat` und sorgte meist für heißes Wetter und fröhliche Menschen. Die fuhren dann bester Laune in Urlaub.
´Also ist August etwas Angenehmes, sehr Beliebtes.`
Das Schriftzeichen Augustchen war oft genauso hoch angesehen. Je nachdem, welchen Ausspruch es im Prestige beträchtlich gehoben hatte. So lernte Augustchen seinen Namen zu lieben. Ein Rufzeichen mit Köpfchen!
Aber zurück in die Gegenwart: Der Schriftsteller, der Augustchen einfach ausmerzte, verbannte es mit einem simplen Mausklick ins Weiß der vor ihm flimmernden Dokumentenseite, in das sich sein schlanker Körper in Sekundenbruchteilen verflüchtigte.
Es war tot. Trotzdem wurden seine Verdienste von niemandem gewürdigt. Schwer enttäuscht fand es zwischen den weißen Flimmerfasern nicht den ewigen Frieden. Seine Seele zwängte sich durch die inneren Schichten des Monitorbildes und kämpfte sich als Schatten ähnliches Geistwesen zwischen den Schriftzeichen ihres ehemaligen Satzes hindurch. Deprimiert schaute sie dem desorientierten Treiben der ihres ach so gewichtigen Zeichens beraubten Einzelteile der ABC-Mannschaft zu.
Verwirrt tanzten die Anteile des ehedem so geordneten Wortgefüges umher und riefen verzweifelt nach Augustchen:
„Wo bist du? Du kannst uns doch nicht ohne Satzabschluss so stehen lassen. Ohne dich sind wir nicht vollständig!“
Ein heilloses Chaos rumpelte und polterte über den Schirm. Urplötzlich vereinsamte Vokale suchten entsetzt ihre nachfolgenden Konsonanten, die ihrerseits nach den ihnen folgenden Vokalen fahndeten. Wörter schrien in schwarz-weißer Aufregung nach vermissten Silben, denn ohne sie waren sie nichts. So bedeutungslos endete für Buchstaben und Silben im weißen Tod.
„Und nun?“, jammerte ein kleines „a“, schnappte hilfesuchend mit dem auslaufenden Endbogen den Anfangsbogen eines kleinen „c“ und umklammerte es in höchster Not. So fühlte es sich wenigstens etwas sicherer. Da hopste ein seinen Wortzusammenhalt entbehrendes “h“ vorbei. Das kam den Beiden gerade recht. Das „c“ piepste mit hohem Stimmchen:
„Halt!“, und spielte Haltebogen für jenen übermütigen Hampelmann.
Überglücklich genossen es das „a“, das „c“ und das „h“, wieder in ein Wort eingebunden, damit in Sicherheit zu sein. Als Erstes das „a“ mit Bassstimme, dann heller das „c“ in „Tenor“, zuletzt das „h“ als Bariton:
„Gerettet. Wir sind wieder von gesteigertem Wert!“ ...