Mein Erlebnis mit Albert Schweitzer
Von ehemaliges Mitglied Mittwoch 18.07.2018, 17:41 – geändert Mittwoch 18.07.2018, 17:51
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Sommer 1959
Wieder einmal war ich - wie jedes Jahr in den Ferien - auf dem Bauernhof meiner Großmutter. Meine Eltern weilten auch wieder - wie jedes Jahr - zur 6-wöchigen Kur in Bad Ischl in Österreich.
Also durfte ich als jüngstes Kind der Familie, konnte mich ja nicht alleine versorgen, zur Oma nach Cleversulzbach.
So arg gerne ging ich nicht zur Oma, denn sie hatte einen Bauernhof mit Weinbergen usw., den sie zusammen mit einem Pächter bewirtschaftete.
Ich denke meine Abneigung gegen Gartenarbeit kommt von den Besuchen auf dem Bauernhof, meine Oma war auch immer bedacht, mich irgendwo auch immer einzuspannen. Meist verbarg ich mich oben auf dem Dachboden, damit sie mich nicht fand.
Der Dachboden war sowas von interessant, darüber schreibe ich einmal noch genauer. Auch, dass ich genau 59 Jahre später den Dachboden wieder gesehen habe.
Es ging damals wie ein Lauffeuer im Dorf um und der Büttel verkündete es auch groß im Dorf.
Albert Schweitzer kommt in das Mörikedorf und spielt an der Orgel der
St. Jost Kirche in Cleversulzbach.
Dazu muß auch gesagt werden, dass Eduard Mörike gerade an der St.Jost Kirche in Cleversulzbach als Pfarrer gepredigt hat und dort einige seiner größten Gedichte verfasst hat. Er war Pfarrer in dieser Gemeinde von
1834 - 1843 und diese Zeit gehört zu den glücklichsten Jahren für ihn.
Die St. Jost Kirche wird als Erbauungsjahr auf das Jahr 1592 datiert.
Der Name St. Jost steht für einen normannischen Königssohn, der auf den Thron verzichtete und Klostergründer wurde.
Albert Schweizer, der sich nicht nur mit dem Werk Mörikes, sondern vor allem mit dem Werk Bachs auseinandersetzte, kam also zu Besuch nach Cleversulzbach und spielt an der Orgel der St. Jost Kirche.
Meine Oma und die Bevölkerung von Cleversulzbach waren 1959 total aus dem Häuschen und meine Oma wollte auch gerne Albert Schweitzer hören, doch was machte sie mit mir?
Ich unruhiges Kind konnte doch nicht stillsitzen und dazu noch Orgelmusik, das konnte ich mir damals auch nicht vorstellen.
Meine Oma schärfte mir also ein, mich ruhig zu verhalten und versprach mir einen Schokoladenpudding zu kochen, wenn ich artig bin.
Naja, Schokopudding das war eine Option, denn der von Oma war schon genial, nix mit Päckchen, das kaufte Oma nicht. Der Schokopudding war handgemacht, mit Stärkemehl, echter Schokolade, Eiern und Eiweiß usw.
Also gut, meine Oma nahm mich also mit in die Kirche, die schon voll besetzt war.
Da kam er dann auch, Albert Schweitzer, ich wußte nicht, wer das war und es interessierte mich ja auch nicht, wichtig war der Schokopudding.
Albert Schweitzer stieg die Treppe zur Orgel hoch, verbeugte sich oben an der Orgel und fing an zu spielen.
Ich saß da und lauschte und lauschte dieser wunderbaren Musik, ich war mit 10 Jahren gefangen von diesem Mann, der ein Orgelwerk nach dem anderen spielte.
Es war so wunderbar und die Vorführung dauerte etwas über eine Stunde.
So ein wenig Klassik bekam ich ja immer wieder von meinem Bruder mit, das waren aber eher Verdi und Puccini Opern.
Bach und Orgel war es weniger.
Ich war gefangen von dieser Musik und von diesem Mann und saß auf der Kirchenbank und hörte.
Den Schokopudding hatte ich fast vergessen, ich bekam ihn aber dann am nächsten Tag, gekocht von der Oma auf dem Herd mit dem Feuer, den sie so geschickt bediente.
Heute denke ich, hätte ich das doch noch viel mehr genossen, aber wer weiß schon mit 10 Jahren, wer Albert Schweitzer ist.
Foto:
St.- Jost-Kirche in Cleversulzbach